Wir werden das System an der grundlegendsten Stelle treffen

„Jeder Schritt zur Freiheit der Frauen ist ein Schlag gegen die gegenwärtige Identität der Männer,“ erklärt die Vertreterin des Jineolojî-Komitees Europa Zilan Diyar im Interview.

Der Kampf der kurdischen Freiheitsbewegung für die Befreiung der Frau hat in den letzten 40 Jahren wichtige Errungenschaften für die Entwicklung der kurdischen Frauen mit sich gebracht. Ein Aspekt dieses Kampfes ist der Kampf gegen die patriarchale Männlichkeit als wichtiger Beitrag zur Geschlechterbefreiung. Kannst du uns eure Diskussionen über Männlichkeit bzw. die Veränderung des Mannes schildern?

Diese Diskussionen können wir bis zur Gründung der kurdischen Freiheitsbewegung zurückverfolgen. Frauen der ersten Stunde haben für die Entwicklung des Kampfes einen Überlebenskampf geführt und sind mit Blockaden durch die patriarchale Männlichkeit konfrontiert worden. Auch wenn die PKK sich entsprechend sozialistischer Lebensprinzipien formierte, war die auf das Patriarchat gründende gesellschaftliche Ordnung noch nicht zusammengebrochen. Es gab damals nicht so viele Individuen wie heute, die diese Widersprüche tiefgründig hinterfragten, da von vielen die Notwendigkeit noch nicht begriffen wurde. Da die gesellschaftlichen Widersprüche in erster Linie im Rahmen von Klassenkampf und nationaler Frage begriffen wurden, gab es noch kein Bewusstsein über die starken Einflüsse des Patriarchats und damit des Staates und des Kapitalismus auf die Menschen. Doch die Arbeiten der Frauen im Rahmen des Kriegs machten die Widersprüche des Systems offenkundig. Ich spreche von Arbeiten der Frauen, denn in dieser Zeit war die Form des Kampfes den Bedürfnissen des Mannes entsprechend definiert, und die Frauen mussten sich sozusagen darin beweisen. Innerhalb der Guerilla in den Bergen war eine Struktur vorherrschend, bestand ein System, das der Logik, den Gesetzen und Gewohnheiten des Mannes entsprach. Warum war das so? Es gab noch keine Erfahrungen damit, uns auf der Basis der Geschlechterfreiheit zu begegnen und zu organisieren. Frauen im Kampf hatten zwei Optionen: Entweder konnten sie sich mit großer Mühe von sich selbst entfremden und durch das Männlich-Werden ins System integrieren, dem Kampfgeschehen fernbleiben, leiden und vereinsamen. In diesem Sinne möchte ich der Frauen in der Person von Şehîd Sara (Sakine Cansız) gedenken, die sich gegen diese beiden »Möglichkeiten« aufgelehnt haben und uns unter großen Opfern dahin gebracht haben, wo wir inzwischen angelangt sind. Mit seiner Haltung hat Rêber Apo [Abdullah Öcalan] als erster die Frauen in ihrer individuellen Präsenz wertgeschätzt, ihnen Vertrauen geschenkt und ihnen so den Weg frei gemacht, durch ihre Auflehnung die gesellschaftliche Realität zu verändern.

Auch innerhalb der Bewegung hat sich so die Auflehnung der Frauen deutlicher entfalten können. Zu diesen Widersprüchen innerhalb der Bewegung gab es zunächst eine Auseinandersetzung (mit dem Erscheinen des Buches »Die Frau und das Problem der Familie« von 1986) und anschließend Schritte hin zu einer autonomen Organisierung von Frauen (von der ersten Frauenorganisation YJWK 1987 bis hin zum organisatorischen Aufbau des Frauenkonföderalismus 2015). Die Frauen haben also jenseits der beiden ihnen zunächst »zugestandenen« Optionen einen dritten Weg einschlagen können.

