Rojava und Syrien im Krieg – Eine politische Einschätzung

Seit Anfang des Jahres überschlagen sich die Ereignisse in Rojava und Syrien in dramatischer Weise. In Anbetracht der schnellen Entwicklungen, braucht es dringend eine sorgfältige Analyse der vorherrschenden Situation, sowie der Ziele und Interessen der verschiedenen Akteure, die in dieses komplexe Netz politischer Beziehungen involviert sind.

Es ist nicht das erste Mal, dass die Demokratische Selbstverwaltung Nord- und Ostsyriens (DAANES) unter großem Druck steht. Seit dem Beginn des Syrischen Bürgerkriegs im Jahr 2011 ist die Revolution in Rojava immer wieder Ziel von Angriffen verschiedener Akteure, wie dem sogenannten Islamischen Staat (IS), dem Assad Regime und – am beharrlichsten – dem türkischen Staat, geworden.

Die jüngste Eskalation begann am 6. Januar 2026, als Truppen und Milizen verbunden mit der sogenannten Syrischen Übergangsregierung die Stadtteile Şêxmeqsûd, Eşrefiyê und Beni Zeyd in Aleppo angriffen. Diese Angriffe haben sich schnell über große Teile Rojavas ausgebreitet, wodurch praktisch ganz Nordsyrien angegriffen wurde. Entgegen eines angeblichen Waffenstillstands, der vom Syrischen Regime am 18. Januar ausgerufen wurde, geht die Gewalt unvermindert weiter und hat sich inzwischen auf Hesekê und auf die Umgebung Kobanês ausgeweitet. Berichte geben an, dass sich die Zivilbevölkerung Massakern ausgesetzt sieht.

Als Folge der andauernden Angriffe, steht nun die grundlegende Existenz Rojavas auf dem Spiel. Die hiesigen Entwicklungen spiegeln eine Verschiebung der Machtverhältnisse wieder und signalisieren den Beginn einer neuen politischen Phase im Nahen Osten.

Um die grundlegenden Dynamiken der jetzigen Situation verstehen zu können, also den Hintergrund der neusten Entwicklungen in Syrien und deren Auswirkungen auf Rojava, ist eine detaillierte Analyse der umfassenden Umwälzungen im Nahen Osten notwendig. Ein historisches Verständnis dieser politischen Prozesse ist entscheidend für die Demokratischen Kräfte, um sich gegen die Vereinnahmung durch die Kapitalistischen Moderne zu stellen und eine unabhängige und emanzipatorische Perspektive zu entwickeln.

Eine neue Stufe im Dritten Weltkrieg

Der konzeptionelle und theoretische Rahmen des „Dritten Weltkriegs“, geprägt von Abdullah Öcalan in seinem Werk „Manifest für eine demokratische Zivilisation“, gibt eine zentrale Orientierung für eine angemessene Einschätzung der aktuellen Situation in Syrien.

Dieser Begriff, der von der Freiheitsbewegung Kurdistans seit über zwei Jahrzehnten genutzt wird, beschreibt den globalen Prozess der Neuausrichtung der hegemonialen Kräfte und deren Einflusszonen, seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Die Jahre 1989-90 markieren das Ende der bipolaren Weltordnung, die die Welt in die Sowjetunion und den kapitalistischen Block geteilt hatte und führten zum Zusammenbruch der vorherrschenden Machtverhältnisse, vor allem im Nahen Osten. In dieser chaotischen Phase war das Ziel der Kräfte der kapitalistischen Moderne die komplette Integration der Region in die kapitalistische Hegemonie. In diesem Kontext können drei zentrale Gruppen von Akteuren herausgestellt werden, die im Nahen Osten nach unterschiedlichen Interessen und Zielvorstellungen handelten.

Erstens bilden die internationalen Akteure unter der Leitung der USA einen dominanten Block. Seit den frühen 1990er Jahren, verfolgten die Vereinigten Staaten das Ziel die Region als Teil des sogenannten “Greater Middle East Project” (GME) neu zu strukturieren, mit dem dahinterliegenden Ziel die Ressourcen und Handelsrouten der Region zu beherrschen. Das Projekt wurde entwickelt als Reaktion auf das, durch den Zerfall des real-existierenden Sozialismus, entstandene Machtvakuum und zielte darauf ab den Nahen Osten in die Idee des Neoliberlismus zu integrieren. Ein Blick auf die blutigen Konsequenzen dieser Politik in den vergangenen 30 Jahren in Ländern wie dem Irak, Afghanistan, dem Libanon und Syrien zeigt die verheerenden Auswirkungen auf die Gesellschaften in der Region. Die Strategie der USA basiert in erster Linie auf drei Säulen: der Beseitigung potenzieller Bedrohungen für die USA und den Westen, der Kontrolle über Energieressourcen und Energiekorridore sowie der Gewährleistung der Sicherheit Israels und seiner Fähigkeit, Krieg in der Region zu führen. In diesem Zusammenhang spielen sowohl die Zerschlagung des iranischen Projekts des schiitischen Halbmonds, als auch die Gründung einer sogenannten „arabischen NATO“ eine zentrale Rolle. Letzteres manifestiert sich unter anderem in den Abraham-Abkommen, die darauf abzielen, sunnitische Staaten – insbesondere Saudi-Arabien und die Golfstaaten – strategisch mit Israel zu vereinen.

