Gangs, Staaten und der Narco-Staat

Die argentinische feministische Anthropologin Rita Segato beschreibt die entstehenden faschistischen Staaten in Abya Yala als teilweise ermöglicht durch das, was sie als „parastaatlichen Kontrollbereich über das Leben“ bezeichnet. Sie erklärt, dass der Drogenhandel an Straßenecken Teil einer Organisationsstruktur ist, die es diesen neuen Formen antisozialer Regierungsführung ermöglicht, jeden Block der Stadt zu erreichen. In diesem Zusammenhang hat sich in den letzten Jahrzehnten die Vorstellung eines möglichen Narco-Staates (Drogen-Staates) herausgebildet. Seit den 1970er Jahren sind in Drogen produzierenden Ländern wie Kolumbien oder in Ländern des Drogenhandels wie Mexiko und sogar in den Vororten europäischer Wohlfahrtsstaaten organisierte Kartelle und Syndikate immer mächtiger und weitreichender geworden. Der Drogenhandel ist nicht nur eine Gewinnquelle für organisierte kriminelle Banden, sondern dient auch als gewalttätiges und effizientes Mittel, jede Straßenecke in den Städten zu durchdringen, um die Gesellschaft unter Kontrolle zu halten. Und hat der Drogenhandel, der in den meisten Ländern der Welt präsent ist, die Macht und Reichweite eines Staates erreicht? Oder sind sie so tief in einige Staaten, wie Ecuador und Afghanistan, eingedrungen, dass sie diese in Narco-Staaten verwandelt haben?

Dieser rasante Anstieg der Präsenz von Drogenkartellen weltweit mag überraschend erscheinen, wenn man ihm die massiven Anstrengungen zur Bekämpfung des globalen Drogenhandels im Rahmen des sogenannten „Kriegs gegen die Drogen“ gegenüberstellt. Dieser Krieg dauert an, seit Nixon 1971 diese Idee in das Bewusstsein der breiten Öffentlichkeit gepflanzt hat. Es besteht ein großer Widerspruch zwischen dem wachsenden Problem und der immer härter werdenden Realität des Drogenmissbrauchs – von Baltimore in den USA bis nach Amed in Kurdistan – einerseits und der zunehmenden militärischen Schlagkraft der kapitalistischen Moderne sowie ihren angeblichen Bemühungen, das Drogenproblem mit militärischen Mitteln zu beseitigen, andererseits.

In diesen Jahren des Aufschwungs und der Entwicklung des internationalen Drogenhandels hat sich die rätselhafte Vorstellung vom „Narco-Staat“ in unserer politischen Vorstellungswelt etabliert. Im Zusammenhang mit Öcalans Analyse der Geschichte und Realität des Staates erscheint es in diesem Moment wichtig – da Kartelle immer mächtiger werden und hegemoniale Staaten Initiativen wie den „Shield of the Americas“ entwickeln und damit einen neuen „Krieg gegen die Drogen“ einleiten –, klar zu verstehen, was der Narco-Staat ist. Dies ist besonders relevant angesichts jüngster Entwicklungen wie der zunehmenden Dominanz rechtsgerichteter Staaten, zunächst in Europa und in jüngerer Zeit auch in Abya Yala, die sich alle vollständig mit der von den USA entwickelten neuen Strategie der Weltherrschaft und der Priorität, die sie dem neuen Krieg gegen die Drogen als Mittel zur Erreichung dieses Ziels einräumen, decken.

Ist der Narco-Staat eine Weiterentwicklung des Nationalstaates oder gar eine eigene Staatsform, oder handelt es sich um ein erfundenes Konzept, um regimekritische Staaten zu brandmarken und anzugreifen? Sind die rasante Anhäufung von Gewinnen durch den Drogenhandel, seine zunehmende Terrorherrschaft über Gesellschaften und die verstärkte Präsenz von Kartellmitgliedern – von offiziellen Ämtern in Kommunen bis hin zu Präsidentschaftsposten – eine reale Grundlage für eine neue Art von Staat, der von Kartellen gelenkt wird? Anhand des Paradigmas der demokratischen Moderne und seiner umfassenden Analyse des Staates werden wir versuchen, die Ursprünge und die aktuelle Realität des sogenannten „Narco-Staats“ zu verstehen.

Eine kurze Neubetrachtung des „Staates“

Eine der umfassendsten zeitgenössischen Beschreibungen des Wesens des Staates wurde unter Haftbedingungen von Abdullah Öcalan, dem Anführer der Freiheitsbewegung Kurdistans, entwickelt. Er geht über die Beschreibung des Staates als bloßen Apparat zur Verwaltung von Ressourcen und Gesetzen hinaus und dringt in die psychologischen und soziologischen Dimensionen dessen vor, was den Staat ausmacht, sowie in die menschlichen Faktoren, die seine Entstehung ermöglichten. Dabei erläutert er schlüssig die Bedeutung der patriarchalischen Mentalität und der permanenten Ausbeutung der Gesellschaft als Grundlage des Staates. Wir werden einige der Hauptthesen in Öcalans Darstellung des Staates betrachten, um zu untersuchen, was ein möglicher „Narco-Staat“ tatsächlich bedeuten könnte.

