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Die Kapitalistische Moderne in der Krise

Die Menschheit befindet sich im 21. Jahrhundert in einer nie dagewesenen systemischen Krise. Ob die ökologische Katastrophe, die Zuspitzung von Kriegen, die politische Krise der parlamentarischen Demokratien oder der globale Vormarsch von Nationalismus und Faschismus – sie alle sind Ausdruck der tiefen Krise, in welche die Kapitalistische Moderne die Menschheit und die Natur gestürzt hat. Das kapitalistische System mit seinem grenzenlosen Streben nach Maximalprofit und der rücksichtslosen Ausbeutung von Mensch und Natur hält weiterhin nicht nur Milliarden von Menschen in Armut und Elend gefangen, sondern ist heute dabei unsere ökologische Lebensgrundlage zu zerstören. Klimawandel, Raubbau, das Verdrängen einer natürlich-sozialen Lebensweise und die unaufhaltsame Zerstörung von Lebensraum, insbesondere indigener Menschen, sind nur einige Anhaltspunkte eines großflächigen Zusammenbruchs. Soziale Vereinzelung, der Zerfall gesellschaftlicher Strukturen sowie die Abwälzung der Krisenfolgen nach Unten führen zu einer Verschärfung der Krise und der rasant zunehmenden Verelendung eines großen Teils der Menschheit.

Anstatt Lösungen für die drängendsten Menschheitsprobleme zu entwickeln, sind die etablierten Sozialwissenschaften unfähig Antworten auf die gesellschaftlichen Fragen zu finden und verkommen allzu oft zu einer Stütze des herrschenden Systems. Die Sozialwissenschaften produzieren und reproduzieren Ideologien und Denkweisen, die die gesellschaftlichen Verhältnisse, das Zusammenleben, unsere Kultur und Lebensweise maßgeblich prägen. Doch anstatt nach radikalen Lösungen und einem Ausweg aus der Krise zu suchen, hat der sozialwissenschaftliche Betrieb in den letzten zwei Jahrhunderten mit seinen Theorien und der angewandten Methodik einen großen Beitrag zur Legitimierung von Patriarchat, Rassismus und kapitalistischer Ausbeutung geleistet. Da der herrschende Wissenschaftsbetrieb sowohl theoretisch und methodologisch mit der Macht verschränkt, als auch auf vielerlei Art und Weise vom herrschenden System abhängig ist, bedarf es dringend einer radikalen Kritik der bestehenden Sozialwissenschaften sowie neuer Methoden und perspektivisch anders ausgerichteten Institutionen.

Die Krise der demokratischen Kräfte

Auch das kapitalistische System versucht vergebens einen Weg aus der verzweifelten Lage zu finden. Nicht zuletzt der zum Scheitern verurteilte „Grüne Kapitalismus” macht deutlich, dass es keinerlei Lösung innerhalb der Logik des bestehenden Systems geben kann. Jeder Versuch, das alte System neu zu erfinden, kann den drohenden Zusammenbruch vielleicht hinauszögern, jedoch keinen Ausweg aus der Krise aufzeigen. Was diese Hoffnung auf Besserung mit dem Alten gefährlich macht, ist die damit verbundene Fortdauer des gegebenen Krisenzustands.

Das Anwachsen neuer feministischer, ökologischer, antikolonialer und demokratischer Bewegungen muss als Reaktion auf die allgemeine Systemkrise verstanden werden. Doch ihre gegenwärtige theoretische und praktische Situation nährt Zweifel an ihrer Fähigkeit eine Alternative zum bestehenden System errichten zu können. Die demokratischen Kräfte streben entweder selbst nach Macht und werden zunehmend vom System vereinnahmt oder sie lassen den politischen Bereich unangetastet und können so keine praktische Alternative bilden. Um nicht unter den Einfluss des Neoliberalismus zu geraten, bedarf es einer wirklichen Systemgegnerschaft und radikalen moralischen, politischen sowie intellektuellen Erneuerung.

