Für einen neuen Internationalismus im Zeitalter des Krieges

Selbst in so düsteren Zeiten wie den gegenwärtigen ist jetzt der Moment, von Befreiung zu sprechen. Die aktuellen militärischen Konflikte, die von den Vereinigten Staaten und Israel initiiert wurden, haben die anhaltende Wirkmacht und den Druck globaler Dynamiken und Prozesse offengelegt – in einer Situation, in der der Weltmarkt zugleich zersplittert und dennoch wirksam erscheint. Angesichts der sich ausbreitenden Kriege und Kriegsregime bedarf es neuer Theorien und Praktiken des Internationalismus, um diesen Bedrohungen wirksam Widerstand entgegenzusetzen. Ein neuer Internationalismus muss jedoch auch ein positives Projekt entwickeln: Er muss die Grundlagen für einen gemeinsamen Kampf um Befreiung schaffen. Dieser Aufsatz ist der notwendigen Verbindung zwischen Internationalismus und einer Politik der Befreiung gewidmet. Bevor wir uns jedoch dem Internationalismus zuwenden, müssen wir zunächst die Gefahren und Grenzen der gegenwärtigen Formen von Imperialismus und Krieg in den Blick nehmen. Denn gerade die anhaltenden globalen militärischen und ökonomischen Dynamiken bestätigen sowohl die Möglichkeit als auch die Notwendigkeit einer internationalistischen Politik in der Gegenwart.

Die Welt im Spiegel von Hormus

Die massiven Angriffe auf den Iran, die Ende Februar 2026 begannen, haben die Grenzen der Macht der USA und Israels offengelegt. Irans Widerstand gegen die Angriffe und sein Überleben haben eine neue Form asymmetrischer Kriegsführung sichtbar gemacht, die sinnbildlich für die Straße von Hormus steht. Die Strategie der USA und Israels bestand darin, das anzugreifen, was sie als Zentrum der iranischen Macht betrachteten. Gezielte Tötungen führender politischer, religiöser und militärischer Persönlichkeiten sowie Angriffe auf zentrale Militäreinrichtungen und strategische Infrastruktur sollten den Zusammenbruch des Regimes herbeiführen und seine militärischen Fähigkeiten ausschalten. Stattdessen erwiesen sich die dezentralen und vernetzten Strukturen der politischen wie auch der militärischen Macht des Iran trotz enormer Verluste als widerstandsfähig. Dies weist Ähnlichkeiten mit früheren Vorstellungen asymmetrischer Kriegsführung auf, unterscheidet sich jedoch in wesentlichen Punkten von ihnen. Bisher beruhte das Konzept asymmetrischer Kriegsführung vor allem auf Guerillataktiken und nichtstaatlichen Milizen, die einer militärischen Besatzung entgegentraten. Der Iran hingegen hat eine staatliche Strategie entwickelt, die selbst dann funktioniert, wenn es keine Besatzungsmacht gibt, die angegriffen werden könnte. Die Dezentralisierung hat es dem Iran ermöglicht, die massiven Bombardierungen zu überstehen und zugleich einen Teil seiner militärischen Handlungsfähigkeit zu bewahren.

Von größter Bedeutung war jedoch die Instrumentalisierung der Straße von Hormus als Waffe. Sie ist zu einem zentralen logistischen Knotenpunkt geworden, dessen Bedeutung weit über den Ölmarkt hinausreicht. Mit kleinen Schnellbooten und Seeminen – oder bereits durch die bloße Androhung ihres Einsatzes – hat der Iran nicht nur den globalen Energiemarkt empfindlich gestört, sondern auch, wie Adam Hanieh1 erläutert, den weltweiten Lebensmittelmarkt, der für die gegenwärtigen landwirtschaftlichen Produktionsweisen auf Düngemittel angewiesen ist. Aufgrund seiner geografischen Lage hat der Iran die Abhängigkeit vom Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus in ein Druckmittel verwandelt, das insbesondere die Wirtschaften und Machtstrukturen der Region bedroht. Das überaus erfolgreiche Entwicklungsmodell der Golfstaaten mit seinen glanzvollen Flughäfen und spektakulären Skyline-Metropolen wurde innerhalb weniger Tage erschüttert. Zwischen den Staaten der Region traten Spannungen zutage, insbesondere zwischen Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Diese Spaltungen brachten auch Israels Projekt regionaler Wirtschafts- und Sicherheitsallianzen ins Wanken. Ohne die Unterstützung dieser Bündnisse stehen Israels expansionistische Kriege – einschließlich der gegenwärtigen militärischen Vorstöße vom Südlibanon bis nach Beirut – plötzlich auf deutlich unsichererem Fundament. Zu ihrer Fortsetzung bleibt kaum mehr eine andere Rechtfertigung als die Logik militärischer Besatzung, ethnischer Säuberung und territorialer Annexion.