Diese Entwicklung und Auseinandersetzung war auch die Grundlage für die Selbsthinterfragung der Männer. Die von Rêber Apo im Jahr 1996 in einem Interview mit dem Journalisten Mahir Sayan verwendete Metapher »den Mann töten« hat sprichwörtlich die auf das Patriarchat fundierte gesellschaftliche Ordnung zertrümmert. Entweder töteten sie die Männlichkeit in sich, oder die Männer konnten mit ihrer alten Haltung nicht mehr in der PKK bleiben. Von da an wurden die patriarchalen Strukturen in den Bildungen intensiv diskutiert. Damit wurde der Kampf intensiviert, der mit den Worten von Şehîd Atakan Mahîr als Kampf zwischen »der Frau, die die Freiheit als eine Notwendigkeit betrachtet und der Männlichkeit, die kein Problem der Freiheit erkennen mag und sich damit in ihrem größten Irrtum befindet« beschrieben werden kann. Dieser Widerspruch war der zentrale Grund für Stillstand in den politischen, gesellschaftlichen und ideologischen Bereichen der Bewegung. Doch weder wir Frauen noch die Männer hatten dies so umfassend begriffen wie Rêber Apo. Es gab Verhaltensweisen, die den genossenschaftlichen Umgang untergruben und Machtkämpfe im Rahmen des Geschlechterkampfes – einige wollten sich nicht nach den Maßstäben der Freiheit, sondern nach denen des traditionellen Mannes organisieren. Doch die Bemühungen der Frauen, die den Geschmack der Freiheit wahrnahmen und ihn nicht aufgaben, haben sich gegen all diese negativen Bestrebungen durchgesetzt.

Der Kampf für die Geschlechterbefreiung wurde von der individuellen auf die gesellschaftliche Ebene gehoben. Rêber Apo hat für diesen Kampf Methoden entwickelt, die die bestehende Ordnung haben zusammenbrechen lassen. Beispielsweise hat er in den Akademien die Frauen zu sozialen und politischen Aktivitäten ermuntert, während er die Männer z. B. zum Küchendienst einteilte.

Nach der Gründung der Partei der Frauen wurden in der Akademie der PJA in den Jahren 2002 bis 2004 vier Bildungseinheiten durchgeführt, die das Ziel hatten, den Mann zu transformieren. Die Männer wurden von der sich entwickelnden Freiheit der Frauen beeinflusst. [Şehîd Fikrî Baygeldi schrieb nach der Selbstverbrennung von Sema Yüce 1998, »ich werde die Aktion von der Genossin Sema weitertragen«; Şehîd Mazlum Tekman (Sezai Karakuş) schrieb vor seiner Selbstverbrennung am 23. November 2004 im Gefängnis von Tekirdağ einen Brief an die Genossinnen, in dem es heißt »Die opferbereite und hartnäckige Haltung der Frauenbewegung für die Freiheit wird der Wille der Frauen weltweit sein« – diese Voraussichten wurde im Laufe der Zeit zur gesellschaftlichen Wahrheit.]

Das von Rêber Apo unter den Bedingungen der Haft in Imralı formulierte neue Paradigma hat die Freiheit der Frau zur Grundlage. Er macht die Lage der Frau zur Basis seiner historischen und gesellschaftlichen Analysen und hat innerhalb der Bewegung viel zur Transformation des Mannes beigetragen. So haben sich die Diskussionen um die Männlichkeit vertieft. Es wurden nicht mehr nur ausgewählte Gruppen angesprochen, sondern innerhalb der Bewegung wurden für alle Männer Vorträge zur Geschichte der Freiheit der Frau gehalten. Die Überwindung von Tabus und die Anwendung neuer Methoden haben den Weg dazu geebnet, dass die Männer anfangen konnten, ihre eigene Männlichkeit zu hinterfragen. Zum Beispiel schrieb Şehîd Kadir Usta (Gayyaz Koyutürk) in seinem Tagebuch: »Ich habe die Mutter-Göttin kennengelernt und ich gab mich ihrer Güte hin. Ich möchte die tiefsten Überreste von Vater-Gott auch aus der letzten Zelle meines Körpers entfernen«. Am 8. März 2005 schrieb Şehîd Armanc Kerboran (Hüseyin Akdoğan) in seinem Tagebuch an die Frauen gerichtet, »ein einziger Schmerz an einem einzigen Tag ist Grund genug, diese Welt zu zerstören und wieder aufzubauen«. Şehîd Şervan Azad (M. Siraç Alp) schrieb, »das System zu überwinden bedeutet, die männliche Mentalität zu überwinden«. Oder Şehîd Atakan Mahir: »Als Mann muss ich meine eigene Definition finden. Wir müssen es überwinden, uns nur über Aspekte wie Macht und Kraft zu definieren. Jeder Mann muss unbedingt in sich die Frau fühlen. Ein Mann muss unbedingt in seiner biologischen und mentalen Struktur die Frau spüren. Für mich ist ein Mann, der sagt ›bei mir gibt es keine Frau‹ ein Frauenfeind.« Zu wissen, dass es solche Genossen gibt, gibt uns Kraft.