Eine Geschichte des Staates – von Jägerbanden über das Patriarchat bis hin zu sumerischen Priesterstaaten

Jede Erklärung der Geschichte eines sozialen Phänomens (wie des Staates), die nicht in der Lage ist, die Entwicklung eines Phänomens mit den Geschehnissen auf gesellschaftlicher, individueller und mentalitätsbezogener Ebene während seiner Entstehung zu verknüpfen, läuft Gefahr, eine abstrakte und unvollständige Beschreibung dieser Geschichte zu bleiben. Der Staat in seiner heutigen Unermesslichkeit als soziologischer Ausdruck des Weltsystems hat einen sehr „menschlichen“ und sozialen Ursprung.

Öcalan erläutert den Ursprung des sozialen Problems und der ersten repressiven sozialen Strukturen:„Es ist anzunehmen, dass die ersten Versuche, über der gesellschaftlichen Natur eine auf Repression und Ausbeutung abzielende Autorität zu errichten, auf die analytische Intelligenz und Aktion des aus der Jägertradition stammenden ›listigen und starken Mannes‹ zurückzuführen sind.“ Er verortet den Ursprung der Unterdrückung in einer Gruppe starker Männer und darin, wie diese analytisches Denken entwickelten und es nutzten, um mit einer Tradition der Moral zu brechen und genau jene Gesellschaft zu manipulieren und zu beherrschen, die sie großgezogen hatte: „Der stärkste Mann versuchte seine Autorität im Wesentlichen über zwei grundsätzlichen Gruppen, die Jägergruppe um ihn und die Frau, die er zu Hause einzusperren versucht, zu errichten.“

Dies ist nicht weit entfernt von dem, was der Staat auch heute noch tut: Männer zu versammeln, um den Rest der Gesellschaft durch militärische Gewalt zu beherrschen, und die für das kapitalistische System wertvollsten Güter – Frauen und Kinder – zu versklaven, um die Produktionskapazität des Staates zu sichern.1

Öcalan verdeutlicht in seinen Schriften die Bedeutung des Patriarchats für die Entstehung der gesellschaftlichen Frage und zeigt unter Berufung auf neue archäologische Funde, dass das Patriarchat den Klassenstrukturen und sogar dem Staat selbst um Jahrtausende vorausging. Dies unterstreicht die Bedeutung des Patriarchats für die bloße Vorstellung und Konzeption des Staates. „Die Frau bis hin zum Sexualobjekt zu erniedrigen, zum Vater (beziehungsweise Herren) der Kinder zu werden und über all die anderen materiellen und ideellen kulturellen Errungenschaften zu verfügen regte den Appetit des Mannes mächtig an. Die organisierte Form von Stärke, die er durch die Jagd erworben hatte, gab ihm die Chance, die erste gesellschaftliche Hierarchie zu errichten.“2

Die allmähliche Entwicklung der Hierarchie im Laufe der Zeit und die zunehmende Reichweite dieser Hierarchie schufen einen wachsenden Bedarf an einer Möglichkeit, die angesammelten Ressourcen und die Sklaven zu verwalten. Dieser Verwaltungsbedarf wurde im Laufe der Zeit im sogenannten „Zikkurat-Modell“ systematisiert. Die Zikkurat war ein pyramidenförmiger Tempel, der während der sumerischen Zivilisation entstand und diese neue Machtverwaltung verkörperte. Öcalan erklärt: dass „die Zikkurat ein Modell für alle späteren zivilisierten Gesellschaften darstellt. Dieses Urmodell ist eine derart ideale Konstruktion, dass nach ihm städtische Zivilisationen entstanden, die heute Hunderttausende und Millionen von Menschen umfassen. Es ist die Gebärmutter aller staatsartigen Modelle städtischer Gesellschaften. Die Zikkurat war seinerzeit nicht nur das Zentrum der Stadt, es war die Stadt selbst. Auch die Städte bestehen aus drei Hauptteilen: Dem Tempel (oder Gotteshaus), wo Legitimität produziert und aufrechterhalten wird, einem größeren Bereich, welcher der städtischen Administration dient, und den Wohnvierteln der arbeitenden Bevölkerung, dem größten Teil.“

Die Stadt erbte diese Struktur vom Tempelbau selbst mit seinen drei Ebenen; die unterste war für die Funktionäre bestimmt, während die Sklaven oder Arbeiter außen herum untergebracht waren. Auf der zweiten Ebene befanden sich die privilegierten Priester, die aus den Jägergruppen hervorgegangen waren. Diese Priester standen nun in einer exklusiven Beziehung zur dritten und höchsten Ebene, die die Götter repräsentierte; somit waren sie die Einzigen, die die Befehle der Götter auslegen und übermitteln konnten.

Für die ausbeuterische Priesterklasse war es notwendig, sich die Göttlichkeit und das göttliche Wissen anzueignen, um die Gesellschaft davon zu überzeugen, dass diese schrecklichen Bedingungen, unter denen sie versklavt waren, die einzig wahre Art zu existieren darstellten. Öcalan erklärt: „Aus diesem Grund konstruierten die Herrschenden und die ausbeuterischen Monopole im Laufe der Geschichte als Erstes immer die ›Hegemonie über die Mentalität‹. Dass die sumerischen Priester, um in der sumerischen Gesellschaft für Produktivität zu sorgen, also um sie der Ausbeutung zu öffnen, als Erstes Tempel (Zikkurate) errichteten, ist ein eindeutiger Beweis dieser Tatsache.“3

Diese Machtstrukturen begannen mit einer Gruppe von Jägern, die ihren eigenen Stamm beherrschten, und nutzten dann ihre angesammelte Macht, um andere Stämme zu unterwerfen. Mit der Zeit wuchs das System zu Städten und Stadtstaaten heran, und nach einer Weile erreichte es ein solches Ausmaß, dass es nicht mehr möglich war, die Macht innerhalb der Familienstruktur oder des dynastischen Systems zu halten. Die Reichweite der Macht war so groß, dass etwas Größeres als die Familie benötigt wurde, um Macht zu übertragen und zu verewigen – die Klassenstruktur entstand und machte den Weg frei für die jüngste und zeitgenössische Form des Staates – den Nationalstaat.