Darüber hinaus ist es dem Iran in der Straße von Hormus gelungen, den Weltmarkt gegen die Vereinigten Staaten in Stellung zu bringen und damit die fortbestehende gegenseitige Abhängigkeit des globalen kapitalistischen Systems sichtbar zu machen. Die Vereinigten Staaten strebten seit Langem nach energiepolitischer Unabhängigkeit und glaubten, dieses Ziel durch die Ausweitung der heimischen Öl- und Gasförderung erreicht zu haben. Doch die Reaktion des Weltmarkts auf die Schließung der Straße von Hormus machte deutlich, dass eine solche Autonomie nicht möglich ist. Einige Regionen leiden stärker als andere unter den Folgen logistischer Störungen und steigender Energiepreise, doch selbst vermeintlich unabhängige Wirtschaften sind tiefgreifend betroffen. Die Welt ist nicht flach, doch der Weltmarkt entfaltet seine Macht und setzt seine Bedingungen weiterhin durch – gerade vermittels der Bruchlinien, die ihn zunehmend durchziehen. Es ist ironisch, dass ausgerechnet der Iran, der im internationalen System vergleichsweise isoliert ist, die anhaltende Wirksamkeit globaler Dynamiken und die Unausweichlichkeit ihres Drucks vor Augen führt.

In den ersten Tagen dieser Welle amerikanischer und israelischer Bombardierungen schien ihre militärische Schlagkraft, verstärkt durch Systeme der künstlichen Intelligenz und umfassender Überwachung, unbesiegbar. Inzwischen hat sich jedoch gezeigt, wo die tatsächlichen Grenzen ihrer Macht liegen. Die zerstörerische Kraft dieser tödlichen Waffenarsenale ist unbestreitbar, ebenso wie das Leid, das sie verursachen. Dennoch hat sich die gesamte militärische Überlegenheit als unfähig erwiesen, die selbst gesetzten Kriegsziele zu erreichen oder einen Gegner zu besiegen, der über weitaus geringere militärische Fähigkeiten verfügt. Erneut hat die asymmetrische Kriegsführung die herkömmlichen Annahmen über militärische Überlegenheit auf den Kopf gestellt.

Das am 17. Juni zwischen den Vereinigten Staaten und dem Iran unterzeichnete „Memorandum of Understanding“ hat an der Situation nichts Grundlegendes geändert. Es bestätigt vielmehr den entstandenen Pattzustand, der nicht zu einem wirklichen Frieden führen wird, sondern zur Fortsetzung eines Kriegsregimes. Damit ist eine Regierungsrationalität gemeint, die sowohl die Ausweitung militärischer Konfrontationen niedriger wie hoher Intensität als auch die Militarisierung ökonomischer und sozialer Beziehungen einschließt. Der Krieg hört auf, ein Ausnahmezustand zu sein, und wird zu einem dauerhaften Mechanismus der Herrschaft über eine zersplitterte Welt. Dieses Kriegsregime entfaltet sich vor dem Hintergrund der fortbestehenden Präsenz und des anhaltenden Drucks jener globalen Dynamiken und Prozesse, die sich an der Straße von Hormus so deutlich zeigen.