Die zweite Gruppe von Akteuren sind die bestehenden Nationalstaaten in der Region, die versuchen, sich den Bemühungen des GME zu widersetzen. Das GME sieht vor, die Region umzugestalten und eine Politik der Vorherrschaft durchzusetzen, indem die Ordnung des 20. Jahrhunderts nach dem Sykes-Picot-Abkommen aufgelöst wird. Stattdessen beharren die bestehenden regionalen Nationalstaaten auf der vor rund hundert Jahren, während und nach dem ersten Weltkrieg durch das Sykes-Picot-Abkommen geschaffenen Staatsordnung.

Der dritte Akteur wird durch soziale Kräfte repräsentiert. Diese werden heute vor allem durch die Freiheitsbewegung Kurdistans vertreten, die mit der Entwicklung des Modells des Demokratischen Konföderalismus und der demokratischen Nation eine Alternative sowohl zur Nationalstaatsordnung als auch zum „Greater Middle East Project“ formuliert.

Vom 7. Oktober 2023 bis zum Sturz des Baath-Regimes in Syrien

Mit dem Krieg zwischen Israel und der Hamas, der am 7. Oktober 2023 begann, gewann der Prozess der Neugestaltung des Nahen Ostens erheblich an Dynamik. Der bestehende Status quo wurde als Hindernis für die westliche Hegemonie angesehen und daher bewusst aufgebrochen, um neue Machtverhältnisse zu etablieren. In diesem Zusammenhang wurde der iranische Einfluss in Palästina (Hamas) und im Libanon (Hisbollah) geschwächt, während der Machtwechsel in Syrien eine weitere zentrale Säule der regionalen Hegemonie des Irans zu Fall brachte. Der Iran steht somit vor der Alternative, einen Regimewechsel zu vollziehen oder sich der bestehenden hegemonialen Ordnung zu unterwerfen.

Im Rahmen dieser Umstrukturierung des Nahen Ostens übernimmt Israel die Rolle des hegemonialen Zentrums. Um Israel herum wurde eine neue regionale Sicherheitsarchitektur geschaffen. Die Abraham-Abkommen markieren einen Prozess der schrittweisen Integration arabischer Nationalstaaten in dieses System, mit Israel als zentralem Akteur und Vertreter der westlichen Hegemonie. Gleichzeitig wird der sunnitische Block, durch den Arabischen Frühling erheblich erschüttert, neu geformt. In diesem Zusammenhang werden die Rufe nach einer strategischen Einkreisung des Iran immer lauter. Über die sicherheitspolitische Dimension hinaus, zielt die Transformation der Region des Nahen Ostens im Sinne der neuen Weltordnung auch darauf ab, die Energiereserven und neuen Energierouten zu kontrollieren, den ungehinderten Kapitalfluss zu sichern, das östliche Mittelmeer zu dominieren und politische Regime zu etablieren, die den Handlungsspielraum Russlands und Chinas einschränken und begrenzen.

Der Sturz des Baath-Regimes am 8. Dezember 2024 nach 62 Jahren Herrschaft stellt eine Fortsetzung dieser Politik dar und leitete eine neue Phase der Unsicherheit in Syrien ein. Als Hayat Tahrir al-Sham (HTS), das seine Wurzeln in Al-Qaida hat, sich kürzlich aus einem zuvor kleinen islamistischen Emirat in der Region Idlib unter der Schirmherrschaft und Aufsicht des türkischen Staates stehend entwickelte und die Macht übernahm, wurde klar, dass die Krise in Syrien noch nicht vorbei war. HTS, das nun die Übergangsregierung bildet, markiert den Beginn einer neuen Phase der Instabilität.

Das Syrien der HTS als neue Stellvertretermacht des Westens

Mit dem Sturz des Assad-Regimes und der Machtübernahme durch Hayat Tahrir al-Sham (HTS) hat sich das Beziehungsgeflecht in Syrien qualitativ verändert. Es ist ein neues Kräfteverhältnis entstanden, das man verstehen muss, um die aktuellen Entwicklungen richtig einschätzen zu können. Die sich entwickelnde Situation sollte vor allem aus der Perspektive der USA und des westlichen Blocks analysiert werden.

Seit Beginn des syrischen Bürgerkriegs im Jahr 2011 war es das Ziel der USA und ihrer Verbündeten, das Assad-Regime zu stürzen und eine pro-westliche Regierung zu installieren – ein Ziel, das mit der heutigen Übergangsregierung effektiv erreicht wurde. Damit standen die USA in direktem Gegensatz zu Russland und dem Iran, die während des Krieges die zentralen Stützen des Assad-Regimes waren. Bis zum Sturz Assads zielte die russische Politik darauf ab, das bestehende Nationalstaatssystem Syriens zu stabilisieren, indem sie Assad an der Macht hielt.

Mit der Machtübernahme durch HTS ist dieses Kräfteverhältnis in eine neue Phase getreten. Mit HTS, einer Kraft die mit erheblicher Unterstützung des Vereinigten Königreichs1 aufgebaut wurde, gibt es nun eine Regierung in Damaskus, die in das von den USA und dem Westen geführte Umstrukturierungsprojekt integriert ist. HTS akzeptiert die Regeln der kapitalistischen Moderne, ist wirtschaftlich in das westliche Lager integriert, erkennt de facto die Vorherrschaft Israels an und schweigt zur israelischen Besetzung von Teilen des südlichen Syriens.

