Über die Notwendigkeit die Welt auf internationalistische Weise zu begreifen, sich dementsprechend zu organisieren und zu handeln
Die Welt, so wie wir sie kennen, fällt auseinander. Jeden Tag sehen wir Trumps Gesicht auf dem Bildschirm und seine omnipräsente Sichtbarkeit ekelt uns an. Wichtig ist es, diese Gesichter der herrschenden Eliten mit der kapitalistischen Moderne und dem transnationalen Kapital in Verbindung zu bringen. Denn die Feststellung, dass sich das kapitalistische Weltsystem in einer tiefen, strukturellen Krise befindet, ist nicht länger nur eine Analyse der anti-kapitalistischen und sozialistischen Schule. Auch zentrale VertreterInnen und AkteurInnen des kapitalistischen Systems erkennen die Tatsache an, dass wir es nicht nur mit einer konjunkturellen Schwäche des Systems, sondern mit einer multiplen Krise samt ökologischer, ökonomischer, sozialer und geopolitischer Dimensionen zu tun haben. Mit verschiedenen Terminologien und Analyserahmen wird das globale hegemoniale „Interregnum“ bzw. die globale Übergangsphase definiert. Der italienische Marxist Antonio Gramsci beschrieb ein Interregnum, als eine Phase „in der das Alte stirbt und das Neue noch nicht geboren werden kann“, und in der sich Krisen, Unsicherheiten sowie „krankhafte Symptome“ häufen.
„Wenn wir nicht mit am Tisch sitzen, stehen wir auf der Speisekarte“
Die jüngsten Diskussionen im „Club der Reichen“, dem Weltwirtschaftsforum in Davos im Januar 2026, haben einmal mehr zum Ausdruck gebracht wie die herrschenden Eliten die gegenwärtige Weltlage analysieren. Besonders hervorzuheben ist hierbei die Rede1 von Kanadas Premierminister Mark Carney. Er betonte, wir befänden uns nicht in einer Übergangsphase, sondern mitten in einem Bruch. Die alte Weltordnung käme nicht mehr zurück und Nostalgie sei demnach keine Strategie. Der kanadische Premierminister warnte, die Großmächte hätten begonnen, wirtschaftliche Integration als Waffe einzusetzen: „Mit Zöllen als Druckmittel, der Finanzinfrastruktur als Zwangsmittel und Lieferketten als Schwachstellen, die ausgenutzt werden können“. Er forderte außerdem, die Mittelmächte müssten sich zusammenschließen, um nicht zwischen den Großmächten USA und China zerrieben zu werden. Denn wer nicht mit am Tisch säße, stehe auf der Speisekarte. Carney wies darauf hin, dass Kanada von der alten „regelbasierten internationalen Ordnung“ profitiert habe, darunter auch von der „amerikanischen Hegemonie“, die „zur Bereitstellung öffentlicher Güter beigetragen habe: offene Seewege, ein stabiles Finanzsystem, kollektive Sicherheit und Unterstützung für Rahmenwerke zur Beilegung von Streitigkeiten“. Diese Weltordnung existiere jedoch nicht mehr. Er plädierte vielmehr dafür, das Problem beim Namen zu nennen: „Ein System der sich verschärfenden Rivalität zwischen Großmächten, in dem die Mächtigsten ihre Interessen mit Hilfe der wirtschaftlichen Integration als Zwangsmittel verfolgen.“
Vom „Ende der Geschichte“ hin zum „politischen Verfall“
Diese systemimmanente Analyse der gegenwärtigen Lage beschränkt sich nicht nur auf PolitikerInnen. Selbst ideologische VordenkerInnen des Neoliberalismus sehen sich gezwungen, ihre eigenen Thesen über den endgültigen Sieg des Kapitalismus zu reflektieren. Ein Beispiel ist der Denker Francis Fukuyama, der bekannt ist für die seine These vom „Ende der Geschichte“. Im Jahr 1992 erklärte er infolge des Zusammenbruchs der Sowjetunion, die ideologische Evolution der Menschheit habe ihren Endpunkt erreicht, der Sozialismus sei als Gesellschaftssystem gescheitert und die neoliberale Ordnung stelle demnach das letzte und höchste Stadium menschlicher Entwicklung dar. Jenseits davon könne es kein politisches, gesellschaftliches oder ökonomisches Modell mehr geben. Der Zusammenbruch des Realsozialismus wurde damals nicht als Ausdruck innerer Fehler, sondern als endgültiger Sieg des Kapitalismus interpretiert. Die These vom „Ende der Geschichte“ fungierte wie ein Manifest der kapitalistischen Moderne, das die Niederlage der sozialistischen Idee verkündete und die liberale Demokratie als Endstation ausrief. Doch die Zeit spricht ihr Urteil über die Geschichte ohne Gnade. Die damalige arrogante Zuversicht der Kräfte der kapitalistischen Moderne ist heute einer tiefen Besorgnis gewichen, und an die Stelle einer solchen These ist nun selbst beim neoliberalen Vordenker Fukuyama der Begriff des „politischen Verfalls“ getreten. Eine nähere Betrachtung dieser intellektuellen Reise und des gedanklichen Wandels Fukuyamas vom optimistischen „Ende der Geschichte“ zur Warnung vor einem „politischen Verfall“ kann auch als Zusammenfassung der internen Reflexionen des Systems der kapitalistischen Moderne verstanden werden. In seinem 2014 verfassten Werk „Political Order and Political Decay“ (Politische Ordnung und politischer Verfall) zeigt dieser auf, wie das System, das er einst idealisierte, von innen heraus zerfressen wurde. Vor uns steht nun kein siegreiches Modell der kapitalistischen Moderne mehr, sondern eine Struktur, die unter ihrem eigenen Gewicht zusammengebrochen und schwerfällig geworden ist und sowohl ihre Richtung als auch ihren Geist verloren hat.