Der Nationalstaat, die letzte Form des Staates

Diese komprimierte Darstellung der Staatsgeschichte führt uns zur jüngsten und mächtigsten Form des Staates. In den Manifesten beschreibt Öcalan den Nationalstaat mit folgenden Worten: „Die Form des Staates, der aus einer einzigen Nation besteht und in dem sich alle Mitglieder der Nation auf der Grundlage der Religion des Nationalismus integrieren. Der Staat ist geradezu eins geworden mit der Nation. Dies ist die hauptsächliche Staatsform der kapitalistischen Zivilisation. Da der ›faschistisch‹ genannte Staat die Form ist, die der National-Staat im Kapitalismus als Regime der Konterrevolution oder ständigen Krise annimmt, ist es unmöglich, die beiden Formen voneinander zu trennen.“4 .

Da der Staat im Grunde genommen dazu geschaffen wurde, die ständig zunehmende Ausbeutung der Gesellschaft zu verwalten, ist seiner Existenz eine Unmöglichkeit innewohnend, ähnlich einer Schlange, die ihren eigenen Schwanz frisst. Deshalb ist die Tendenz des Staates zum Faschismus so groß.

Zusammenfassend definiert Öcalan den Staat wie folgt: „(…)die Summe aus Mehrwert, ideologischen Instrumenten, Zwangsapparaten und Regierungskunst (…)“5 . Wie können wir vor diesem Hintergrund das Konzept des „Narco-Staats“ verstehen?

Gängige Definitionen des „Narco-Staats“

Um unseren Definitionsversuch zu beginnen, könnte es hilfreich sein, einige allgemein anerkannte Definitionen des Begriffs „Narco-Staat“ zusammenzutragen. Der berüchtigte Internationale Währungsfonds hat dies versucht und ist zu dem Schluss gekommen, dass ein Narco-Staat vorliegt, „wenn alle legitimen Institutionen von der Macht und dem Reichtum der Drogenhändler durchdrungen sind“, wobei die Präsenz von Personen oder Ressourcen, die am Drogenhandel beteiligt sind oder von diesem beeinflusst werden, in allen Bereichen des Staates als entscheidender Faktor zu verstehen ist. In Matt Weiners Definition geht es nicht nur um die bloße Präsenz, sondern auch darum, dass die Kräfte des Drogenhandels den Staatsapparat in den Dienst ihrer eigenen Geschäfte stellen. Er definiert einen Narco-Staat als „einen Staat, in dem Drogennetzwerke in der Lage sind, die Zwangsmittel des Staates, den Finanzapparat sowie die Exekutive und die Politik der Regierung zu kontrollieren und zu regulieren, um die Produktion, die Veredelung und den Handel mit Betäubungsmitteln zu erleichtern“. Paoli, Greenfield und Reuter gehen sogar noch einen Schritt weiter, wenn sie den Narco-Staat als „ein Land, das wirtschaftlich von der illegalen Drogenwirtschaft abhängig ist“ beschreiben, womit sie den Narco-Staat im Grunde zu einem Staat machen, der von den durch den Drogenhandel generierten Geldern lebt.

Man könnte sagen, dass ein gemeinsames Merkmal des Narco-Staates in diesen Definitionen eine Art vollständige Durchdringung der verschiedenen Bereiche des Staates durch die Macht der Drogenkartelle ist. Wenn wir also einige der Staaten betrachten, die am häufigsten als Narco-Staaten eingestuft werden, treffen diese Definitionen dann zu? Trifft es in den Beispielen Kolumbien, Mexiko und zuletzt Ecuador zu, dass fast alle Bereiche des Staatsapparats mit der Drogenindustrie verbunden sind oder unter deren Kontrolle stehen? Ein wichtiger Maßstab zur Beurteilung dieser Frage ist das Kapital. Ist beispielsweise in den genannten Ländern der Drogenmarkt so groß, dass man sagen kann, er dominiere die Wirtschaft?

In Kolumbien erwirtschaftete der illegale Drogenmarkt im Jahr 2022 rund 5 Milliarden US-Dollar, während der legale Pharmamarkt desselben Landes im Jahr 2024 etwa 7,2 Milliarden US-Dollar erwirtschaftete. Man kann also mit Sicherheit sagen, dass der illegale Drogenmarkt nicht mehr erwirtschaftet als sein legaler Gegenpart, und wenn wir die Gesamtwirtschaft Kolumbiens betrachten (das BIP betrug im Jahr 2022 345,6 Milliarden US-Dollar), ist er in diesem Sinne bei weitem kein dominierender Markt.