Diese globalen Dynamiken und Prozesse stehen – obwohl sie häufig unsichtbar bleiben – im Zentrum des sich herausbildenden globalen Kriegsregimes. Wie können wir in diese Prozesse eingreifen und neue Wege eröffnen, um diesen permanenten Zustand von Zerrüttung und Zerstörung zu überwinden? Welche Form des Internationalismus ist in der Lage, der gegenwärtigen Kriegskonjunktur entgegenzutreten?

Ein Internationalismus auf mehreren Ebenen

Obwohl viele Wissenschaftler:innen und Aktivist:innen den Eindruck haben, dass Aufrufe zum Internationalismus weit von unserem Alltag und den konkreten Kämpfen entfernt sind, in die unsere Hoffnungen und unser politisches Engagement investiert sind, sollte deutlich sein, dass es beim Internationalismus heute keineswegs um abstrakte Fragen geht. Wir sollten uns nicht in den alten Gegensatz zwischen dem Globalen und dem Lokalen verstricken, als handele es sich dabei um sich gegenseitig ausschließende Ebenen oder Handlungsfelder.

Einerseits sind globale Kräfte und Dynamiken in lokalen Alltagssituationen sehr real und wirksam – auf eine Weise, die sich zwar von der Situation an der Straße von Hormus unterscheidet, aber nicht weniger wirkungsvoll ist. Andererseits lassen sich bereits zahlreiche konkrete Verbindungen und starke Resonanzen zwischen lokalen Kämpfen erkennen, die jedoch stärker hervorgehoben und weiterentwickelt werden müssen.

Eine der Errungenschaften der globalisierungskritischen Bewegung zu Beginn des Jahrtausends bestand darin, die Zusammenhänge zwischen Produktion und Konsum sichtbar zu machen. So zeigte etwa die Kampagne Students Against Sweatshops, wie Kleidung und Waren, die in den großen Einzelhandelsketten in San Francisco oder London verkauft werden, auf menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen in Kambodscha und Vietnam beruhen. Diese Verbindungen sind nicht immer unmittelbar sichtbar, doch sie liegen direkt unter der Oberfläche.

Die Totalität des globalen Kapitals entzieht sich der Darstellung, wie unter anderem Fred Jameson2 hervorgehoben hat. Eisensteins unvollendetes Filmprojekt zu Das Kapital kann als Sinnbild dieser Schwierigkeit gelten. Dennoch ist es möglich, einige seiner Entwicklungslinien und Erscheinungsformen ebenso sichtbar zu machen wie die konkreten Machtstrukturen und Akteure, auf denen es beruht. Darüber hinaus ist die Welt, die das Kapital hervorbringt – oder genauer gesagt: die Welt, die aus den vielfältigen Formen kapitalistischer Ausbeutung und Enteignung lebendiger Arbeit sowie subalterner Bevölkerungen hervorgeht –, alles andere als homogen. Sie ist vielmehr durch zugleich homogenisierende und heterogenisierende Tendenzen geprägt und setzt sich aus unterschiedlichen politischen, ökonomischen und sozialen Regimen zusammen. Auch wenn sich diese Totalität nicht vollständig erfassen lässt, können wir doch partielle, aber analytisch tragfähige Einsichten in die Konturen und Funktionsweisen des globalen Kapitals gewinnen.

So heterogen wie die kapitalistische Welt sind auch die Kämpfe, die ihr weltweit entgegentreten. Die Vielfalt und Verschiedenheit dieser Kämpfe bilden die unverzichtbare Grundlage und den Bezugspunkt jedes internationalistischen Projekts der Gegenwart. Ein solches Projekt muss daher vielfältig aufgebaut sein und mehreren Ebenen verfolgen, die ineinander greifen und sich gegenseitig ergänzen.