Laut Fukuyama hatte der Glaube an die Unerschütterlichkeit des hegemonialen US-Modells zwischen 1989 und 2008, dem kurzen „goldenen Zeitalter”, seinen Höhepunkt erreicht. Dieses glorreiche Bild erhielt jedoch mit der globalen Finanzkrise von 2008 seinen ersten großen Riss. Fukuyama diagnostiziert verschiedene Symptome, aber sieht die eigentliche Krankheit im Zerfall der amerikanischen innenpolitischen Institutionen und des sozialen Gefüges. Er übernimmt den Begriff des „politischen Verfalls” von seinem Lehrer Samuel Huntington. Laut Huntington sind Systeme zum Scheitern verurteilt, wenn sie sich nicht an die Forderungen neuer sozialer Gruppen anpassen können. Fukuyama wendet diese Theorie auf die moderne USA an: Institutionen werden zunächst gegründet, um ein bestimmtes Problem zu lösen, verfestigen sich mit der Zeit jedoch so sehr, dass sie sich nicht mehr an veränderte Verhältnisse anpassen können. Sie schützen nun nicht mehr das öffentliche Wohl, sondern setzen die Interessen ihrer eigenen Eliten und kleiner Gruppen durch. Im Ergebnis leiten mächtige Eliten staatliche Ressourcen in ihr eigenes Umfeld um. Vetternwirtschaft (Nepotismus) verdrängt die Leistungsfähigkeit. Der Staat, einst Motor des Wohlstands, wird so zu einem Instrument, mit dem persönliche Interessen befriedigt werden. Fukuyama vertritt die Ansicht, das amerikanische System habe sich von einer „Demokratie“ in eine „Vetokratie“ verwandelt. Dieser Begriff bedeutet, dass die notwendigen Reformen nicht durchgeführt werden können, da zahlreiche Akteure innerhalb des Systems über ein Vetorecht verfügen. Die in das System eingebauten Gleichgewichts- und Kontrollmechanismen haben sich von einem Mittel zur Steigerung der Funktionsfähigkeit der Regierung zu einem Mittel ihrer Lähmung gewandelt. Hinter dieser Konzentration der Macht in einem derart engen Kreis verbirgt sich ein grundlegendes soziologisches und wirtschaftliches Phänomen: die rasante Monopolisierung des Kapitals. In einer Situation, in der mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung über weniger Einkommen verfügt als die reichsten zwölf Personen, führt eine derart vertikale Konzentration der Wirtschaftskraft zwangsläufig zu einer Konzentration der politischen Macht in einer einzigen Hand. Fukuyama sieht dies jedoch nicht als Zusammenbruch, sondern spricht von einer „Störung der Ordnung”. Sein Vorschlag zur Lösung ist folglich: Stärkung der Exekutivbürokratie, Verringerung der übermäßigen Abhängigkeit der Justiz und radikale politische Reformen, um die „Vetokratie” zu durchbrechen. Als Liberaler ist Fukuyama der Ansicht, dass die eigentliche Ursache für den politischen Verfall der USA nicht in der wettbewerbsorientierten Kapitalordnung liege, sondern vielmehr in der Funktionsunfähigkeit der politischen Institutionen. Fukuyamas Ansatz basiert also auf der Zuversicht, dass der Liberalismus von innen heraus reparierbar bzw. reformierbar sei. Laut Fukuyama können die krankhaften Auswüchse des Kapitalismus unter Kontrolle gebracht werden, wenn die Institutionen ordnungsgemäß funktionieren. Es ist also nicht das System selbst parasitär und problematisch, sondern die Institutionen seien lediglich veraltet.
Zu dem von Fukuyama beschriebenen politischen Verfall der USA, kommt mit dem Fall Epstein auch noch die Komponente der moralischen Erosion hinzu. Der Fall Epstein ist nicht nur einer der dunkelsten Kriminalfälle der modernen Geschichte, sondern auch ein Röntgenbild der systemischen, moralischen und intellektuellen Verkommenheit dieser amerikanischen internationalen „Ordnung”. Sie stellt einen Beitrag zur Sozialgeschichte des verrottenden Kapitalismus und Patriarchats dar. Die ans Licht gekommenen Skandale zeigen nicht nur die Handlungen einiger weniger perverser Individuen, sondern vielmehr, wie Politik, Wissenschaft, Finanz- und Kulturindustrie eine patriarchale „Kaste der Unantastbaren“ geschaffen haben.