Ausgehend von einer wichtigen These in Öcalans Paradigma der demokratischen Moderne – „Kapitalismus ist keine Wirtschaft, sondern Macht“, was wahrscheinlich ein realistischeres Maß für die Bedeutung des Drogenhandels in einem Land darstellt –, können wir fragen: Ist beispielsweise der Drogenhandel in Kolumbien oder Mexiko mächtiger als der der legalen Industrien? Betrachtet man den Einfluss, den die Pharma- oder sogar die Rüstungsindustrie auf die politische Entscheidungsfindung ausüben, so könnte dieser durchaus mit dem Einfluss vergleichbar sein, den der Drogenhandel auf die politische Entscheidungsfindung in jedem dieser Staaten hat. Ein noch wichtigerer Aspekt der Macht ist der Einfluss, den die Drogenindustrie auf den Alltag der breiten Bevölkerung ausübt, und dies ist wahrscheinlich der interessanteste Faktor.

Da der Drogenhandel in jedem Dorf und jedem Stadtteil von Bogotá, CDMX oder Quito präsent ist und die damit verbundenen Risiken für die dort lebenden Menschen, muss man zugeben, dass er an diesen Orten ein lebensbestimmender Faktor ist. Alles – vom Risiko, von verzweifelten Drogenabhängigen ausgeraubt zu werden, über die Gewalt zwischen Banden, das Risiko politischer Verfolgung durch Kartelle, dem man als sozial engagierte Person in diesen Gebieten ausgesetzt ist, bis hin zur Militarisierung, die dadurch in Stadtvierteln und ländlichen Gebieten entsteht – ist sehr real. In diesem Sinne ist die Pharmaindustrie nicht so präsent oder mächtig wie der Drogenmarkt … aber über die Auswirkungen der Rüstungsindustrie ließe sich diskutieren. Andererseits könnten auch die durch Smartphones geschaffene Nähe und die Schäden, die sie an den kognitiven Fähigkeiten ganzer Bevölkerungsgruppen verursachen, einer solchen Untersuchung unterzogen werden. Letztendlich ist dies ein schwer messbarer Effekt, und es stellt sich die Frage: Wenn wir einen Staat danach kategorisieren, welcher Markt den größten Einfluss hat und der Gesellschaft den größten Schaden zufügt, welche Branche wählen wir dann? Sind die USA ein „Staat der gesättigten Fette“?

Eine tiefgreifendere Analyse des Narco-Staates

Wir wollen vermeiden, bei der Bewertung soziologischer Wahrheiten – wie etwa der Bedeutung des Einflusses der Drogenindustrie in einem bestimmten Land – in eine positivistische Falle zu tappen. Wie bei jeder anderen soziologischen Analyse müssen wir einen ganzheitlicheren Ansatz verfolgen und nach der Bedeutung der von uns untersuchten Phänomene suchen, um ihre tatsächlichen Auswirkungen auf die Gesellschaft zu verstehen. Einer der wichtigen Beiträge des Paradigmas der demokratischen Moderne ist der wissenschaftliche Ansatz, gesellschaftliche Probleme auf diese Weise zu analysieren.

Ist der Narco-Staat eine neue Art von Staat?

In der fünfbändigen Reihe „Manifest der demokratischen Zivilisation“ widmet Öcalan der Beschreibung der Geschichte und Typologie des Staates große Aufmerksamkeit und analysiert ihn beispielsweise anhand der sozialen Klasse, die den Mehrwert abschöpft: der Sklavenhalterstaat, der Feudalstaat oder der kapitalistische Staat – oder anhand der Verwaltungselite: Priesterstaat oder Nationalstaat (bürgerlich) – kritisiert er aber auch Begriffe wie „faschistischer Staat“, da dies bedeuten würde, dass manche Staaten faschistisch sind und andere nicht, während die tiefgreifende Tendenz zum Faschismus tatsächlich im Konzept des Staates selbst liegt. Oder er kritisiert sogar Vorstellungen wie dem „sozialistischen Staat“, da ein antisoziales Organ wie der Staat niemals sozialistisch sein kann. Ist also die Einteilung von Staaten in „Narco-Staaten“ sinnvoll? Unterscheidet sich dieser Begriff beispielsweise deutlich vom Nationalstaat? Verbirgt oder enthüllt der Begriff etwas über die so bezeichneten Staaten?

Natürlich gibt es einige Länder oder Regionen, die stärker unter den Auswirkungen des Drogenhandels und der dadurch verursachten Gewalt und dem Chaos leiden – in diesem Sinne ist es wichtig, diese Realitäten aufzudecken, um Schritte in Richtung von Lösungen zu unternehmen. Es gibt jedoch auch viele Staaten, die davon profitieren, andere Staaten als korrupter als sich selbst darzustellen, und im heutigen politischen Kontext scheint der Begriff „Narco-Staat“ eher ihren Zwecken zu dienen als der Befreiung einer Gesellschaft vom Terror eines von Drogenkartellen dominierten Staates. Zudem entsteht dadurch der Eindruck, dass sich bestimmte kapitalistische Organisationen, wie etwa kriminelle Banden, ausschließlich auf eine bestimmte Branche konzentrieren, in diesem Fall die Drogenindustrie – doch dies verschleiert den opportunistischen Charakter des Kapitalismus, der dazu neigt, sich jeder Branche zuzuwenden, die gerade seinen Zwecken dient. In Mexiko beispielsweise gibt es Anzeichen dafür, dass die Kartelle mittlerweile mehr Gewinn aus dem Menschenhandel als aus illegalen Drogen ziehen, und ihre Unternehmungen in der Avocado-Industrie und im Immobiliensektor gehören mittlerweile zu ihren wichtigsten Geschäftsbereichen. Was eine kapitalistische Organisation auszeichnet, ist nicht unbedingt die Branche, in der sie gerade tätig ist, sondern vielmehr das Gewinnstreben und das Ausmaß an Risiko, das sie bereit ist einzugehen.