Für Amerika ist dieser Bündniswechsel nichts Neues. Als sich die USA mit den Kurd:innen verbündeten, wurden diese vom IS angegriffen, Assad war in Syrien an der Macht und die USA waren gegen Assad. In Anbetracht der Unterstützung, die sie der YPG und später der SDF gewährten, kam es nach dem Regimewechsel in Syrien zu einer gravierenden Veränderung in den Beziehungen zur SDF, da die USA begannen, das neue syrische Regime zu unterstützen. Zuvor versuchten die USA ihre vorrangig taktisch-militärischen Beziehungen in Syrien von der östlichen Seite des Euphrats her zu kontrollieren. Doch nun versuchen sie ihre politische und diplomatische Strategie über Damaskus umzusetzen.

Diese neue Strategie wurde auf dem Treffen in Paris am 5. und 6. Januar 2026 offiziell besiegelt, bei dem Syrien und Israel sich auf einen gemeinsamen Kommunikationsmechanismus unter Aufsicht der USA einigten. Doch dieses Treffen beschränkte sich nicht nur darauf. Gleichzeitig wurde eine Allianz gegen die demokratische Selbstverwaltung gebildet. Es ist kein Zufall, dass auch der türkische Außenminister Hakan Fidan an diesem Tag in Paris anwesend war. Diese Allianz gegen Rojava, die von den USA, Frankreich, Großbritannien und der Türkei unterstützt wird, wird auch von der EU mitgetragen. Dies wurde während des Besuchs der EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen in Damaskus offensichtlich demonstriert, die dem neuen Regime politische Unterstützung zusagte, während gleichzeitig ein Vernichtungskrieg gegen kurdische Siedlungen geführt wurde. In diesem Sinne ist der Angriff auf Rojava kein Einzelfall, sondern Teil einer koordinierten Vorgehensweise zwischen dem al-Sharaa-Regime und dem Westen.

Um konkretere Interessen zu erreichen, bekämpfen sich die siegreichen Kräfte in Syrien nun gegenseitig, und das Projekt eines demokratischen Syriens hat darin keinen Platz. Israel möchte grundsätzlich, dass Syrien zersplittert bleibt. Die Türkei hingegen strebt eine ihr loyale syrische Regierung an und möchte den Neo-Osmanismus im gesamten Nahen Osten und im östlichen Mittelmeerraum durchsetzen. Die Golfstaaten und Großbritannien möchten über HTS einen Einflussbereich im östlichen Mittelmeerraum etablieren. Die einflussreichste aller diese Mächte, die USA, möchte ein Gleichgewicht zwischen diesen Ländern herstellen, die alle ihre Verbündeten sind, und wird letztendlich höchstwahrscheinlich eine Position für die Argumente Israels einnehmen. Das Projekt der Türkei besteht in Wirklichkeit darin, eine Ära ähnlich der des Assad-Regimes unter anderen Namen wiederzubeleben; damit tritt sie automatisch in einen Widerspruch mit den Völkern in der Region. Das bedeutet, dass die Türkei auf eine zentralistische Nationalmacht auf der Grundlage ethnischer Spaltung und Unterdrückung drängen. Israel hingegen verfolgt einen rein taktischen Ansatz in der Region.

Nachdem sich die israelische Regierung nach dem Pariser Abkommen alle gewünschten kurzfristigen Zugeständnisse von der HTS-Führung gesichert hat, scheint sie entschlossen zu sein, die HTS-Gruppen noch lange Zeit wie ein Damoklesschwert über dem Rest Syriens schweben zu lassen. Zu beachten ist, dass Israel die Massaker der HTS nach dem Pariser Abkommen lediglich beobachtet. Die Türkei hingegen wird die HTS ständig gegen die SDF provozieren, um die Gewinne der kurdischen Kräfte zu minimieren.

Pragmatismus der USA gegenüber den Kurd:innen

Die pragmatische Politik der USA gegenüber den Kurd:innen vor dem Sturz Assads war in erster Linie auf den Kampf gegen den Islamischen Staat (IS) zurückzuführen. Aus Sicht der USA wurde dieses elfjährige taktische Bündnis von drei Hauptmotiven bestimmt: Erstens bot die Zusammenarbeit mit der YPG die effektivste Möglichkeit, militärisches Ansehen im Kampf gegen den ISIS zu erlangen. Zweitens verfolgten die USA das Ziel, die Revolution unter Kontrolle zu bringen, ihre sozialistische oder „apoistische” (ein Begriff, der für die Unterstützer der politischen Linie Öcalans verwendet wird) Ausrichtung zu begrenzen und sie in eine nationalistische, nationalstaatliche Richtung zu lenken. Drittens dienten die Kurd:innen als Mittel, um Druck auf das Assad-Regime und den Russland-Iran-Block auszuüben.

Mit dem neuen Kräfteverhältnis in Syrien und der Etablierung eines pro-westlichen Regimes in Damaskus haben sich diese taktischen Interessen grundlegend verschoben. Die früheren Argumente und Zwänge haben ihre Bedeutung verloren. In diesem Zusammenhang versuchen die USA nun, die Kurd:innen unter massiven politischen, militärischen und wirtschaftlichen Druck zu setzen, um sie zu einer de facto „freiwilligen“ Integration in den syrischen Staat zu zwingen. Gleichzeitig erhält die Türkei mehr Spielraum, um den Einfluss der Kurd:innen zu begrenzen und sie weiter in Richtung Damaskus zu drängen.