Die USA als „Imperium des Chaos“
Auch die kurdische Freiheitsbewegung sieht den Kapitalismus gegenwärtig in einer Phase der systemischen und strukturellen Krise. Sie bezeichnet die kapitalistische Moderne gar als „Krisenregime“. Damit ist gemeint, dass von dem System selbst keine Lösung, sondern lediglich Krisenmanagement zu erwarten ist. Infolgedessen habe sich Depressionen und Krisen zum Dauerzustand entwickelt. „Normale“ Zeiten hingegen sind die Ausnahme bzw. die Krise ist zur Normalität geworden. Die auf verschiedenen Ebenen verlaufenden Kriege und Konflikte zwischen den Nationalstaaten beschreibt die kurdische Freiheitsbewegung im Zeitalter des globalisierten Kapitalismus als Dritten Weltkrieg. Dieser ist ein permanenter inner-kapitalistischer Machtkampf, der darauf abzielt das Weltsystem neu zu strukturieren. Die Akteure dieses Weltkrieges versuchen konkurrierende Kräfte zu schwächen und die eigene Position zu stärken. Dabei gibt es keine klaren Frontlinien oder das Ziel eines raschen militärischen Sieges. Stattdessen handelt es sich um einen ununterbrochenen Krieg, in dem Widersprüche und Auseinandersetzungen in wechselnden Allianzen ausgetragen werden. Heute führt der globale Kapitalismus seinen eigenen systemischen Anforderungen entsprechend einen langwierigen, aber kontinuierlichen Kampf um neue politische Konstellationen und Ordnungsmodelle. Die Kämpfe, Spannungen und Konflikte, die wir weltweit beobachten, sind integrale Bestandteile dieses Dritten Weltkriegs. Um ihn zu verstehen, muss man seine tiefe Verankerung in der Struktur des globalen Kapitalismus begreifen. Dieser Krieg ist dementsprechend untrennbar mit der Krise des kapitalistischen Weltsystems verbunden. Der globale Kapitalismus befindet sich in einer multi-dimensionalen Krise: wachsender Abstand zwischen Arm und Reich, ökologische Zerstörung, fortbestehende patriarchale Herrschaft, Migrationsbewegungen, Aufrüstung und die Normalisierung von Krieg sind Ausdruck dieser tiefgreifenden systemischen Erschütterung.
Dem kurdischen Vordenker Abdullah Öcalan zufolge, versucht das kapitalistische System unter der Führung der USA mit einem „Imperium des Chaos“2 seine Macht zu erhalten: „Das Imperium des Chaos, das wir auch in gewisser Weise als dritten Weltkrieg bezeichnen können, wird keineswegs nur mit militärischen und politischen Methoden gelenkt. Intensiver und entscheidender ist die Lenkung durch globale Konzerne und Medienunternehmen. Den global tätigen Wirtschafts- und Medienkonzernen fällt es nicht schwer, die Mägen und Hirne der Gesellschaften hungern zu lassen und sie dann nach Belieben zu steuern und zu benutzen. Das kapitalistische System versucht durch den Einsatz seiner wissenschaftlichen und technischen Überlegenheit, aus dem Chaos gestärkt oder
doch zumindest mit möglichst geringen Blessuren herauszukommen, oder sich neu zu formieren. Jedoch taugen die alten Methoden und Wege nicht mehr, um im Chaos das System zu lenken, zu bewahren und mit kleinen Veränderungen weiterzuführen. Daher müssen wir die neuen Strategien und Taktiken der USA im Zusammenhang mit den Besonderheiten dieses chaotischen Prozesses bewerten.“3 Vor diesem Hintergrund können wir unter der Trump-Regierung eine neue globale Offensive des System beobachten, welche sowohl innenpolitisch als auch außenpolitisch in verschiedenen Formen zum Ausdruck kommt.
Globale Offensive der kapitalistischen Moderne: Neue Nationale Sicherheitsstrategie der USA
Dieses Imperium des Chaos führt im Inland einen Krieg gegen die eigene Bevölkerung und legt die Grundlagen für einen Bürgerkrieg in den USA. Ein Kristallisationspunkt ist hierbei der Terror der US-Einwanderungsbehörde ICE in Minneapolis. Sie agiert als eine paramilitärische Truppe außerhalb des Gesetzes, die direkt der Trump-Regierung untersteht. Aufgrund ihrer Gewaltexzesse können die ICE-Mitglieder als die „Schwarzhemden4 der USA“ bezeichnet werden. Das Thema Einwanderung ist für die Regierung hierbei nicht das eigentliche Problem. Das dahinterstehende große Projekt ist Faschismus, mit dem Ziel die Arbeiterklasse im Land wirtschaftlich und organisatorisch zu zerstören. Gleichzeitig sehen wir jedoch einen umfassenden Widerstand in Minneapolis, welcher seinen Höhepunkt am 23. Januar 2026 erreichte. An diesem Tag fand der erste großflächige Generalstreik in den USA seit knapp 80 Jahren statt. Dabei wurde sich gegen die ICE-Razzien und für Arbeitnehmerrechte eingesetzt.
Wir müssen die neuen Strategien und Taktiken der globalen Hegemonialmacht USA im Zusammenhang mit den Besonderheiten dieses chaotischen Prozesses bewerten. Trumps Strategie folgt einer Logik, die sich nicht aus klar formulierten Positionspapieren erschließt, sondern vielmehr durch die Betrachtung seiner scheinbar unberechenbaren Taten verstanden werden kann. Trotzdem werden bei einem Blick auf die im Dezember 2025 veröffentlichte Nationale Sicherheitsstrategie der USA (National Security Strategy – NSS) wichtige strategische und taktische Schwerpunkte deutlich. In diesem Zusammenhang sind zwei Aspekte von Bedeutung: Erstens ist an der Nationalen Sicherheitsstrategie vor allem neu, dass im Kontext des Machtkampfes gegen China, Lateinamerika (im US-Sprachgebrauch: die westliche Hemisphäre) erheblich an Bedeutung gewinnt. In dieser Region ist nicht nur Russland präsent, sondern vor allem China hat sich zum größten Handelspartner der Region (ohne Mexiko) entwickelt. Zugleich ist das Land zu einem bedeutenden Investor in kritische Infrastruktur geworden, von Häfen bis hin zu 5G-Netzen. Das soll sich laut den USA ändern. „Wir wollen, dass andere Staaten uns als Partner der ersten Wahl ansehen“, heißt es in der NSS und man werde „durch verschiedene Mittel“, „ihre Zusammenarbeit mit anderen erschweren“. Zweitens hat dieser Plan, der in Bezug zur ehemaligen Monroe-Doktrin als „Donroe-Doktrin“ bezeichnet wird, insbesondere die Rohstoffvorräte Südamerikas im Visier, etwa das Öl Venezuelas und das Lithium Argentiniens, Boliviens und Chiles. Im Strategiepapier wird wiederholt von „kritischen Lieferketten“ gesprochen: „Die Stärkung kritischer Lieferketten in dieser Hemisphäre wird Abhängigkeiten verringern und die wirtschaftliche Widerstandsfähigkeit Amerikas erhöhen.“5 Darüber hinaus geht es explizit auch darum, die Militärpräsenz in Lateinamerika und der Karibik auszubauen und die Rüstungs- und Militärkooperation mit den Ländern der Region zu intensivieren – „von Waffenverkäufen über Geheimdienstaustausch bis hin zu gemeinsamen Manövern“.