Auch der kapitalistische Staat versucht zu verschleiern, dass Recht oder Legitimität nie eine Voraussetzung für seine Existenz waren. Im Wettbewerb mit anderen kapitalistischen Akteuren und Staaten ist immer derjenige im Vorteil, der am meisten betrügen kann, ohne dafür bestraft zu werden – weshalb sie konsequent am Rande ihrer eigenen Gesetze agieren. Daher kann es irreführend sein, manche Staaten als „kriminell“ abzutun. Selbst kriminelle Banden agieren sowohl im legalen als auch im illegalen Bereich – dies ist ein grundlegendes Mittel zur Führung ihrer Geschäfte. Was könnten sie mit all den Millionen anfangen, die sie auf dem illegalen Markt erwirtschaften, wenn sie auf dem legalen Markt nichts damit kaufen könnten? Das Kapital neigt zudem dazu, sich aus alten Märkten zurückzuziehen oder in neue Märkte zu investieren, um weiter zu wachsen. Und der Risikofaktor auf dem illegalen Markt sowie die bloße Größe stellen Hindernisse für das freie Wachstum des Kapitals dar.

Die wettbewerbsorientierte und opportunistische Mentalität sowie das Gewinnstreben sind bei kriminellen Organisationen dieselben wie bei legalen kapitalistischen Unternehmen und dem Staat, der als deren Verwaltungsinstanz fungiert.

Der Krieg gegen die Drogen ermöglicht Intervention und Kontrolle

Dem Konzept des „Narco-Staats“ liegt in hohem Maße die Schaffung eines vermeintlichen Feindes zugrunde, sodass die Einleitung des Krieges gegen die Drogen durch Richard Nixon in den 1970er Jahren vor allem diesem Zweck der kapitalistischen Hegemonie gedient hat. Vor kurzem wurde die Initiative „Shield of the Americas“ ins Leben gerufen, in deren Rahmen die meisten rechtsgerichteten Regierungen Amerikas unter Führung der Trump-Regierung ein neues Militärbündnis gegen die Kartelle gebildet haben. Dies folgte auf die Bombardierungen kleiner Boote vor der Küste Venezuelas und die damit einhergehende Konzentration von Seestreitkräften, die Teil der Vorbereitungen für die Entführung des damaligen venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro waren. Dort führte die Erzählung vom „Krieg gegen die Drogen“ zur Normalisierung der militärischen Präsenz, um unter dem Vorwand von Operationen gegen die Kartelle einen oppositionellen politischen Führer zu beseitigen. Dies geschah kurz nachdem Trump Juan Orlando Hernández, den ehemaligen Präsidenten von Honduras, begnadigt hatte, der wegen Verschwörung zum Import von 400 Tonnen Kokain in die USA verurteilt worden war und eine Haftstrafe verbüßte. Dies lässt Zweifel an den wahren Absichten der US-Regierung und des „Shield of the Americas“ aufkommen. Klar und zweifelsfrei ist jedoch, dass der Krieg gegen die Drogen das Drogenproblem nicht bekämpft hat; vielmehr hat es sich im Laufe der Jahre verschlimmert. Er diente jedoch über Jahrzehnte hinweg als wichtiges Instrument für die von den USA angeführte Hegemonie, um militärisch in andere Länder der Welt einzugreifen.

Manche Kriege werden nicht mit dem Ziel begonnen, sie tatsächlich zu gewinnen; manchmal ist es wichtiger, den Krieg fortbestehen zu lassen, um anderen Interessen zu dienen. Das kann bedeuten, die Bewegungen eines Feindes zu blockieren, in der Gesellschaft ein Gefühl der Dringlichkeit zu erzeugen, um Kontrolle auszuüben und Veränderungen durchzusetzen, oder die Rüstungsindustrie anzukurbeln. Er ist zudem ein wirkungsvolles Mittel, um die Entwicklungen in einem Land oder auf einem Markt zu steuern, was für ein kapitalistisches Unternehmen von Vorteil sein kann, da die Vorhersage künftiger Entwicklungen auf dem Spekulationsmarkt große Gewinne einbringen kann.

Der Krieg gegen die Drogen eröffnet kapitalistischen Interessen in Abya Yala mehrere wichtige Möglichkeiten. Eine davon ist die Möglichkeit einer militärischen Präsenz, die er ermöglicht – zuletzt in Ländern wie Ecuador mit neuen US-Militärstützpunkten, in Kolumbien mit neuen politischen Programmen, die die militärische Zusammenarbeit verstärken werden, und in Mexiko, wo sich gezeigt hat, dass die DEA mit oder ohne Zustimmung der mexikanischen Regierung operiert. Im Einklang mit diesen Maßnahmen stuften die USA zwei der größten Kartelle in Brasilien als terroristische Drogenorganisationen ein – alles im Vorfeld der dort im Oktober 2026 stattfindenden Wahlen, bei denen die USA sicherstellen wollen, dass ihr rechter Kandidat, Flavio Bolsonaro, gewinnt und das riesige Land für ihre Interessen öffnet.