Wir betrachten diese Phase nicht als abgeschlossen. Auch wenn wir es geschafft haben, zu einer Bewegung zu werden, die systemisch die Freiheit der Frau zur Grundlage nimmt, können wir nicht behaupten, das Patriarchat abgeschafft zu haben, sondern müssen die geschilderten Hinterfragungen fortführen und weiterentwickeln.

Die Frage »Wie leben?« war und ist immer eine zentrale Frage für die kurdische Freiheitsbewegung und Frauenbewegung gewesen. Als Antwort auf diese Frage und als wichtige Säule im Aufbau einer befreiten und demokratischen Gesellschaft formuliert die kurdische Freiheitsbewegung den Ansatz des »freien partnerschaftlichen Lebens«. Was ist darunter zu verstehen?

Wir definieren uns selber auch als »Wahrheitssuchende«. Bei all unseren Bestrebungen geht es im Kern darum, dem Leben Sinn zu geben, die Realität zu verstehen, also die Wahrheit zu erreichen. All dies beginnt damit, zu bestimmen, was wir – auch im Alltag – ablehnen und was wir akzeptieren. Mit der Entwicklung der autonomen Frauenorganisierung sind in der Bewegung Begriffe wie Geschlechterbewusstsein und Geschlechterwidersprüche aufgekommen. Um die Probleme, die mit den Methoden des Geschlechterkampfes entstanden sind, zu überwinden, hat Rêber Apo im Jahr 1996 erklärt, was die Frau und der Mann für Maßstäbe an Akzeptanz und Ablehnung haben sollten. Mit den Worten »entweder ein freies Leben oder nichts« und »entweder werde ich es schaffen dir zu großen Erfolgen zu verhelfen, oder deine Art zu Leben bleibt ein Teil des Problems« und »Wahrheit ist Liebe, Liebe ist ein freies Leben« hat er den Kurs unserer Suche nach Wahrheit beschrieben. In einer Zeit, in der das Leben von der Gesellschaft, der Geschichte und vom Sinn entfremdet wird, wollen wir das Schwierigste: das Leben sinnvoll gestalten! Das können wir nur erfolgreich schaffen, indem wir das System bis in die kleinste Nische hinterfragen.

Die auf Staat und Klasse basierende Zivilisation hat sich nicht zuerst anhand von Nationen, Völkern, Klassen und Gesellschaften errichtet. Sie hat sich zuallererst über die Ungleichheit von Mann und Frau konstituiert. Deshalb werden wir das System an der grundlegendsten Stelle treffen. Dafür müssen wir die Beziehung zwischen Frau und Mann von Eigentum und Macht befreien, sie nicht auf der Basis von Sexualität betrachten, sondern aus politischer, sozialer, ideologischer und philosophischer Sicht.

Die Definition von Kriterien für die Beziehung zwischen Mann und Frau sowie die Bestimmung von genossenschaftlicher Liebe als Grundlage dieser Kriterien bedeutet, das Leben bewusst zu gestalten. Das freie partnerschaftliche Leben bedeutet, Existenz und Bewusstsein eine neue Form zu geben. Rêber Apo hat die Einheit von Existenz, Bewusstsein und Form als Xwebûn definiert. Dies hat er in erster Linie den Frauen mit auf den Weg gegeben, und er hat es theoretisch und philosophisch vertieft (»Manifest der demokratischen Zivilisation« – Band 5; noch nicht ins deutsche übersetzt).

Das freie partnerschaftliche Zusammenleben ist nicht lediglich ein Rahmen für die Beziehung zwischen Mann und Frau. Es bedeutet die Neuverortung des Menschen in der Welt, gestaltet ein von Macht befreites Verhältnis der Menschen untereinander und des Menschen zur Natur. Mit dieser Philosophie kann eine Demokratisierung der Familie erreicht werden und die gesellschaftliche Ordnung, die sich auf die Verwertung des Frauenkörpers und seine Nutzung als Fortpflanzungsinstrument stützt, niedergerissen werden. Sie kann die Macht und das Besitzverhältnis, das nicht nur zwischen zwei verschiedenen Geschlechtern besteht, sondern ihren Einfluss zwischen allen Geschlechtern ausübt, niederreißen. Mit einer Beziehung, die frei ist von Macht und Eigentum, können wir die Gesellschaft einen Schritt weiter Richtung Freiheit führen.