Den Anfang stellte die imperialistische Aggression gegen Venezuela im Januar diesen Jahres dar. Auf Trumps Befehl marschierten am 3. Januar amerikanische Truppen in Venezuela ein, töteten dort venezolanische und kubanische Staatsbürger und entführten den venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro und seine Frau. Die Trump-Doktrin hat Lateinamerika durch die faktische Aktualisierung der Monroe-Doktrin wieder zu einem offenen Einflussbereich gemacht. Die jüngste militärische Intervention in Venezuela ist die logische Fortsetzung dieser Linie. Sie sollte als imperialer Versuch einer Neuhierarchisierung verstanden werden. Kurz gesagt, die Intervention in Venezuela ist kein isolierter Vorfall, sondern kann als einer der Schritte zur Umsetzung der neuen Strategie der USA betrachtet werden. Diese amerikanische Intervention war ein direkter Angriff auf die nationale Souveränität Venezuelas. Damit hat die USA direkt gegen die Charta der Vereinten Nationen und damit gegen das Völkerrecht verstoßen. Trump erklärte gegenüber der New York Times offen, dass er kein Völkerrecht benötige. Gleichzeitig gestaltet Trump internationale Vereinbarungen zu seinem Vorteil um und fordert die Gründungsideen der UNO heraus, indem er einen neuen „Friedenspakt” der USA mit loyalen Staaten schloss und einen „Friedensrat“ in Davos gründete.
Geoökonomie und Imperialismus
Um die Strategien des „Imperiums des Chaos“ in dieser gegenwärtigen Phase zu verstehen, erscheint es sinnvoll, diese im Zusammenhang mit den Begriffen der Geoökonomie und des Imperialismus zu diskutieren. In den letzten Jahren war Geoökonomie einer der am häufigsten verwendeten Begriffe, um die aktuellen Dynamiken des globalen Kapitalismus zu erklären. Handel, Investitionen, Technologien und Finanzströme werden heute weniger von Marktsignalen als vielmehr von geopolitischen Prioritäten bestimmt. Dies ist zwar kein neues System, jedoch werden diese Instrumente heute offen und systematisch als Strategie zur imperialen Neuordnung eingesetzt. Geoökonomie ist der systematische Einsatz wirtschaftlicher sowie militärischer Instrumente für geopolitische und strategische Zwecke. Zölle, Sanktionen, Technologiebeschränkungen, die Kontrolle von Finanzströmen und die Umstrukturierung von Lieferketten bilden die Grundelemente dieses Instrumentariums. Das Besondere daran ist, dass diese Interventionen nicht, wie in den gängigen Ansätzen oft behauptet, zur „Behebung von Marktversagen” dienen, sondern zur Neuordnung der internationalen Machtverhältnisse. Daher ist Geoökonomie keine technische politische Entscheidung, sondern ein politisches und klassenbezogenes Projekt.
Der Begriff wurde in den 1990er Jahren erstmals vom US-amerikanischen Militärstrategen Edward Luttwak mit folgenden Worten definiert: „Dieser Neologismus beschreibt […] am besten die Verbindung der Logik des Konflikts mit den Methoden des Handels oder – wie Carl von Clausewitz es geschrieben hätte – die Logik des Krieges in der Grammatik der Handels“6. In diesem Zusammenhang ist es nicht möglich, die Geoökonomie aus der Imperialismusdebatte herauszulösen. Es ist jedoch irreführend, Imperialismus nur mit Landaneignung oder direkter militärischer Expansion gleichzusetzen. Im Sinne Lenins wird Imperialismus durch die Konzentration und Zentralisierung des Kapitals, die Vorherrschaft des Finanzkapitals, den Vorrang des Kapitalexports vor dem Warenexport und die hierarchische Aufteilung der Weltwirtschaft unter den Großmächten definiert. In diesem Zusammenhang besteht das Wesen des Imperialismus in der Neugestaltung und Reproduktion der globalen Hierarchie auf einer Ebene, auf der die Logik des Kapitals und die nationale Logik miteinander verflochten sind.
Kommen wir in diesem Kontext wieder auf die jüngsten Diskussionen während des Weltwirtschaftsforums in Davos zurück. Der dort vorgelegte Global Risks Report 20267 beinhaltet eine Zusammenfassung der sich in den letzten zwei Jahren weltweit verändernden Risikowahrnehmungen aus Sicht der herrschenden Eliten. Aus einer Tabelle in dem Bericht geht hervor, dass geoökonomische Konflikte um acht Plätze nach oben geklettert sind und damit das am schnellsten wachsende Risiko darstellen. Dies zeigt, dass in der Phase des globalen hegemonialen Interregnums, die durch den relativen Rückgang der Hegemonie der USA entstanden ist, der Kampf um die Neuordnung der globalen Hierarchie offen in den Mittelpunkt der Weltwirtschaft und -politik gerückt ist. Dies deckt sich mit Reden wie der des kanadischen Premierministers und anderen.