Historisch gesehen ist erwiesen, dass das US-Militär am tatsächlichen Transport von Opium (Vietnamkrieg)6 und an der Verbreitung von Drogen auf den Straßen armer Stadtviertel7 beteiligt war – in direktem Widerspruch zu den angeblichen Zielen des „Kriegs gegen die Drogen“. Dieser Krieg diente in Wirklichkeit dazu, die Präsenz von Drogenkartellen und paramilitärischen Kräften in Ghettos und armen ländlichen Gebieten zu verstärken, was unmittelbar dazu führte, dass viele soziale Aktivisten und Anführer, die versuchen, ihre Gemeinschaften vor dem Drogenproblem zu schützen, ermordet wurden – ein Krieg, der systematisch den Interessen des Kapitalismus dient.

Ist der Nationalstaat das legitime Gegenstück zum Narco-Staat?

Die Bezeichnung als „Narco-Staat“ hat zweifellos ihren Zweck erfüllt, als Vorwand für einen Krieg zu dienen oder die Gefahr einer militärischen Intervention gegen Staaten wie Sheinbaums Mexiko, Petros Kolumbien und Maduros Venezuela heraufzubeschwören. Diese Bezeichnung positioniert den anklagenden Staat – meist die USA – als Nicht-Narco-Staat oder als Staat, der sich an die Grenzen des nationalen und internationalen Rechts hält. Selbst wenn das wahr wäre: Was bedeutet es eigentlich, einen Staat zu haben, der sich an die Grenzen dessen hält, was das Gesetz vorschreibt? Haben nicht alle Nationalstaaten eine Vergangenheit und Gegenwart, die von Raub und Plünderung geprägt ist?

Um diese Fragen zu untersuchen, können wir uns überlegen, warum die meisten kriminellen Banden tatsächlich bestrebt sind, mit zunehmendem Kapital und Einfluss immer stärker in den legalen Bereich vorzudringen. Was nützt all das Geld, wenn sie damit auf dem legalen Markt nichts kaufen können? Je größer das Unternehmen wird, desto größer wird auch die Notwendigkeit, Kapital auf einem legalen Markt anzulegen, denn dort liegen die langfristigen und groß angelegten Investitionsmöglichkeiten, wie beispielsweise Immobilien und Unternehmensanteile. Nicht nur in finanzieller Hinsicht, sondern auch im Hinblick auf offiziellen politischen Einfluss eröffnen kommunale Ämter oder sogar Regierungspositionen einer Organisation – nicht zuletzt einer kriminellen – zahlreiche Möglichkeiten. Es gibt Beispiele für Kommunalpolitiker mit offenen Verbindungen zu Kartellen in Mexiko, und wie bereits erwähnt, hat der Einfluss der Kartelle in Honduras sogar die Präsidentschaft erreicht.

In dialektischer Beziehung dazu bewegen sich legale Unternehmen und sogar der Staat am Rande des Legalen. Die Lobbybranche bewegt große Geldsummen, da es sehr profitabel sein kann, die Gesetzgebung zu seinen Gunsten zu lenken, und manchmal handeln Unternehmen bewusst außerhalb des Gesetzes und betrachten die Strafe, die sie möglicherweise zahlen müssen, wenn sie erwischt werden, als Teil des Geschäftsrisikos. Wenn man betrügt und damit durchkommt, kann das auf dem kapitalistischen Markt ein großer Vorteil sein. Es kann sogar eine große Geschäftsmöglichkeit sein, zu entscheiden, was wann legal ist. Betrachtet man das Alkoholverbot in den USA in den 1920er Jahren, so schuf dies einen riesigen und profitablen neuen illegalen Markt. Die Macht zu haben, über Hindernisse oder deren Beseitigung für einen bestimmten Wirtschaftssektor zu entscheiden, kann für denjenigen, der diese Macht innehat, großen Gewinn bedeuten.

Der interne Wettbewerb zwischen kapitalistischen Kräften ist ständiger Natur, und die Mittel zum Sieg werden allein durch die sich bietenden Gelegenheiten bestimmt. Dies gilt für kriminelle Banden, legale Unternehmen oder sogar Staaten. Der Faktor, der darüber entscheidet, ob eine bestimmte Aktivität legal ist oder nicht, ist die Frage, wer in diesem Bereich das Machtmonopol innehat und somit die Fähigkeit besitzt, den rechtlichen Rahmen festzulegen.

Im Grunde genommen hat jede Organisation ihre eigenen Grundsätze oder Gesetze; selbst kriminelle Banden haben ihren eigenen Verhaltenskodex: „Im Dezember 1908 gab es in Fort Frances eine italienische Geheimgesellschaft, die aus 15 oder 16 Mitgliedern bestand. Frank Tino war der Anführer, Frank Muro der Stellvertreter. Ich wurde gezwungen, der Gesellschaft beizutreten. Der Beitrag betrug 35,00 Dollar, aber ich zahlte nur 10,00 Dollar. Beim Beitritt zur Gesellschaft legten wir einen feierlichen Eid ab, dass wir den Befehlen unseres Anführers gehorchen würden; dass wir rauben, brandschatzen oder töten würden, wie er es anordnete; dass wir einander vor den Händen des Gesetzes schützen würden; dass wir bei Nichtbefolgung dieser Befehle mit der Todesstrafe oder einer anderen von der Gesellschaft beschlossenen Strafe rechnen müssten.“ – so berichtete ein Mitglied der frühen Formationen einer italienischen mafiösen Organisation in den USA8 . Jede Bande hat ihr eigenes Gesetz. Dies ist nur der Keim der Rechtsordnung dessen, was später zu einem hegemonialen Staat werden könnte. Und diese Gesetze werden oft, wie in diesem Beispiel, dazu genutzt, Loyalität gegenüber der Organisation zu erzwingen, was uns an die Epstein-Akten erinnert und daran, wie dort ein geheimes Netzwerk geschaffen wurde, in dem geschäftliche Gefälligkeiten gegen die Komplizenschaft bei weitverbreitetem sexuellem Missbrauch von Frauen und Kindern eingetauscht wurden. Dies ist die operative Grundlage des Staates.