Obwohl Internationalismus ein aufständisches Projekt sein muss, das sich gegen die bestehende Ordnung richtet, können auch Nationalstaaten und supranationale Institutionen auf einer bestimmten Ebene einen wichtigen Beitrag leisten. In mancher Hinsicht knüpft dies an internationalistische Traditionen des 20. Jahrhunderts an, in denen Staaten und soziale Bewegungen zusammenwirkten – von der Komintern bis Bandung3. So verwiesen etwa die Bemühungen um regionale Bündnisse progressiver Regierungen in Lateinamerika in den vergangenen Jahren – trotz ihrer Widersprüche und nur in begrenztem Maße – auf eine Alternative zum Neoliberalismus und zum Washington Consensus. Jüngst hat auch die von Südafrika vor dem Internationalen Gerichtshof gegen Israel eingereichte Völkermordklage einen anderen institutionellen Weg aufgezeigt. Südafrika nutzte die bestehende supranationale institutionelle Infrastruktur erfolgreich, um in unterschiedlichen nationalen Kontexten einen neuen politischen Handlungsspielraum für die Solidaritätsbewegungen mit Palästina zu eröffnen. Die Klage stärkte diese Bewegungen nicht zuletzt deshalb, weil sie den Vorwurf des Völkermords in einer völkerrechtlichen Sprache und innerhalb eines juristischen Verfahrens legitimierte.

Staaten und supranationale Institutionen können zwar eine bedeutende Rolle spielen, sie können jedoch weder die alleinige noch die wichtigste Triebkraft eines Internationalismus der Gegenwart sein. Gesellschaftliche Bewegungen und aktivistische Initiativen sind die eigentlichen Quellen politischer Innovation und unverzichtbare Bestandteile jedes internationalistischen Projekts. Dabei müssen wir gesellschaftlich Bewegungen über das vereinfachende Bild von Demonstrationszügen und Transparenten hinaus denken, ebenso wie über die engen Begriffsbestimmungen soziologischer Modelle. Bewegungen umfassen eine Vielzahl kollektiver Praktiken und Handlungsformen, die institutionellen Machtstrukturen aktiv entgegentreten oder in einem dauerhaften Spannungsverhältnis zu ihnen stehen. Darüber hinaus müssen wir unser Verständnis gesellschaftlicher Bewegungen von der überkommenen Trennung zwischen Theorie und Praxis befreien. Bewegungen sind zugleich Orte der Begriffsbildung, in denen kollektiv Konzepte und handlungsleitende Deutungen der Welt entwickelt werden.

Ebenso wichtig ist, dass Internationalismus auch in räumlicher Hinsicht als ein Projekt auf mehreren Ebenen verstanden werden muss. Eines der Hindernisse, mit denen die globalisierungskritische Bewegung konfrontiert war, bestand in der Annahme, dass Eingriffe in globale Prozesse nur möglich seien, wenn man zu den Machtzentren und Gipfeltreffen reiste – von Seattle über Göteborg bis Genua. Dadurch entstand eine Art Arbeitsteilung zwischen den Aktivist:innen, die international reisen konnten, und jenen, die in ihren lokalen, sozial verankerten Kontexten arbeiteten. Das Ergebnis war eine Sackgasse, die die Bewegungen schließlich schwächte. Eine mehrstufige Konzeption des Internationalismus geht dagegen davon aus, dass es zahlreiche Wege und Formen gibt, in globale Machtprozesse einzugreifen. Internationalistische Kämpfe können im Stadtviertel oder in der Stadt, auf nationaler oder regionaler Ebene beginnen und von dort aus die umfassenderen Machtstrukturen in den Blick nehmen. Eine der zentralen Herausforderungen besteht deshalb darin, diese unterschiedlichen Ebenen und vielfältigen geografischen Räume miteinander zu verbinden und zugleich ihre gegenwärtige Instabilität und ständige Veränderung anzuerkennen.