Die USA haben aus dieser Haltung keinen Hehl gemacht. Am 20. Januar 2026 brachte der US-Sonderbeauftragte für Syrien, Tom Barrack, diesen taktischen Ansatz gegenüber der SDF in seiner Erklärung offen zum Ausdruck: „Heute hat sich die Lage grundlegend geändert. Syrien hat nun eine anerkannte Zentralregierung, die sich der Globalen Koalition zur Bekämpfung des IS angeschlossen hat (als 90. Mitglied Ende 2025) und damit eine Hinwendung zum Westen und die Zusammenarbeit mit den USA bei der Terrorismusbekämpfung signalisiert. Dies verändert die Begründung für die Partnerschaft zwischen den USA und den SDF: Der ursprüngliche Zweck der SDF als wichtigste Anti-ISIS-Truppe vor Ort ist weitgehend hinfällig geworden, da Damaskus nun sowohl bereit als auch in der Lage ist, Sicherheitsaufgaben zu übernehmen, einschließlich der Kontrolle über ISIS-Haftanstalten und -Lager”.2

Die USA haben das neue syrische Regime unter al-Sharaa mit Israel zusammengebracht (zum ersten Mal in der Geschichte beider Länder). Sie versuchen weiterhin, dieses Regime zu stärken und durch al-Sharaa ein neues Syrien aufzubauen. In diesem Zusammenhang ist die Beziehung zwischen al-Sharaa und Israel für die USA von größter Bedeutung. Dazu gehörte auch, dass al-Sharaa eine Beziehung zu Israel aufbaute, in der er sich dessen Hegemonie in der Region unterwirft, was er schließlich beim Treffen in Paris tat. In einem zweiten Schritt versuchen die USA nun die Kurd:innen, mit denen sie seit über zehn Jahren ein Militärbündnis haben, in das neue Regime zu „integrieren”.

An diesem Punkt sind die Probleme und Schwierigkeiten entstanden. Die Verhandlungen laufen seit dem 10. März 2025, und das Regime in Damaskus hat sich gegenüber den Forderungen der SDF weitgehend taub gestellt. Immer wenn eine Einigung mit der SDF in greifbarer Nähe schien, griff die Türkei direkt ein. Am 4. Januar, unmittelbar vor dem Angriff auf Aleppo, verliefen die Verhandlungen zwischen der SDF und der Delegation aus Damaskus laut Presseberichten zunächst gut, und es sah so aus, als würde eine Vereinbarung unterzeichnet werden. Doch dann betrat der Türkei-freundliche Außenminister al-Sheibani den Verhandlungsraum und erklärte die Verhandlungen für beendet. Einen Tag später begannen in Paris die Verhandlungen über ein Sicherheitsabkommen mit Israel, und am 6. Januar wurde eine Einigung erzielt.

Am selben Tag begann der Angriff in Aleppo. Die Türkei war mit aller Kraft an dem Angriff auf Aleppo beteiligt und ist es auch heute noch. Von der Planung bis zur Umsetzung war die Türkei militärisch, diplomatisch, nachrichtendienstlich und logistisch-technologisch beteiligt. Es handelt sich um eine Operation, die gemeinsam mit der Regierung in Damaskus und den im Auftrag der Türkei agierenden bewaffneten Gruppen durchgeführt wurde. Die Angriffe zielten im Wesentlichen darauf ab, den Willen der Kurd:innen in den Verhandlungen zwischen den SDF und Damaskus zu brechen, ihre Forderungen nach Anerkennung zu untergraben, sie durch Schwächung ihrer militärischen Stärke zur Integration zu zwingen und die Verhandlungsposition der SDF zu schwächen, um eine vollständige Kapitulation zu erreichen.

Bezüglich der Beziehungen zwischen den Kurd:innen und den USA, hat sich in den letzten Jahren eine gewisse Spaltung zwischen internationalen und regionalen Akteuren entlang des westlichen und östlichen Euphrats herausgebildet. Bis zum aktuellen Wendepunkt hatten die USA den Kurd:innen signalisiert, dass sie sich nicht in Angelegenheiten westlich des Euphrats einmischen würden. Auf dieser Grundlage stellten sich die USA nicht gegen die türkischen Militäroperationen in Afrin (2018), Manbij (2024) und Till Rifaat. Gleichzeitig zogen sie ihre Truppen ab und schwiegen, als die türkische Armee 2019 Till Abyad und Ras Al-Ayn angriff und besetzte, die beide weit östlich des Euphrats liegen.

Nun erleben wir erneut eine massive Militäroffensive östlich des Euphrats: Städte wie Tabqa, Raqqa und Ayn Issa stehen nun unter der Kontrolle des syrischen Regimes, während Hesekê und Kobanê belagert werden. Und die Angriffe gehen weiter trotz der Waffenstillstandserklärungen in der Öffentlichkeit. Die Trennung zwischen West und Ost, die zuvor als imaginäre „rote Linie“ galt, hat in dieser neuen Phase ihre Gültigkeit verloren. Das Schweigen der USA zu diesen Entwicklungen kommt faktisch einer Unterstützung von Ahmed al-Sharaas Anspruch gleich, die staatliche Souveränität über ganz Syrien zu etablieren. Die aktuelle Situation zeigt, dass das grundlegende Konzept der USA nicht mehr darin besteht, über die Teilung in eine westliche und eine östliche Euphratregion zu verhandeln, sondern vielmehr darin, die SDF so weit wie möglich zu schwächen.