Der Aufstieg der Geoökonomie und ihre Aufnahme in die Hauptagenda von Davos sind eines der deutlichsten Anzeichen dafür, dass der Imperialismus heute mittels globaler Wertschöpfungsketten, Technologieregime und Finanzsanktionen funktioniert. In dieser Hinsicht hat sich der Kern des Problems nicht geändert. Es geht immer noch darum, wer unter welchen Bedingungen die globale Hierarchie bestimmt. In diesem Zusammenhang ist die Strategie der USA entscheidend. Die USA, die in Bezug auf Produktion und Industriekapazität einen relativen Rückgang verzeichnen, behalten dennoch ihre finanzielle und militärische Überlegenheit weitestgehend bei. Diese Asymmetrie veranlasst die USA angesichts des immer schneller voranschreitenden Aufstiegs Chinas dazu, die bestehende globale Hierarchie neu zu definieren. Die geoökonomische Neudefinition der internationalen Hierarchie ist der konzeptionelle Ausdruck dieser Strategie. Die Trump-Doktrin ist die deutlichste politische Ausprägung dieser Ausrichtung. Handelskriege, Zölle, die Beschränkung des Zugangs zu technologischen Erfindungen und Eingriffe in die Lieferketten werden als imperiale Antwort auf den relativen Rückgang der USA eingesetzt. Letztendlich ist Geoökonomie kein technischer Wirtschaftsbegriff, sondern die Bezeichnung für die aktuelle Form, die der Imperialismus unter den Bedingungen der Krise angenommen hat. Die in Davos diskutierte Risikotabelle ist Ausdruck der Bemühungen der USA, eine neue globale Hierarchie zu etablieren. Daher ist die Debatte über Geoökonomie zwangsläufig eine Debatte über Imperialismus im 21. Jahrhundert.
IMEC8 und Pax Silica
Vor diesem Hintergrund sind auch die Entwicklungen in Palästina, Rojava (Kurdistan), Venezuela, Grönland und anderen Orten, die auf den ersten Blick mit verschiedenen Problematiken konfrontiert sind, miteinander verbunden. Nur durch eine Erklärung dieser Zusammenhänge wird es möglich sein diese Kämpfe und Thematiken in der Agenda einer anti-kapitalistischen Internationalen zusammenzuführen. Der transnationale Kapitalismus mit seinen verschieden Ausprägungen wird in seiner Totalität zum zentralen globalen politischen Akteur in diesem Dritten Weltkrieg. Ein zentrales Charakteristika im Finanzzeitalter ist die zunehmende Verschränkung von Wirtschaft und Politik im globalen Ausmaßen. Lokale und nationale, politische und wirtschaftliche Entscheidungen geraten zunehmend unter die Kontrolle der globalen super-monopolistischen Kräfte. Dies wird begleitet von räuberischen, extraktivistischen Prozessen an mehreren Fronten: Land, Energie und Mineralien.
Zwei Initiativen, die maßgeblich von den USA vorangetrieben werden, um den Einfluss von China im globalen Wettbewerb zu minimieren, sind in diesem Zusammenhang besonders hervorzuheben. Erstens, der beim G20-Gipfel im September 2023 in der indischen Hauptstadt Delhi angekündigte „India-Middle East-Europe Economic Corridor“ (IMEC). Die Staats- und Regierungschefs der USA, Indiens, Saudi-Arabiens, der VAE, Italiens, Deutschlands, Frankreichs und die EU als Staatenbund kündigten gemeinsam die Einrichtung dieses Korridors an. Damit sollen Ost- und Westeurasien – also Indien und Europa – über den Mittleren Osten in Form eines neuen Transport-, Pipeline-, Strom- und Datenkabelnetzes miteinander verbunden werden. Diese geostrategische Entscheidung ist einer der treibenden Faktoren hinter der Eskalation der Konflikte, die seit dem Herbst 2023 im Mittleren Osten zu beobachten ist. Es ist eine Antwort auf die von China seit 2013 verfolgte „Belt and Road Initiative“ (BRI, auch als ‚Neue Seidenstraße‘ bekannt), das 150 Länder entlang von fünf Landkorridoren und einem Seekorridor umfassen soll.
Aus der Sicht des oben skizzierten Konzepts der Geoökonomie stellt das IMEC-Projekt nicht nur ein wirtschaftliches Projekt dar. Es ist verknüpft mit der Errichtung einer neuen regionalen Sicherheitsarchitektur im Mittleren Osten, in deren Zentrum Israel die Rolle des hegemonialen Zentrums spielt. Damit werden die Transformation der Region im Sinne der neuen Weltordnung vorangetrieben, Energiereserven und neuen Energierouten unter Kontrolle gebracht, ungehinderter Kapitalfluss gesichert und der Handlungsspielraum Russlands und Chinas einschränkt. Bei der Umsetzung des IMEC spielen auch die sogenannten „Abraham Accords“ eine zentrale Rolle. Diese wurden am 15. September 2020 von Vertretern Israels, der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) und Bahrains in Washington unterzeichnet. In diesem Rahmen wurden die Anerkennung Israels durch die beiden arabischen Staaten und die Aufnahme diplomatischer Beziehungen beschlossen. Das strategische Ziel ist, die arabischen Staaten der israelischen Vorherrschaft in der Region zu unterwerfen und den Weg für den IMEC zu säubern. Das zur Verwirklichung dessen und zur „Weg-Säuberung“ auch vor Genoziden kein Halt gemacht wird, führt uns der seit dem 7. Oktober 2023 andauernde Genozid in Gaza durch die israelische Besatzungsarmee klar vor Augen. Die am IMEC beteiligten Mächte beharren mit aller Kraft auf der Durchsetzung dieses Projekts.