Internationalismus des Widerstands

Bewegungen sowie Netzwerke des Widerstands und der Solidarität bilden den Zusammenhang, in dem Internationalismus für viele Aktivist:innen heute am unmittelbarsten erfahrbar und konkret wird. In den vergangenen Jahren haben vor allem die Unterstützung Palästinas und der Widerstand gegen den israelischen Völkermord die breitesten und entschlossensten internationalistischen Bewegungen hervorgebracht. Von den Protestcamps an den Universitäten über Blockaden von Häfen bis hin zu Straßenprotesten ist Palästina zu einem zentralen Bezugspunkt geworden, an dem sich unterschiedliche Kämpfe miteinander verbinden und eine Synthese formen. Die wiederholten Versuche der Global Sumud Flotilla, den Gazastreifen auf dem Seeweg zu erreichen und humanitäre Hilfe zu leisten, waren dabei sowohl herausragende Beispiele internationalistischen Handelns als auch wichtige Impulse für dessen weitere Entwicklung. Darüber hinaus hat die Solidarität mit Palästina auch politische Mobilisierungen zu lokalen und nationalen Themen beflügelt und sich in diese eingeschrieben. Der Protest gegen den Völkermord hat vielen Menschen geholfen, die umfassenderen Strukturen des Kriegsregimes zu erkennen.

Zum Spektrum der pro-palästinensischen Kräfte gehören auch Staaten und supranationale Institutionen. Neben Südafrika haben – wie bereits erwähnt – auch Irland, Spanien und weitere Staaten sowie die Generalversammlung der Vereinten Nationen die israelischen Massaker verurteilt. Auch wenn die politischen Positionen dieser Institutionen mitunter ambivalent sind, haben ihre Stellungnahmen dennoch Wirkung gezeigt – zumindest insofern, als sie dazu beigetragen haben, die israelischen Handlungen des Völkermords zu delegitimieren.

Darüber hinaus durchläuft das Völkerrecht gegenwärtig einen doppelten Prozess. Einerseits hat es sich als völlig unfähig erwiesen, selbst auf die gravierendsten Rechtsverletzungen angemessen zu reagieren. Andererseits entstehen neue Berufungen auf das Völkerrecht sowie Versuche, seine Funktionsweise neu zu formulieren. Wie Giso Amendola4 argumentiert, sollte der gewaltsame Angriff auf das Völkerrecht durch Mächte wie die Vereinigten Staaten, die das Völkerrecht historisch stets selektiv angewandt haben, um ihren Interessen zu dienen und ihre Hegemonie zu legitimieren, nicht einfach als Zeichen seiner Erschöpfung verstanden werden. Zwar mag die traditionelle liberale internationale Ordnung, die auf einem „regelbasierten“ System beruhte, an ihr Ende gelangt sein. An ihre Stelle tritt jedoch ein umkämpftes Terrain, auf dem rechtliche Instrumente und Diskurse durch staatliche Initiativen und soziale Bewegungen neue konstituierende Projekte hervorbringen können und so neue Horizonte für den internationalistischen Kampf eröffnen.

Auf diesen unterschiedlichen Ebenen ist der Name Gaza zu einem Verdichtungspunkt geworden, an dem sich verschiedene Erfahrungen von Herrschaft, Enteignung, Militarisierung und Widerstand kreuzen und Bedingungen für gegenseitige Anerkennung sowie politische Übersetzung zwischen unterschiedlichen Kämpfen schaffen. Politische Übersetzung hebt Unterschiede nicht auf, sondern eröffnet die Möglichkeit, gemeinsame Logiken der Herrschaft und geteilte Horizonte des Widerstands über verschiedene historische und geografische Kontexte hinweg zu erkennen.

Aus dieser Perspektive betrachtet, sind die Amerikas zu einem weiteren entscheidenden Terrain geworden, auf dem das Kriegsregime erfahren und umkämpft wird. Der wachsende globale Ausdruck der Solidarität mit Palästina ist ein Anzeichen dafür.. Gaza ist nicht nur zu einem Bezugspunkt für Widerstandsbewegungen geworden, sondern zunehmend auch für die politischen Ausrichtungen, die die Region durchziehen, wie die enge Beziehung zwischen Javier Milei und Netanjahu besonders deutlich macht.