Sind Rechtsstaaten also in der Position, kriminelle Banden zu stigmatisieren, wenn ihr eigene Geschichte und innere Funktionsweise auf unmoralischen Handlungen beruhen – nicht als Ausnahmen, sondern als Teil ihres Wesens? Der Völkermord in Gaza ist „legal“, und die Unternehmen, die vom Waffenhandel profitieren, sowie nun auch die Baufirmen, die auf den Trümmern Gazas Touristenattraktionen errichten werden, sind alle legal. Sind die Auswirkungen des Drogenmarktes auf die Gesellschaften der Welt größer oder kleiner als die des Marktes des Völkermords? Ist es sinnvoll, von „Narco-Staaten“ zu sprechen, während wir nicht von „Völkermordstaaten“ sprechen?

Eine staatsorientierte DNA: mafiöse Organisationen und Gangs

Der Begriff „Mafia“ ist weltweit bekannt. Als „mafiaähnlich“ werden Organisationen bezeichnet, die im internationalen illegalen Handel tätig sind und lokale Macht ausüben. Doch wo haben sie ihren Ursprung, und in welcher Beziehung stehen sie zum Staat?

Mafiaähnliche Organisationen entstehen nicht unbedingt „dort, wo der Staat am schwächsten ist“ – oft hat die moralische und politische Gesellschaft gerade dort, wo staatliche Strukturen schwächer sind, mehr Spielraum, sich zu entfalten; vielmehr handelt es sich bereits um staatliche Formen feudaler Natur, die schon vor der Etablierung des Nationalstaats entstanden sind und auch nach dessen Etablierung weiterhin in der Lage waren, territoriale und wirtschaftliche Kontrolle aufrechtzuerhalten.

Wenn wir ihre Ursprünge zurückverfolgen, finden wir sie im 9. Jahrhundert, während des Zerfalls des Karolingerreichs, als sich in Mitteleuropa und Italien Lehnsverhältnisse herausbildeten.

Diese Beziehungen zwischen dem König und den lokalen Herren sowie zwischen den lokalen Herren und ihren Rittern wurden durch einen öffentlichen und feierlichen Treueeid formalisiert. Damit wurde ein klientelistisches Schutzsystem wiederhergestellt, das bereits im alten Rom entstanden war. Diejenigen, die den Eid leisteten, wurden „vassus“, also Vasallen, genannt; diejenigen, denen er geleistet wurde, wurden „senior“, also Herren, genannt. Die Vasallen bildeten die Klientel des Lehnsherrn und dienten zwei Hauptzwecken: dem Wettbewerb mit den Besitzern benachbarter Lehen und vor allem der Aufrechterhaltung der Ordnung innerhalb des Herrschaftsgebiets des Lehnsherrn sowie der Erhebung von Steuern, wobei sie die Bauern unterdrückten und beherrschten. Die Lebensweise der Ritter, mit denen der Lehnsherr zusammenlebte und die ihn bei allen Anlässen begleiteten, war geprägt von Gewalt, einer Vorliebe für Plünderung und Unterdrückung sowie dem Verlangen nach Befehlsgewalt. Die Spitznamen, die sich einige dieser Persönlichkeiten selbst gaben, offenbaren diese Mentalität deutlich: zum Beispiel Pelavicino („der dem Nachbarn die Haare schneidet“), Guastavillani („der die Bauern ruiniert“), Maltolti („der ungerecht nimmt“).

Diese Unterdrückungsstrukturen schlugen besonders in Süditalien tiefe Wurzeln, bildeten protofeudale Staaten und schafften es, acht Jahrhunderte monarchischer Staaten und die Entstehung des Nationalstaats in seinen verschiedenen Formen – konstitutionelle Monarchie, faschistisches Regime und demokratische Republik – zu überstehen. Natürlich haben im Laufe der Jahre Veränderungen stattgefunden, und wenn sie überdauern konnten, dann auch dank einer dialektischen Beziehung zum Staat. Einige, wie beispielsweise Ferdinand I., König von Neapel, im 14. Jahrhundert, versuchten sogar ausdrücklich, den feudalen Privilegien entgegenzuwirken. Ferdinand I. gelang es jedoch nicht, die überwältigende Macht der Feudalherren zu brechen, die tatsächlich zwei Jahre lang (1485–1486) planten, ihn abzusetzen und den Thron an die Anjou zurückzugeben – ein Ereignis, das als „Verschwörung der Barone“ in die Geschichte eingegangen ist. Obwohl die Verschwörung niedergeschlagen wurde, festigte sich die feudale Macht der Barone im Anschluss an diese Episode durch neue königliche Zugeständnisse, die darauf abzielten, weitere Verschwörungen zu verhindern. Dass sie überleben konnten, liegt auch daran, dass sie – genau wie im Feudalsystem – oft die Funktionen eines lokalen Staates erfüllen. Sie können ihre eigenen (ungeschriebenen) Gesetze durchsetzen und basieren auf einer patriarchalischen und hierarchischen Struktur. Zu ihnen gehören Initiationsriten für neue Mitglieder und klar definierte territoriale Grenzen. Wenn der Einheitsstaat und der Nationalstaat sie nicht beseitigt haben, dann deshalb, weil sie dieselbe DNA teilen.