Die USA versuchen, Damaskus, die Türkei und Israel zu vereinen

Aus Sicht der USA besteht die zugrunde liegende Logik in Syrien darin, Israel und die Türkei auf eine Linie zu bringen. Auf der einen Seite steht Israel, der engste Verbündete des Westens in der Region, auf der anderen Seite die Türkei, ein NATO-Mitglied, dessen Beziehungen zum Westen zwar von Spannungen geprägt sind, das aber strategisch unverzichtbar bleibt. Washington möchte die Türkei und Israel dazu ermutigen, gemeinsame Sicherheitsinteressen zu identifizieren, ihre Vorgehensweisen zu koordinieren und einen gemeinsamen Rahmen für Syrien zu präsentieren. Letztendlich zielt diese Strategie auf die Bildung einer breiteren Allianz zwischen Damaskus, der Türkei und Israel ab.

Strategisch verfolgen die Türkei und Israel unterschiedliche Ziele in Syrien. Die Türkei ist entschlossen, die Kurd:innen daran zu hindern, politische, administrative oder militärische Autonomie zu erlangen, und hat wenig Bereitschaft gezeigt, in dieser Frage Kompromisse einzugehen. Dementsprechend befürwortet Ankara die Entstehung einer starken, zentralisierten syrischen Führung unter al-Sharaa, die alle Hebel der Macht in sich vereinen würde. Israel hingegen vertraut trotz Durchsetzung bestimmter Forderungen an al-Sharaa weder dem Regime noch dem ihn umgebenden Machtblock. Aus israelischer Sicht könnte diese Führung mittel- bis langfristig eine Herausforderung für die eigene Sicherheit darstellen. Es liegt daher nicht im Interesse Israels, dass Syrien übermäßig mächtig wird oder seine militärischen Fähigkeiten erheblich ausbaut. Stattdessen bevorzugt Israel eine fragmentiertere und flexible politische Struktur, in der Kurden, Drusen, Aleviten und andere soziale Gruppen vertreten sind, wodurch die Fähigkeit der Machtentfaltung Damaskus‘ eingeschränkt und Israels eigener Einflussbereich erhalten bleibt.

Darüber hinaus ist es für Israel und die westlichen Mächte von entscheidender Bedeutung, die HTS gegen den Iran und schiitische Milizen wie die Hisbollah im Libanon und die “Volksmobilisierungskräfte” (Al-Haschd asch-Schaʿbī) im Irak einsetzen zu können. Trotz dieser grundlegenden Differenzen werden die Bemühungen um eine gemeinsame Basis zwischen der Türkei und Israel fortgesetzt. Die Vereinigten Staaten versuchen aktiv, Damaskus, Ankara und Tel Aviv an den Verhandlungstisch zu bringen.

Es sollte betont werden, dass alle genannten staatlichen Akteure letztlich Teil der kapitalistischen Moderne sind. Obwohl sie unterschiedliche Strategien zur Ausweitung ihrer eigenen Hegemonie verfolgen, schließen sie sich kurzfristig zusammen, um Alternativen wie die von Rojava als Projekt des demokratischen Sozialismus zu ersticken.

In dieser Gleichung werden die Kurd:innen nun unter Druck gesetzt, sich in das neue Regime zu integrieren, indem sie geschwächt, ideologisch verwässert und in ihrer Bedeutung gemindert werden. Ob dies gelingen wird, hängt nun vom Widerstand Rojavas ab.

Der ideologische Kern des Angriffs

Die aktuellen Angriffe auf Rojava sind nicht nur politischer und militärischer Natur, sie haben eine tiefergehende ideologische Dimension. Mit dem gegenwärtigen Druck versucht die USA, die revolutionären Errungenschaften zu zersetzen und nationalistische Kräfte zu stärken. Einerseits sollen eine nationalistische Agenda vorangetrieben werden, andererseits wird weiterhin versucht, die Kurd:innen in „gute“ (KDP) und „schlechte“ (PKK) zu spalten, um die Einheit der Kurd:innen zu schwächen. Im Zentrum steht dabei der Angriff auf die Idee der demokratischen Nation – den Kern der Revolution. Kurd:innen sollen gegen Araber:innen ausgespielt und das Projekt des Zusammenlebens verschiedener Religionen und Ethnien untergraben werden. Entsprechend richteten sich die Angriffe zu Beginn des Krieges insbesondere gegen Regionen mit arabischer Bevölkerungsmehrheit wie Raqqa, Tabqa und Deir ez-Zor. Ziel war es, ethnische Spaltung zu vertiefen und darauf aufbauend entweder eine Kapitulation der Kurd:innen zu erzwingen oder ihren politischen Willen durch rohe Gewalt zu brechen, was den Weg für ethnische Säuberungen, Massaker und einen systematischen demografischen Wandel ebnen würde. Die Politik der Spaltung anhand ethnischer und religiöser Identitäten und die Politik der Schwächung der Kurd:innen zur Beherrschung des Nahen Ostens ist eine 200 Jahre alte Politik des „Teile und Herrsche“-Kozepts. Es handelt sich um eine neue Variante jener imperialistischen „Teile-und-Herrsche“ – Politik, die in den letzten 200 Jahren die Hegemonie der kapitalistischen Moderne im Nahen Osten gesichert hat.