Wie also sollten wir einen Internationalismus des Widerstands in den Amerikas verstehen, die erneut zu einem Schauplatz imperialistischer Aggression und reaktionärer Bündnisse geworden sind? Zunächst können wir erkennen, wie der Einsatz von Gewalt gegen Migrant:innen und die Bevölkerungsgruppen, die sie unterstützen, in US-amerikanischen Städten die imperialistischen Versuche der US-Regierung widerspiegelt, andere Staaten der Hemisphäre durch Gewalt und andere Zwangsmittel zu kontrollieren – einschließlich der Entführung von Nicolás Maduro und der „Übernahme“ der venezolanischen Regierung, auf die rasch der Versuch der USA folgte, Kuba zu erdrosseln und auszuhungern. Jüngste Erklärungen der US-Regierung zur Erneuerung und Verstärkung der Monroe-Doktrin5 kündigen die Umwandlung der Amerikas in einen geschlossenen Block unter US-amerikanischer Kontrolle an, der sich gegen „ausländische“ Einflussnahme richtet, vor allem gegen chinesische Infrastrukturprojekte.

Die Schaffung eines hemisphärischen Blocks, die über die rein militärischen Konnotationen dieses Begriffs hinausgeht, erstreckt sich auch auf die Ebene der Regierungen. Die Welle reaktionärer Regierungen in Lateinamerika ist parallel zu den Vereinigten Staaten entstanden und wurde durch diese begünstigt. Wie Rodrigo Nunes6 argumentiert, besteht ein komplexes Zusammenspiel zwischen dem Bolsonarismus in Brasilien und dem Trumpismus in den Vereinigten Staaten. Der Aufstieg und die Funktionsweise anderer rechtsextremer Regierungen, darunter jene von Milei, Bukele und Noboa, lassen sich nicht verstehen, ohne sie in einen hemisphärischen Zusammenhang einzuordnen. Die Resonanzen zwischen diesen reaktionären Regimen und ihren Politiken sind offensichtlich, wie unter anderem Pablo Stefanoni7 hervorhebt, doch es bestehen auch direkte materielle und finanzielle Verbindungen. Ein deutlicher Zusammenhang verbindet das Projekt der Schaffung eines politischen Blocks mit dem Autoritarismus einzelner Regierungen und politischer Kräfte. Die Kriegsregime dieser rechtsextremen Kräfte richten sich zugleich als innere Kriege gegen Teile der eigenen Bevölkerung, gegen Migrant:innen und indigene Bevölkerungen ebenso wie gegen feministische und queere Gemeinschaften.

Die Geschlossenheit der reaktionären Kräfte in den Amerikas macht es zugleich möglich und notwendig, internationalistische Verbindungen zwischen Widerstandsbewegungen herzustellen. Der Widerstand gegen ICE in Minneapolis und die Proteste gegen Milei in Argentinien sollten beide mit Blick auf internationalistische Kämpfe auf hemisphärischer Ebene verstanden und organisiert werden. In Lateinamerika müssen Widerstands- und Solidaritätsbewegungen, um internationalistisch zu sein, auch eine regionale Form annehmen – im Einklang mit einer langen Geschichte des Kampfes unter dem Banner von „Nuestra América“, ein Name, der durch den humanitären Konvoi nach Kuba erneut aufgegriffen wurde.

Wie die oben skizzierten Beispiele internationalistischen Widerstands mit Bezug auf Palästina, sind auch die internationalistischen Kämpfe in den Amerikas (ebenso wie jene in Südasien, Westafrika und anderen Regionen) durch spezifische, konkrete politische Situationen und historische Erfahrungen geprägt. Dennoch bestehen zwischen ihnen potenzielle Verbindungen über lokale und regionale Grenzen hinweg, die durch Organisierung verwirklicht werden können. Der Bedarf an Organisierung ist umso dringlicher, da sich die Kräfte, gegen die wir kämpfen, zunehmend auf transnationaler Ebene zusammenschließen.