Die zweite Initiative ist das Projekt Pax Silica, dass nicht ohne das IMEC-Projekt verstanden werden kann und den Zusammenhang zwischen Militarismus und Technologieindustrie klar zum Ausdruck bringt. Pax Silica ist eine im Dezember 2025 vom US-Außenministerium gestartete strategische Allianz zur Sicherung der Lieferketten für KI, Halbleiter und kritische Mineralien. Das Projekt stellt eine multinationale KI-Allianz der USA gegen China dar und soll sowohl die Wertschöpfungskette der KI-Wirtschaft als auch die technologische Führerschaft der USA und ihrer Verbündeten sichern. Es zielt darauf ab, die Abhängigkeit von China zu verringern, den mangelnden Zugang zu kritischen Mineralien zu beheben und eine Koalitionen aus Partnerstaaten (Australien, Israel, Japan, Singapur und Südkorea) für die technologische Zukunft zu bilden. Auch dieser Wettlauf um künstliche Intelligenz ist eine Erweiterung und Verschärfung der Rivalität zwischen den USA und China. Es handelt sich nicht nur um einen Wettbewerb um die Technologie selbst, der viele gefährliche Auswirkungen auf Militär, Polizei und Arbeit hat. Es geht auch um einen Wettbewerb um Rohstoffe, Energie, Handelswege und neue wirtschaftliche Beziehungen zu Ländern, um diese Rohstoffe zu beschaffen. Das heißt, der Wettlauf um künstliche Intelligenz ist auch ein Wettlauf um neue und erneuerte internationale Wirtschaftsallianzen. Pax Silica strebt auch eine Erweiterung im Mittleren Osten an. Wie beim IMEC ist Israel auch in dieser Allianz Gründungs- bzw. Kernmitglied. Es ist ein strategischer Schritt, um die technologische Zusammenarbeit zwischen den USA und Israel im KI-Sektor zu festigen und die Region auf die Absichten der großen Technologie- und Energieunternehmen vorzubereiten. Israel als regionale Hegemonialmacht ist die Verkörperung dieser kapitalistischen Strategie und der Pax Silica in der Region. Pax Silica ist ein Versuch, Völkermord als Investitionsprojekt darzustellen. Gaza soll dementsprechend als Teil dieses Projekts in einen Investitionsstandort verwandelt werden.
Kampf der Ideen
Projekte wie diese machen die Verbindungen zwischen den genozidalen, imperialistischen und extraktivistischen Praktiken und Drohungen in Palästina, Rojava, Grönland und verschiedenen Regionen in Lateinamerika offensichtlich. Denn auch die Angriffe auf Rojava, die Anfang Januar diesen Jahres begannen und die Zerschlagung des demokratischen Selbstverwaltungsmodells zum Ziel hatten, waren Teil eines internationalen Plans. Sie waren Teil der Strategie den syrischen Nationalstaat zu vereinen, alle widerständigen Dynamiken zu liquidieren, diese zur Integration ins Regime zu zwingen und letztendlich Syrien zum Beitritt in die „Abraham Accords“ zu bewegen. Rojava steht für das Gegenteil der oben beschriebenen Hegemonialprojekte der kapitalistischen Moderne und für eine reale Alternative zum autoritären und kapitalistischen System. Denn die Idee hinter dem Gesellschaftsmodell Rojava versucht nicht nur die „Krankheitssymptome“ zu bekämpfen, sondern die systemischen Ursachen in Angriff zu nehmen.
In dieser Phase der Auflösung der kapitalistischen Moderne und ihrer strukturellen Krise besteht die Möglichkeit, dass es zu demokratischen Offensiven und Entwicklungen, aber auch zu totalitär-faschistischen Entwicklungen kommt. Wir befinden uns in einem historischen Zeitraum, indem sowohl die herrschenden Eliten als auch die Gesellschaften die bestehende Weltordnung tiefgreifend hinterfragen. Wie sich das Potential für einen demokratischen Aufbruch nutzen lässt, hängt ab vom Organisierungsgrad der demokratischen Kräfte und den richtigen Methoden, Aktionsformen und gesellschaftlichen Organisationsmodellen. Demokratische und egalitäre Bewegungen können in diesem Chaosintervall mit kleinen und wirkungsvollen Schritten in kurzer Zeit etwas aufbauen, das langfristig die Zukunft bestimmt. Die Revolution in Rojava ist hierbei ein konkretes Beispiel und eröffnet mit ihrem Paradigma der demokratischen Moderne und des demokratischen Sozialismus neue Perspektiven für gesellschaftliche Kämpfe und die Entwicklung einer gerechteren Ordnung. Gerade in diesem globalen Neuordnungsprozess ist es entscheidend, überzeugende ideologisch-politische Konzepte und tragfähige Lösungsansätze zu besitzen, um reale Chancen zu haben, in diesem Chaos an Einfluss zu gewinnen.