Gleichzeitig werden kurdisch-nationalistische Kräfte (KDP und deren syrischer Ableger ENKS) gezielt gefördert, wie zuletzt bei einem Treffen in Erbil am 17. Januar 2026 deutlich wurde. Seit Jahren propagieren diese Kräfte einen Diskurs, der die Selbstverwaltung auf eine rein ethnisch-kulturelle Agenda zu reduzieren versucht. Auch das am 17. Januar von al-Sharaa erlassene Dekret zur Anerkennung der kurdischen Sprache und zu weiteren Zugeständnissen ist in diesem Zusammenhang als taktisches Manöver zu verstehen, das der nationalistischen Linie weiteren Auftrieb verleihen soll. Die gleichzeitige Fortsetzung der militärischen Angriffe durch HTS macht deutlich, dass letztlich die vollständige Unterwerfung unter Damaskus angestrebt wird.

An diesem Punkt werden zwei unterschiedliche Strategien gegenüber den Kurd:innen sichtbar. Einerseits verfolgen der türkische Staat und das syrische Regime eine Politik der Zerschlagung revolutionärer Errungenschaften, bis hin zum Genozid. Gleichzeitig zielt die Strategie der USA weniger auf physische Vernichtung des kurdischen Volkes als vielmehr auf die Liberalisierung und Entpolitisierung der Revolution. Diese Politik wird vor allem durch die Förderung nationalistischer kurdischer Elemente umgesetzt. Insbesondere die revolutionären, radikaldemokratischen und sozialistischen Kräfte Kurdistans sollen auf diese Weise neutralisiert werden. Eines der Hauptziele in diesem Zusammenhang ist die Isolierung der PKK und der Befreiungsbewegung. Dadurch wird eine nationalstaatliche Linie gefördert, die sich auf bestimmte kurdische Rechte und Forderungen beschränkt und sich dem “Greater Middle East Project” unterordnet. Gleichzeitig bleibt eine geschwächte kurdische Minderheit ein potenzielles Instrument für die Kräfte der kapitalistischen Moderne, das in Konflikten mit Damaskus erneut als Druckmittel eingesetzt werden kann.

Vor diesem Hintergrund kann keine Rede von einem „Verrat“ der USA oder der EU an den Kurd:innen oder an Rojava sein. Verrat kann nur dort existieren, wo es eine strategische Partnerschaft oder ein gemeinsames politisches Projekt gibt. Allenfalls jene Akteur:innen, die ihre Zukunft bewusst an die USA geknüpft und auf ein strategisches Bündnis gesetzt haben, können als verraten bezeichnet werden.

Dies trifft jedoch nicht auf Rojava zu. Zu keinem Zeitpunkt hat es ein gemeinsames ideologisches oder politisches Projekt zwischen der Demokratischen Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien und den USA gegeben. Von Beginn an waren die Beziehungen rein taktischer Natur, abhängig von einer spezifischen geopolitischen Konstellation und strikt begrenzt auf den gemeinsamen Kampf gegen den sogenannten Islamischen Staat.

Die USA verfolgen als imperialistische Macht und Hegemon des kapitalistischen Weltsystems das Ziel, die Errungenschaften eines gesellschaftlichen Freiheitskampfes für ihre eigenen Interessen zu nutzen. Vor diesem Hintergrund müssen die aktuellen Angriffe nicht nur politisch und militärisch, sondern auch in ihrer ideologischen Tiefe verstanden werden. Die Kräfte der kapitalistischen Moderne haben ihre Bemühungen koordiniert, um den Druck auf die Kurd:innen zu erhöhen, sie einzuhegen sowie entsprechend ihren eigenen strategischen Plänen zu instrumentalisieren und auszubeuten. Diese Angriffe haben erneut gezeigt, dass die Kräfte der kapitalistischen Moderne bereit sind, im Dienste ihrer Interessen alle Werte mit Füßen zu treten.

Demgegenüber steht die strategische Linie der kurdischen Freiheitsbewegung fest: Ihre Partner sind keine imperialistischen Staaten, sondern globale demokratische Kräfte, soziale Bewegungen und anti-systemische Akteur:innen, die für Selbstbestimmung, Gleichberechtigung und eine alternative gesellschaftliche Ordnung eintreten.

Charakterisierung der Politik der HTS

In diesem Zusammenhang ist es unbedingt notwendig, einen genaueren Blick auf die syrische Übergangsregierung zu werfen. Der Charakter der von HTS kontrollierten syrischen Übergangsregierung lässt sich nur im Zusammenhang mit ihrer ideologischen Ausrichtung und politischen Praxis verstehen. Von Beginn an verfolgt der HTS-Anführer Ahmed al-Sharaa eine reaktionäre und monistische Linie. Er hat die Kurd:innen fortwährend bedroht, die Versöhnungsinitiativen der Demokratischen Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien ignoriert und stattdessen deren vollständige Unterwerfung unter seine repressive Herrschaft gefordert. Mit der HTS ist der sogenannte Islamische Staat Teil der syrischen Regierung geworden, die Befreiung von IS-Terroristen durch HTS-Milizen – etwa am 19. Januar in der Stadt Al-Shaddadah sowie in Raqqa – verdeutlicht diese Verbindung. Durch die Machtergreifung der HTS haben hegemoniale Kräfte den IS zur Staatlichkeit geführt.