Im jüngst auf Deutsch erschienenen Buch »Soziologie der Freiheit« (1) von Abdullah Öcalan begreift Öcalan die »Familie« als ein Element der demokratischen Zivilisation und erklärt: »Wenn nicht die Familie als Zelle der Macht, sondern – wie manche Feminist*innen die Sache angehen – nur die Frau analysiert wird, wird dem Ideal und der Praxis der demokratischen Zivilisation ihr wichtigstes Element fehlen. Die Familie ist eine gesellschaftliche Institution, die nicht überwunden, sondern transformiert werden soll.« Wie ist diese Transformation zu verstehen?

Vor der Beantwortung der Frage möchte ich erwähnen, dass die Jineolojî-Zeitschrift die Themen Konstruktion von Weiblichkeit und Männlichkeit, die Natur dieser Identitäten und des freien partnerschaftlichen Zusammenlebens in den Ausgaben 6, 7 und 8 näher beleuchtet. In der vor wenigen Tagen veröffentlichten letzten Ausgabe (Nr. 18) wurden die Familie und die Möglichkeiten ihrer Transformation diskutiert. Wie ihr anhand der Aufzählung seht, wurde die Familie anfangs nicht diskutiert.

Wenn wir die Familie in ihrer derzeitigen Funktion als Kernfamilie betrachten, wäre es nicht richtig, sie als gesellschaftliche Institution zu bezeichnen. Denn die Familie ist die grundlegende Struktur, in der sich Sexismus, Eigentum und Macht fortdauernd reproduzieren können und insofern ein Hemmnis für die Freiheitsbestrebungen in der Gesellschaft und die Suche nach Wahrheit der Individuen. Die Aussage von Rêber Apo »Die Familie ist wie eine Mühle, in der der weibliche Körper gemahlen wird« definiert meines Erachtens die Kernfamilie hinreichend. Doch in der natürlichen Gesellschaft gab es gesellschaftliche Strukturen, die sich um die Frau herum aufbauten. Diese Struktur, die nicht entlang sehr fester Regeln organisiert war, aber auf der Grundlage moralischer Werte eine gesellschaftliche Einheit darstellte, kann weder mit der heutigen Kernfamilie, noch mit den Großfamilien in der jüngeren Vergangenheit verglichen werden. So definiert Cejna Mazî in ihrem Artikel mit dem Titel »Ist die Familie der Kern der Gesellschaft oder des staatlichen Systems« aus der 18. Ausgabe der Jineolojî-Zeitschrift diese Struktur der natürlichen Gesellschaft als »Mutter-Familie«.

Die Familie als sogenannter »Mikro-Staat« ist eine grundlegende Struktur des staatlichen Systems. Sie ist für das System geistig und kulturell konstituierend. Dennoch trägt sie auch einige Werte der natürlichen Gesellschaft in sich – auch wenn es nur noch Bruchstücke sind. Warum sollten wir die Rolle der Familie nicht durch den Sturz der staatlichen, patriarchalen und modernen Mentalität grundlegend ändern können? Warum soll sie nicht das Hauptelement einer demokratischen Gesellschaft sein können? Dies ist keine Utopie. Patriotische Familien, die sich durch den Kontakt mit der kurdischen Freiheitsbewegung veränderten, die die klassischen Rollen von Mann und Frau zu überwinden sowie Kinder und Frauen aus dem Besitzdenken zu lösen trachteten, sind klare Beispiele dafür. Patriotismus bzw. Heimatliebe bedeutet in unserer Sprache, das Leben nach moralischen und politischen Maßstäben zu gestalten. Und dies wird möglich, indem der Mann die Frauen, seine Angehörigen und Kinder als selbstständige Menschen respektiert und die Alten, statt sie als gesellschaftlich nutzlos zu betrachten, dazu befähigt, ihre Erfahrungen in den Dienst der moralischen und politischen Gesellschaft zu stellen. Wenn die Familie solch ein Niveau erreicht, kann sie der Kontrolle des Staates entkommen.

Das bedeutet abschließend natürlich nicht, diese primäre Institution, mit der sich das System am Leben erhält, zu loben oder zu legitimieren, sondern ganz im Gegenteil, sie grundlegend zu analysieren und herauszufordern. Denn die Familie ist gleichzeitig der Ort, an dem das Individuum zuallererst Gesellschaftlichkeit, Solidarität, Opferbereitschaft und Liebe erfährt. Was wir tun wollen, ist, diese Essenz nicht im Dienst des Patriarchats, sondern zugunsten der Gesellschaft zu entwickeln.