Um zu verstehen, wie sehr das Imperium des Chaos solche Ideen, Diskussionen und Praktiken über Alternativen zum bestehenden kapitalistischen System fürchtet und versucht im Keim zu ersticken, genügt ein Blick in die vergangenen Monate. Trotz der Parole des „Ende der Geschichte und der Ideologien“ war es für die USA als hegemoniale Kraft der kapitalistischen Moderne fast 180 Jahre nach der Veröffentlichung des Kommunistischen Manifest von Karl Marx und Friedrich Engels und mehr als 35 Jahre nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion bzw. des Realsozialismusnotwendig, im vergangen Jahr die „Woche des Antikommunismus“9 in Amerika auszurufen. Am 7. November 2025, dem Jahrestag der sozialistischen Revolution von 1917 in Russland, erklärte das Weiße Haus die Woche vom 2. bis 8. November zur „Woche des Antikommunismus“. In der Erklärung wird der Sozialismus als Bedrohung für „Glauben, Freiheit und Wohlstand“ dargestellt und vor „neuen Stimmen“ gewarnt, die angeblich „alte Lügen“ wiederholen. Damit erklärte die US-Regierung der von ihr selbst für tot erklärten Idee des Sozialismus erneut den Krieg. Hinter all der Selbstsicherheit des Systems verbirgt sich offensichtlich die Angst der herrschenden Klasse und Kaste vor der wachsenden Opposition gegen den Kapitalismus und der Idee des Sozialismus, die den Gesellschaften ein freiheitliches und revolutionäres Denken vermittelt. Der unmittelbare politische Hintergrund für die Erklärung des Weißen Hauses ist die Bürgermeisterwahl in New York, bei der über eine Million Menschen für Zohran Mamdani stimmten, einem selbsternannten „demokratischen Sozialisten“. Die „Antikommunismus-Woche“ wurde rückdatiert, um den Tag der Wahl, den 4. November, einzubeziehen. Das Weiße Haus warnte in diesem Zusammenhang düster vor denen, die „sich mit den Begriffen ‚soziale Gerechtigkeit‘ und ‚demokratischer Sozialismus‘ tarnen“. Diese Hysterie rührt daher, dass der Widerstand gegen den Kapitalismus international rapide zunimmt und sich in verschiedenen Formen äußert, z.B. den „No Kings“-Massendemonstrationen am 18. Oktober, der überwältigenden globalen Ablehnung des israelischen Völkermords in Gaza und den „Gen Z“-Protesten in Afrika und Asien. Umfragen zeigen, dass 67 Prozent der jungen Menschen in den USA, dem absoluten Zentrum der kapitalistischen Moderne, eine positive oder neutrale Einstellung zum Sozialismus haben, während sich nur 40 Prozent für Kapitalismus aussprechen.
Wir sehen also auch einen ideologischen Angriff gegen Ideen, die mögliche Alternativen zur kapitalistischen Moderne darstellen, allen voran der Idee des demokratischen Sozialismus. In diesem Zusammenhang sind auch die anhaltenden Drohungen und Sanktionen gegen Kuba zu verstehen. Offen hat US-Präsident Trump den Sturz der sozialistischen Regierung in Havanna zum Ziel erklärt. Auch der imperialistische Angriff gegen Venezuela ist als ein Schlag gegen eine der letzten Bastionen des Realsozialismus auf dem Kontinent zu werten. Die Botschaft an die Hemisphäre ist klar: Jedes politische Projekt, das die Politik der USA in Frage stellt, sei es auch nur rhetorisch, wird mit direktem Druck konfrontiert und systematisch destabilisiert. Alle progressiven Projekte, die sich dem US-Imperialismus widersetzen, werden zur Zielscheibe erklärt. In diesem Kontext kann die Einstufung der Antifa in den USA, sowie linker Gruppen aus Deutschland, Italien und Griechenland als „terroristische Organisationen“10 als weiteres Beispiel für den Versuch der US-Regierung verstanden werden, linke Ideen zu verbieten. Trump geht es mit seinen Angriffen auf die Antifa darum, alles links von ihm als terroristisch zu diffamieren. Vor allem möchte er die breite antirassistische Bewegung, die sich nach dem Polizeimord an George Floyd vor einigen Jahren landesweit bildete, als destruktiv, gewalttätig und chaotisch zu diffamieren.
Dass man sich mitten in einem Kampf der Ideen befindet, erklärten herrschende Eliten auch offen im Zuge der globalen Solidaritätswelle mit Palästina. Als sich die pro-palästinensischen Demonstrationen an Universitäten in den USA ausdehnten und es zu Uni-Besetzungen kam, in denen die protestierenden Studierenden und DozentInnen forderten, Universitäten sollten sich von mit Israel eng verbundenen Unternehmen los sagen, stellte dies eine direkte Bedrohung für die Interessen des transnationalen Kapitals und ihrer Klasse dar. Eine Gruppe von Multimillionären und Milliardären forderten daraufhin in New York City Bürgermeister Eric Adams auf, die Polizei zu schicken, um die Columbia University und andere Campusse in dieser Stadt zu stürmen. Der CEO von Palantir, Alex Karp, machte deutlich, wie hoch die Einsätze seien, die nach Ansicht dieser transnationalen Kapitalistenklasse bei den Protesten auf dem Spiel ständen. Palantir, ein milliardenschweres Hightech-Unternehmen mit Sitz im Silicon Valley, unterzeichnete Anfang 2024 eine Vereinbarung mit dem israelischen Verteidigungsministerium, um die israelischen Streitkräfte mit künstlicher Intelligenz und anderen digitalen Technologien zu versorgen, die beim Völkermord in Gaza eingesetzt wurden und werden. „Die Proteste auf dem Campus sind keine Nebensache. Sie sind die Hauptsache“, sagte Karp. „Wenn wir den intellektuellen Kampf verlieren, werden wir nie wieder eine Armee im Westen aufstellen können.“11
Demokratischer Sozialismus des 21. Jahrhunderts
Wo der Hauptfeind für die Herrschenden wirklich steht, machte Trump mit seiner Erklärung, die Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) sei gefährlicher als der Islamistische Staat (IS)12, mehr als deutlich. Hier steht die PKK stellvertretend für eine sozialistische Bewegung, die erklärte: „Am Sozialismus festzuhalten, heißt, am Menschsein festzuhalten.“ Und das trotz der Diskurse vom „Ende der Geschichte“ der 1990er und der Tatsache, dass sich zu der Zeit viele vom Sozialismus abwandten. Der Kampf der Freiheitsbewegung und ihre Vision eines demokratisch-konföderalen Mittleren Ostens fordert heute auf direkte Weise die Agenda der kapitalistischen Moderne heraus. Sie wird daher von Trump als Bedrohung definiert und ist der tieferliegende Grund für die Aggression gegen die Rojava-Revolution im Besonderen und die Freiheitsbewegung Kurdistans im Allgemeinen.