Diese Politik zielt darauf ab, die Demokratische Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien zu zerstören, die von Kurd:innen, Araber:innen, Assyrer:innen und anderen Bevölkerungsgruppen auf der Grundlage des Konzepts der demokratischen Nation aufgebaut wurde. An ihre Stelle soll ein autoritäres System treten, das auf einer einzigen Nation und einem einzigen Glauben basiert. Dieses Denken stellt einen direkten Angriff auf das jahrhundertealte geschwisterliche Zusammenleben der Völker und Religionsgemeinschaften im Nahen Osten dar. Ziel ist, ein demokratisches Verständnis von Nation zu verhindern, das Frieden und Stabilität in Syrien und der Region ermöglichen könnte.

Die Angriffe der HTS sind nicht als isolierte sicherheitspolitische Maßnahmen zu verstehen, sondern als Teil eines umfassenden Komplotts gegen die Zukunft Syriens. HTS agiert dabei als zentraler Akteur einer Politik, die nicht auf nationale Einheit, sondern auf Spaltung und Fragmentierung abzielt. Während die Demokratische Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien eine kurdisch-arabische Einheit zum Ziel hat, versucht HTS, Feindseligkeiten zwischen Kurd:innen und Araber:innen zu schüren. Mit einer solchen Strategie sind weder eine demokratische Einheit Syriens möglich, noch eine stabile Zukunft für den syrischen Staat.

„Integration“ oder Assimilation?

Seit Beginn der Verhandlungen über die Integration der autonomen Regionen Nordostsyriens in die neue Ordnung Syriens wird immer deutlicher, dass Integration für die HTS in Wirklichkeit Assimilation bedeutet. Das jüngste Dekret des Präsidenten der Übergangsregierung, Ahmed al-Sharaa, vom 17. Januar, das oberflächlich die Anerkennung kurdischer Rechte suggeriert, stellt keinen Bruch mit der bisherigen Politik dar. Vielmehr handelt es sich um taktische Machtausübung innerhalb eines strikt staatszentrierten Denkens. Die aktuelle Krise wird dadurch nicht gelöst, sondern vielmehr neu organisiert und kontrollierbar gemacht.

Im Kern erkennt das Dekret Elemente kultureller Identität des kurdischen Voljkes an, verweigert jedoch die Anerkennung der kollektiven politischen Subjektivität und der Fähigkeit der Gesellschaft zur Selbstverwaltung. Lokale Entscheidungsmechanismen und Formen der Selbstorganisation werden aus dem legitimen politischen Raum ausgeschlossen. Die Anerkennung wirkt somit eher einschränkend als befreiend.

Die zentrale Frage ist, was – und wen – diese Anerkennung eigentlich betrifft: Wird eine kämpfende, organisierte Gesellschaft anerkannt, oder lediglich eine fragmentierte, individualisierte und kontrollierbare soziale Gruppe? Tatsächlich zielt das Dekret darauf ab, das politische und militärische Kräfteverhältnis Nordsyriens zu unterminieren, insbesondere die Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF).

Diese Strategie setzt nicht nur auf offene militärische Zerstörung, sondern auf subtile Mittel. Ziel ist es, die Gesellschaft von ihrem kollektiven politischen Willen zu trennen, die SDF zu isolieren und sie als rein „militärisches Problem“ darzustellen. Während individuelle kulturelle Rechte gewährt werden, werden diese bewusst von der Demokratischen Autonomen Administration von Nord- und Ostsyrien und den SDF entkoppelt, um diesen ihre gesellschaftliche Legitimität zu entziehen. Begriffe wie „nationale Einheit“, „ein Dach“ und „keine Privilegien“ dienen dabei nicht dem Pluralismus, sondern der Durchsetzung eines zentralistischen Staatsmodells als einzig legitimer Ordnung.

Vielfalt wird nicht als konstitutive politische Kraft verstanden, sondern als ein Zustand, der kontrolliert werden muss. Die Existenz der Demokratischen Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien und der SDF wird als Abweichung von der Norm markiert. Ziel ist es nicht, die kurdische Frage zu verstehen, sondern sie zu zerschlagen und neu zu formen.

Ethnische Spaltung und Instrumentalisierung arabischer Stämme

Ein weiterer zentraler Faktor der aktuellen Entwicklungen ist die gezielte ethnische Spaltung zwischen Kurd:innen und Araber:innen. Parallel zu diplomatischen Gesprächen zwischen Ankara und Damaskus liefen dahingehend konkrete militärische und politische Vorbereitungen.

Ein wesentlicher Bestandteil dieser Vorbereitungen war die gezielte Einflussnahme auf arabische Stämme in den Gebieten der Demokratischen Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien (DAANES). Sowohl die Regierung al-Sharaa als auch die Türkei arbeiten seit einiger Zeit daran, diese Stämme von der Zusammenarbeit mit der Selbstverwaltung abzubringen. Insbesondere in den vergangenen Monaten wurden diese Bemühungen deutlich intensiviert.

Syrischen Quellen zufolge war es der Übergangsregierung bereits vor Beginn der Kämpfe gelungen, einige arabische Kräfte in Aleppo, die zuvor mit kurdischen Einheiten kooperiert hatten, auf ihre Seite zu ziehen. Dieser Seitenwechsel diente als Testlauf für ähnliche Strategien östlich des Euphrats. Koordiniert wurden diese Aktivitäten vom Berater al-Sharaas für Stammesangelegenheiten, Jihad Isa al-Sheikh (Abu Ahmed Zekkur), der sowohl in der Türkei als auch im Nordosten Syriens aktiv war.