Auf lokaler Ebene bieten diese Organisationen dem Staat zudem etwas, was dieser selbst nicht besitzt: Nähe zur Gesellschaft, zur Straßenecke oder zum Dorf. Dies wird nicht selten als eine Art Druckmittel gegen den Staat, als eine Art Verhandlungsmasse genutzt. „Nach dem Zweiten Weltkrieg begannen die kalabrischen Clans – die ‚Ehrenvereine‘ – durch italienische Wiederaufbauaufträge und Schwarzhandel reich zu werden. Für die Bosse der ‚Ndrangheta verstärkte der Zufluss staatlicher Gelder in die Region ihre Macht: ihre Kontrolle über die Arbeitskräfte, ihren Einfluss bei Grundstücksgeschäften, ihre Kontrolle über die Stimmen und die traditionelle Angst, die sie in der Bevölkerung schürten.“9 . Mit anderen Worten: Diese Nähe zur Gesellschaft verleiht den Banden politische Macht, die sie dem Staat anbieten können, da der Staat dazu neigt, sich zunehmend von der Gesellschaft zu entfernen, wenn das von ihm verwaltete Gebiet im Laufe der Zeit wächst. Dies deckt einen der Hauptfaktoren auf, warum eine Bande dem Staat tendenziell näherkommt, je mehr ihr Einfluss auf die Gesellschaft wächst, und warum der Staat ein großes Interesse am Wachstum der Banden hat. Was ebenfalls entlarvt wird, ist der Mythos vom „sozialen Bandenführer“, wie zum Beispiel im Fall von Pablo Escobar, dem Drogenbaron aus Medellín. Er pflegte bewusst ein Image als Freund der Armen, indem er Sach- und Geldspenden verteilte, während er gleichzeitig versuchte, die tatsächlichen Auswirkungen seines Geschäfts auf die Zerstörung eben dieser Gesellschaft zu verschleiern. Dies ist ein Image, das viele Kartelle pflegen, um sowohl lokale Unterstützung zu gewinnen als auch ihren Einfluss auf den Staat und kapitalistische Kräfte zu vergrößern, da die Gesellschaft eine entscheidende Kraft darstellt.

Ist das nicht dieselbe duale Beziehung, die der Staat zur Gesellschaft unterhält? Während er der Gesellschaft Schutz in Form von „nationaler Sicherheit“ bietet, ist er zugleich die Quelle und Ursache der Gefahren, denen die Gesellschaft ausgesetzt ist, wie Krieg, Arbeitslosigkeit, Armut und geschlechtsspezifische Ungleichheit. Als Gegenleistung für die Loyalität gegenüber dem Nationalstaat wird dem Bürger „Schutz“ in einem Weltsystem angeboten, in dem der Nationalstaat selbst die Ursache für die Gefahren dieser Welt ist. Das klingt fast so, als würde eine Bande Schutzgeld von einem kleinen Ladenbesitzer verlangen, um ihn vor „Gefahren“ zu schützen, während sie selbst die Ursache für viele dieser Gefahren ist. Die meisten modernen Kartelle haben sich auf diese Weise entwickelt und sich im Übergang von kleinen Banden zu zunehmend formellen und bürokratischen Institutionen zu Protostaaten gewandelt. In diesem Sinne ist die Grenze zwischen einer Drogenbande und einem Narco-Staat verschwommen. Es ist daher unmöglich, diese Formen vom Staat zu unterscheiden, angesichts ihrer gemeinsamen Ursprünge und der matroschka-artigen Struktur, die sie annehmen.

Ist das Konzept des „Narco-Staates“ aussagekräftig?

Die Bezeichnung „Narco-Staat“ ist insofern aussagekräftig, als dass sie auf ein staatliches System hinweist, das zunehmend aggressiver und faschistischer wird, da es mit einer Krise konfrontiert ist, für die es keine andere Lösung findet. Weltweit ist zu beobachten, dass Stadtviertel immer unsicherer werden und die Arbeit als sozialer Aktivist für die Interessen der Gesellschaft und gegen die Interessen der Drogenbanden zu einem lebensgefährlichen Risiko wird. Der Narco-Staat ist gewissermaßen ein Nationalstaat in einer beschleunigten Phase, in der sich seine zerstörerischen Merkmale verstärken.Zweifellos handelt es sich dabei aber auch um einen Begriff, der von hegemonialen Staaten instrumentalisiert wird, um bestimmte Staaten als Bösewichte abzustempeln, während sie sich selbst als moralische Norm darstellen, frei von Sünde – oft als Vorbereitung auf einen Krieg gegen eben diese „Narco-Staaten“.

Die wohl schwerwiegendste Folge ist der Schleier, den diese Einstufung über die Ursprünge der Nationalstaaten in Plünderung und Raub legt. Das Gefährlichste, was der Teufel getan hat, ist, alle davon zu überzeugen, dass er nicht existiert.

1Soziologie der Freiheit, Abdullah Öcalan

2Kapitalistische Zivilisation, Abdullah Öcalan

3Soziologie der Freiheit, A. Öcalan

4Ebd.

5Kapitalistische Zivilisation, A. Öcalan

6Alfred W. McCoy, Die Politik des Heroins in Südostasien (1972)

7Bericht des Kerry-Ausschusses von 1989

8 Engel, Gangster und Drogenterroristen, Antonio Nicaso, Lee Lamothe

9 Ebd.