In diesem gegenwärtigen Kampf der Ideen kritisiert der kurdische Vordenker Abdullah Öcalan das dogmatische Wiederholen von Thesen aus dem 19. oder frühen 20. Jahrhundert und das starre Festhalten an Formeln, die angesichts der modernen gesellschaftlichen Verhältnisse keine Relevanz mehr haben. Er betont daher die Notwendigkeit eines Wiederaufbaus des Sozialismus im philosophischen, ideologischen und organisatorischen Sinne und plädiert für einen demokratischen Sozialismus des 21. Jahrhunderts im Widerstand gegen die kapitalistische Moderne: „Die Geschichte des Realsozialismus im 20. Jahrhundert zeigt, dass sein Scheitern auch auf einem falschen Verständnis dieser Dialektik beruhte: Der staatszentrierte Sozialismus, der den Staat übernehmen wollte, wurde schließlich von ihm absorbiert. Das Selbstbestimmungsrecht der Völker wurde auf den Nationalstaat reduziert – ein Schritt zurück in die Logik der bürgerlichen Politik. Der Begriff „proletarischer Nationalstaat“ reproduzierte nur das staatszentrierte Denken. Deshalb sage ich: Der Nationalstaat-Sozialismus führt in den Misserfolg, der demokratische Gesellschaftssozialismus zum Erfolg. Heute ist es an der Zeit, sich auf Grundlage des demokratischen Gesellschaftssozialismus dem demokratischen Befreiungsprozess zuzuwenden.“13
Während die Welt, so wie wir sie kennen, auseinander fällt, ist es in diesem Sinne für anti-systemische und demokratische Kräfte von zentraler Bedeutung die globalen Entwicklungen auf internationalistische Weise zu begreifen, sich dementsprechend zu organisieren und zu handeln. Dies bedeutet als ersten Schritt, sich von den Geschichten zu lösen, die unsere Erfahrungen einzigartig erscheinen lassen, und mehr Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen die Ähnlichkeiten und Zusammenhänge hervorgehoben werden. Wie oben dargestellt wurde, eskaliert der Dritte Weltkrieg jeden Tag in unterschiedlicher Form an neuen Orten. Mal wird die Diplomatie intensiviert, mal die Gewalt. Die Agenda wird jedoch auf absehbare Zeit von multiplen Krisen geprägt sein. Die Prioritäten an den einzelnen Schauplätzen werden sich verschieben, doch der Krieg als Gesamtkomplex wird sich in vielen Bereichen abspielen. Dagegen zeigen die seit 2010 anhaltenden Unruhen in einer Vielzahl von Ländern in verschiedenen Kontinenten, dass sich die Völker, ArbeiterInnen, Jugendlichen und Frauen um gemeinsame Forderungen zusammenschließen. All diese Entwicklungen machen eine organisierte internationalistische Bewegung notwendig und schaffen gleichzeitig eine konkrete Grundlage für ihre Entstehung.
Der Text wurde vor dem jüngsten Angriff von Israel und den USA auf den Iran verfasst.
1 https://www.theguardian.com/world/2026/jan/21/nostalgia-is-not-a-strategy-mark-carney-is-emerging-as-the-unflinching-realist-ready-to-tackle-trump
2Abdullah Öcalan, Jenseits von Staat, Macht und Gewalt, S. 227
3ebd.
4Schwarzhemden (italienisch camicie nere) war die zunächst inoffizielle und später offizielle Sammelbezeichnung für die Mitglieder paramilitärischer Milizen der italienischen Faschisten.
5 https://www.whitehouse.gov/wp-content/uploads/2025/12/2025-National-Security-Strategy.pdf
6From Geopolitics to Geo-Economics: Logic of Conflict, Grammar of Commerce, Edward N. Luttwak, Journal: The National Interest
7 https://reports.weforum.org/docs/WEF_Global_Risks_Report_2026.pdf
8Auch IMEEC geschrieben
9 https://www.whitehouse.gov/presidential-actions/2025/11/anti-communism-week-2025/
10 https://www.tagesschau.de/ausland/amerika/usa-trump-ost-antifa-terror-100.html
11 https://www.youtube.com/watch?v=E1schQrqJFU
12 https://www.zeit.de/politik/ausland/2019-10/us-praesident-donald-trump-pkk-terrormiliz
13 https://deutsch.anf-news.com/aktuelles/Ocalan-zeit-fur-demokratischen-sozialismus-49136