Ende 2025 reiste eine Delegation der HTS in die Türkei und führte Gespräche mit Stammesführern in Kilis, Urfa und Mardin. Darauf folgten Treffen in Ras al-Ayn, Raqqa und Deir ez-Zor. Ziel war es, das Vertrauen der arabischen Stämme zurückzugewinnen und sie für eine Zusammenarbeit mit der HTS zu gewinnen.

Offiziell wird diese Initiative als Beitrag zur „sozialen Einheit Syriens“ dargestellt. Tatsächlich zielte sie darauf ab, Unruhe in den von den SDF kontrollierten Gebieten zu schüren, arabische Stämme von der Demokratischen Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien zu lösen und sie gegen andere gesellschaftliche Gruppen – etwa die Drus:innen in Suwaida – zu instrumentalisieren. Kurzfristig mag diese Strategie die Herrschaft von HTS stärken, langfristig jedoch verschärft sie ethnische Spannungen und ebnet den Weg für weitere Spaltungen in Syrien.

Internationaler Plan zur Zerstörung eines demokratischen Modells für die Region

Auf dieser Grundlage richtet sich der Angriff auf Rojava nicht allein gegen die Errungenschaften der kurdischen Gesellschaft. Vielmehr zielt dieser internationale Komplott, der von regionalen Akteuren wie Israel und der Türkei sowie von internationalen Kräften – allen voran den USA und den europäischen Staaten – unterstützt wird, darauf ab, das Projekt und die Idee eines demokratischen Syriens und eines demokratischen Nahen Ostens zu zerstören.

Der Angriff richtet sich gegen die Prinzipien kommunaler Demokratie, der Befreiung der Frauen, der Gleichberechtigung unterschiedlicher ethnischer und religiöser Gemeinschaften sowie gegen die Idee eines „dritten Weges“. Er soll demonstrieren, dass Alternativen jenseits von Nationalstaat, Nationalismus und Machtpolitik nicht möglich seien. Die Demokratische Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien wird daher vor die Wahl gestellt, entweder vollständig zu kapitulieren, um zur Ordnung vor 2011 zurückzukehren, oder vollständig physisch vernichtet zu werden.

Gerade heute, insbesondere unter Kriegsbedingungen, ist es entscheidend, der Welt deutlich zu machen, wer tatsächlich die Freiheit verteidigt. Dieser Kampf kann nicht durch Staaten oder Regierungen geführt werden; er muss in der Gesellschaft selbst verwurzelt sein, auf der Straße. Echte Legitimität und dauerhafte Stärke entstehen nur durch massenhafte Solidarität. Wo eine solche kollektive Kraft existiert, wird es für Staaten wesentlich schwieriger, Gewalt und Repression aufrechtzuerhalten. Andernfalls werden Entscheidungen von oben getroffen, und die Menschen werden zu passiven Zuschauer:innen degradiert. Es gibt keinen Grund Regierungen zu vertrauen. sie ändern ihre Positionen über Nacht, sobald sich ihre Interessen verschieben. Die Geschichte ist voll von Beispielen dafür, Aus diesem Grund ist die Form des Engagements, die wir brauchen, nicht offizielle Diplomatie, sondern eine Diplomatie der Völker. Menschen müssen in der Lage sein, sich direkt und grenzüberschreitend zu verständigen. Das Geschehen muss den Gesellschaften selbst offen und unvermittelt erklärt werden. Dies ist nicht nur eine moralische Notwendigkeit, sondern auch eine mächtige geopolitische Kraft. Die Verantwortung, die Realität der Welt zu vermitteln, darf nicht allein den Staaten überlassen werden. Jeder Staat ist bereit, seine Prinzipien in dem Moment aufzugeben, in dem seine Interessen bedroht sind. Deshalb liegt die einzige nachhaltige Quelle des Drucks im gemeinsamen Bewusstsein und in der Solidarität der Völker. Die Erklärung der weltweiten Realitäten gegenüber den Gesellschaften ist die Grundlage einer dauerhaften und wirksamen Diplomatie der Völker. Geschieht dies nicht, werden weiterhin Pläne von oben gemacht, und die Menschen werden erneut zu bloßen Zuschauer:innen.

Die Demokratische Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien und die kurdische Freiheitsbewegung haben nun zur Ausweitung des Widerstands gegen die Angriffe aufgerufen und setzen auf einen umfassenden Widerstand. Maßstab dafür ist der Widerstand von Kobanê in den Jahren 2014–2015. Es waren nicht nur die Kämpfer:innen der YPG und YPJ, die den IS besiegten, sondern auch die breite Unterstützung, die moralische Rückendeckung und die Solidarität von Gesellschaften sowie demokratischen und sozialistischen Kräften weltweit. In diesem Sinne ist es nun an der Zeit, den Widerstandskämpfer:innen in Rojava-Kurdistan erneut eine solche Unterstützung zukommen zu lassen. Gegen die vereinten Kräfte der kapitalistischen Moderne müssen sich die Kräfte der demokratischen Moderne zusammenschließen, um ein zweites Kobanê zu schaffen und zu beweisen, dass der Widerstand der Völker ungebrochen ist und dass die Idee des demokratischen Sozialismus als Alternative zum bestehenden System der Ausbeutung und Unterdrückung weiterlebt.

1https://www.telegraph.co.uk/politics/2025/11/21/jonathan-powell-syrian-terror-group-national-security/

2https://x.com/USAMBTurkiye/status/2013635851570336016