Bei den Arbeiten der Frauenbewegung, in der Diskussion feministischer Themen, ja selbst wenn es um das Patriarchat geht, das ja viel mehr ein »Männer-Problem« als eine »Frauen-Frage« ist, wie früher gesagt wurde, bleiben Männer außen vor. Sie bringen sich nicht ein, bleiben passiv, weil sie zum einen von den herrschenden Verhältnissen profitieren, zum anderen aber häufig unsicher sind, welche Rolle sie spielen sollten und was ihnen zusteht. Was sollte deiner Meinung nach die Rolle von Männern bei der Überwindung des Patriarchats sein? Was können ganz konkrete Schritte sein?

Ich muss zuallererst sagen, dass die feministischen Bewegungen als Ganzes nicht über die Agenda zur Transformation des Mannes verfügen. Es ist klar, dass ein Frauenkampf, der von der gesellschaftlichen Realität losgelöst ist, den Mann nicht verändern wird. Deshalb wollte die Frauenfreiheitsbewegung von Anfang an den bei sich selbst geschaffenen Freiheitsgrad in der Gesellschaft verbreiten. So, denken wir, haben wir einen grundlegenden Unterschied. Auch wenn im Rahmen der Jineolojî-Recherchen der Aufbau der Männlichkeit nicht inbegriffen ist, bedeutet dieser Ansatz, eine wissenschaftliche Grundlage zu haben.

Wir verfügen über unbegrenztes Wissen darüber, wie das patriarchale System die Frau angreift. Wir sind uns also darüber im Klaren, was das System genommen hat. Doch die Männer sind sich immer noch nicht bewusst, dass auch sie ein Produkt des patriarchalen Systems sind und ihre Identitäten und ihre Natur zerstört wurden. Es braucht als ersten Schritt eine Entwicklung dieses Bewusstseins, damit jeder Schritt zur Freiheit der Frauen ein Schlag gegen die gegenwärtige Identität der Männer ist. Die autonome Organisierung der Frauen, ihre autonome Organisierung von Selbstverteidigung, die Vorträge zu Frauengeschichte und Jineolojî, das konföderale System der Frauen und das Ko-Vorsitzenden-System als Kern des konföderalen Systems hat eine wichtige Rolle darin gespielt, die männliche Herrschaft zu dechiffrieren. Doch es ist auch möglich, diese Bemühungen nicht nur mit praktischen und organisatorischen Mitteln zu entwickeln, sondern auch mit der Vertiefung von individuellen Hinterfragungsprozessen.

Können die männlichen Genossen sich von den unbegrenzten Privilegien, die das patriarchale System ihnen bietet, lösen? Werden sie in der Lage sein, alle ihre Abwehrschilde, Verzerrungen und Gewohnheiten aufzugeben? Darin müssen die ersten Schritte bei der Überwindung der männlichen Herrschaft bestehen. Doch reicht das aus? Nein, denn jeder Mann kann sich bei Schwierigkeiten in seinen Herrschaftsbereich zurückziehen. Sind die Männer bereit dies aufzugeben?

Während wir Frauen über Freiheit so viel nachdenken, dass unsere Gehirne platzen, denke ich, dass die Ungeschicklichkeit von Männern beim Denken darauf zurückzuführen ist, dass sie Freiheit nicht als Grundbedürfnis betrachten. Einer der größten Fehler männlicher Genossen ist, dass sie die Ausbeutung von Frauen im Universum für ewig halten. Deshalb denken sie, dass die Befreiung der Frau Machtwechsel bedeutet. Dies ist jedoch weder eine ewige Sache, noch gibt es Macht in einem frauenzentrierten Leben. Daher müssen sie, wenn sie sich ein frauenzentriertes Leben vorstellen, ihren Geist öffnen für vorpatriarchale Strukturen. Während Frauen jeden Moment in ihrem Leben versuchen, Freiheit zu atmen, sind die Auseinandersetzungen der Männer zu diesem Thema entweder technisch in dem Sinne, konform mit den organisatorischen Schritten zu gehen oder, wenn sie sich ein wenig anstrengen, zersplittert und unstetig. Doch alle Wahrheitssuchenden müssen sich befähigen, »im Augenblick die Freiheit zu erleben«. So wie wir als Frauen mit unserer Sprache, Ästhetik und unserem Denken das System umzingelt haben, so müssen auch die Männer einen fließenden und kontinuierlichen Freiheitskampf entwickeln.

  1. Abdullah Öcalan, Manifest der demokratischen Zivilisation – Bd. III, Soziologie der Freiheit, Unrast Verlag
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