In vielen Kontexten weltweit sind die Logik des Nationalismus und der Prozess der Bildung von Blöcken heute tatsächlich unmittelbar mit Praktiken des Krieges verbunden. In einigen Fällen erreichen reaktionäre nationalistische Projekte bereits die Ebene eines Blocks, wenn die betreffenden Nationen selbst subkontinentale Ausmaße haben, wie etwa Indien oder Russland. Israel hat, wie bereits erwähnt, versucht, seinen nationalistischen Drang zur Schaffung einer blockartigen Struktur durch Bündnisse mit den Golfstaaten und die treue Unterstützung der Vereinigten Staaten zu verbinden. Der europäische Fall ist anders gelagert, doch der Druck zur Aufrüstung und das zunehmende Gewicht nationaler und nationalistischer Kräfte innerhalb der Union könnten zu einem ähnlichen Ergebnis führen – insbesondere angesichts des Potenzials für eine weitere Zunahme rechtsextremer Regierungen. In all diesen Fällen ist der Widerstand gegen diese Kräfte, die Nation und Block mit einer Kriegslogik verschmelzen, ein erster Schritt sowohl hin zu einer Antikriegspolitik als auch zu einem internationalistischen Projekt.

Internationalismus der Befreiung

Praktiken des Widerstands sind unverzichtbar, und Widerstand ist, wie wir gesagt haben, die politische Haltung, die häufig am unmittelbarsten verständlich ist. Doch wir müssen noch einen weiteren Schritt gehen und einen Prozess kollektiver Transformation einleiten. Hier muss der Begriff der Befreiung ins Zentrum rücken. Manche mögen angesichts solch düsterer Zeiten, wie wir sie heute erleben, in denen sich der Horizont so vieler Menschen auf bloßes Überleben verengt hat, der Ansicht sein, dass unsere Ziele bescheidener ausfallen sollten. Wir vertreten hingegen die Auffassung, dass gerade jetzt mehr denn je der Moment ist, von Befreiung zu sprechen. Wir brauchen einen positiven Bezugsrahmen – einen, der nicht nur ausdrückt, wogegen wir uns wenden, sondern auch, wofür wir kämpfen. Unter den gegenwärtigen Bedingungen, angesichts der globalen Dynamiken und Prozesse kapitalistischer und autoritärer Kontrolle, kann nur eine internationalistische Politik einen realistischen Horizont der Befreiung eröffnen.

Befreiung ist es, was Internationalismus von einem bloß geopolitischen Verständnis des Antiimperialismus unterscheidet. Antiimperialismus allein ist keine Politik. Imperialistische Abenteuer müssen bekämpft werden, doch entscheidend ist, Räume zu eröffnen, in denen Taktiken des Widerstands zu strategischen Horizonten der Befreiung führen können.

Doch was bedeutet Befreiung auf dieser Analyseebene? Welche Kriterien zeichnen sie aus? Auf diese Fragen gibt es keine einfachen Antworten. Wir können eine allgemeine Definition versuchen: Befreiung ist ein Projekt, das durch Kämpfe sowohl die materiellen Lebensbedingungen als auch die damit verbundenen Formen der Subjektivität verändert und dabei neue demokratische Weisen des Zusammenlebens sowie Formen sozialer Kooperation entdeckt und entwickelt, die uns vom Individualismus befreien und uns Handlungsmacht verleihen. Doch allgemeine Definitionen können uns nur begrenzt weiterhelfen. Unser Verständnis von Befreiung kann zunächst durch die lange und vielfältige Geschichte der Befreiungsbewegungen geschärft werden, die jedoch ohne Nostalgie kreativ neu aktiviert werden muss, da sich der politische Kontext grundlegend verändert hat und ebenso die Subjektivitäten der Aktivist:innen in den Kämpfen. Zweitens sollten wir den Blick auf die Bewegungen selbst richten: Selbst unter den schwierigsten Bedingungen werden Widerstands- und Solidaritätsbewegungen stets von neuen Beziehungen durchzogen und getragen, die als Grundlage für Befreiung dienen können. Befreiung wird nicht durch ein einmaliges Ereignis ein für alle Mal erreicht, sondern ist ein fortwährender Kampf, der den positiven Horizont unserer politischen Wünsche bildet.

Befreiung wird je nach geografischem und kulturellem Kontext eindeutig unterschiedliche Formen annehmen – und sogar zwischen Gruppen am selben Ort können sich diese Formen unterscheiden. Wir sollten nicht erwarten, dass Projekte feministischer Befreiung mit jenen rassistischer oder arbeiterbezogener Befreiung identisch sind; auch jede dieser Formen variiert entsprechend materieller und geografischer Bedingungen. Herrschaft und Ausbeutung sind niemals von einem Ort zum anderen vollkommen gleich, selbst wenn sie durch gemeinsame Kräfte und Logiken hervorgebracht werden. Gerade deshalb unterscheiden sich auch die Geschichten, sozialen Zusammensetzungen, Bedürfnisse und Wünsche der Kämpfe, die gegen diese Verhältnisse entstehen. Die Herausforderung besteht nicht darin, diese Unterschiede auszulöschen, sondern Praktiken der Übersetzung aufzubauen, durch die sie in gemeinsame Projekte der Befreiung eintreten können.

Übersetzung ist in diesem Zusammenhang nicht die Suche nach einem gemeinsamen Maßstab oder einer geteilten Identität. Sie ist eine politische Praxis, durch die heterogene Kämpfe über unterschiedliche Geschichten, Bedingungen und Begriffswelten hinweg Verbindungen herstellen und dabei neue Möglichkeiten gemeinsamen Handelns hervorbringen, während sie sich im Prozess selbst verändern. In diesem Sinne wird der Horizont der Befreiung, den wir vor Augen haben, von einer Vielzahl von Erfahrungen, Forderungen und Imaginationen durchzogen und bewohnt – die dennoch organisiert werden können, um eine neue kollektive Macht hervorzubringen.

Ein Internationalismus der Befreiung stellt daher keine Lösung dar, sondern vielmehr das Problemfeld, innerhalb dessen politische Fragen bearbeitet werden müssen. Er beruht nicht auf der Erkenntnis, dass wir im Grunde alle gleich sind. Internationalismus erfordert eine strategische Entscheidung und ein Engagement für politische Organisierung, den Aufbau von Netzwerken und die Vervielfältigung von Verbindungen – sowohl geografisch über Länder, Regionen und Kontinente hinweg als auch politisch zwischen verschiedenen Bereichen der Bewegung. Internationalismus bietet somit einen Standpunkt oder sogar eine Methode, die politisches Handeln und politische Theorie leiten kann. Die Welt, ihre Einheit und ihre Brüche zum zentralen Bezugspunkt zu machen, um selbst die lokalsten Fragen zu bearbeiten, bildet die Grundlage dafür, Internationalismus als politisches Projekt zu entwickeln. Indem die Resonanzen zwischen entfernten Kämpfen und Erfahrungen herausgearbeitet und weiterentwickelt werden, können neue politische Kontinente entdeckt werden.

Anmerkung: Dieser Text wurde für einen Vortrag im Europäischen Parlament vorbereitet, der am 10. Juni 2026 von der Fraktion „Die Linke“ organisiert wurde.

Der Artikel wurde ursprünglich am 20. Juni 2026 im Portolan Journal veröffentlicht.

1Adam Hanieh ist Wissenschaftler im Bereich Entwicklungsstudien im Vereinigten Königreich.

2Fred Jameson war ein US-amerikanischer Literaturkritiker, Philosoph und marxistischer Politikwissenschaftler.

3Von 18. bis zum 24. April 1955 fand in der Indonesischen Stadt Bandung die erste asiatisch-afrikanische Konferenz statt.

4Giso Amendola lehrt „Rechtssoziologie“ und „Governance-Theorie“ an der Universität Salerno. Er ist Mitglied der Vereinigung „Diritto e Società“ und der Italienischen Gesellschaft für Rechtsphilosophie.

5Die Monroe-Doktrin ist eine Außenpolitik der USA, die 1823 von Präsident James Monroe formuliert wurde. Sie besagt, dass die USA die Unabhängigkeit und Souveränität der lateinamerikanischen Staaten respektieren und die europäischen Mächte aus dem Kontinent fernhalten wollen.

6Rodrigo Nunes beschäftigt sich mit moderner und zeitgenössischer Philosophie, insbesondere in den Bereichen Ontologie und politische Philosophie. Er lebt in London und lehrt an der University of Essex.

7Pablo Stefanoni ist Doktor der Geschichte an der Universität von Buenos Aires.