Ein Ausweg aus der Krise: Die Demokratische Moderne

Der Angriff der Kapitalistischen Moderne gegen die Gesellschaft macht die Alternative der Demokratischen Moderne zu einer zwingenden Notwendigkeit. Dabei können wir auf ein reiches intellektuelles und wissenschaftliches Erbe revolutionärer Aufbrüche zurückblicken, welches vom utopischen und wissenschaftlichen Sozialismus, über den Anarchismus, der Frankfurter Schule, der französischen Philosophie der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, antikolonialen Befreiungskämpfen hin zu den Aufbrüchen der neuen Linken, der feministischen und ökologischen Bewegung ab den 1970er Jahre und der Entstehung postmoderner Denkschulen seit den 1990er Jahren, reicht.

Die Perspektive der Demokratischen Moderne, die von der Freiheitsbewegung Kurdistans entwickelt wurde, baut – neben vielen anderen – auch auf diesen Erfahrungen auf und stellt heute eine konkrete Antwort auf das herrschende kapitalistische Patriarchat dar. Dabei ist das Paradigma der Demokratischen Moderne mit seinen drei Säulen der radikalen Demokratie, der Frauenbefreiung und der Ökologie, kein Konzept, dass nur für die Gesellschaften Kurdistans und des Mittleren Ostens relevant ist, sondern weit darüber hinaus. Die Erfahrungen der Revolution in Kurdistan haben dazu beigetragen, dass demokratische und sozialistische Kräfte weltweit im Paradigma der Demokratischen Moderne eine neue Orientierung und Inspiration gefunden haben. Die Erfolge gesellschaftlicher Selbstorganisierung im demokratischen Konföderalismus haben erneut die Hoffnung und den Glauben an die Möglichkeit einer Welt jenseits der jetzigen kapitalistischen wachsen lassen.

Ausgehend von der der Erkenntnis, dass eine Lösung nur durch die Entwicklung eines eigenen Systems als Alternative zu den drei Säulen der Kapitalistischen Moderne – Kapitalismus, Industrialismus und Nationalstaat, möglich werden kann, denken wir, dass es an der Zeit ist diese Diskussionen zu vertiefen und die nötigen Schritte hin zu Organisation und Aufbau zu gehen. Die Demokratische Moderne, basierend auf einer demokratischen Gesellschaft, einer ökologischen Industrie und dem politischen Systems des Demokratischen Konföderalismus, begreifen wir als das zu errichtende Gegensystem.

Der Aufbau der Demokratischen Moderne

Die Intensität der Krise der Kapitalistischen Moderne nimmt für die Menschen weltweit spürbar zu und die Ablehnung wächst. Die Frage nach Alternativen wird mittlerweile in breiten Kreisen gestellt und diskutiert. Aus unserer Analyse der weltpolitischen Lage verstehen wir, dass der globale Widerstand wächst und der Aufbau von demokratischen Alternativen voranschreitet. In den Massenprotesten und Aufständen der vergangenen Jahre, dem Neuerwachen einer globalen Frauenbewegung, der jungen Klimagerechtigkeitsbewegung, den Protestbewegungen gegen Rassismus und weiße Vorherrschaft, aber auch den Massenstreiks in Industrie und Landwirtschaft vor allem im globalen Süden, wird die Demokratische Moderne fassbar und nimmt im globalen Aufbruch der Menschheit Gestalt an. Die alte und die neue Welt, die Kapitalistische Moderne und die Demokratische Moderne existieren heute schon nebeneinander und ineinander verschränkt. Während jedoch die Kapitalistische Moderne ein hochorganisiertes und weltumspannendes System darstellt, bleibt die Alternative bis heute unorganisiert, zersplittert und ohne einen strategischen und vereinigenden Vorschlag der gemeinsamen Organisation. Als Akademie der Demokratischen Moderne sehen wir unsere Aufgabe im Aufbau der Demokratischen Moderne, in der Bildungsarbeit zur Schaffung eines neuen Verständnisses von demokratischer Politik, gesellschaftlicher Aufklärung und eines neuen politisch-moralischen Bewusstseins, welche die Grundlagen einer freien Gesellschaft bilden. Gleichzeitig betrachten wir das Schaffen von neuen Netzwerken und Verbindungen zwischen demokratischen Kräften als grundlegende Voraussetzung für den Aufbau der Demokratischen Moderne. Über die Schaffung von Foren und Plattformen wollen wir zur Stärkung des internationalen Erfahrungsaustausches beitragen und bestehende Kämpfe verbinden.

Dabei umfasst unsere Arbeit die folgenden drei Bereiche:

  1. Gesellschaftliche Bildungsarbeit – Das Paradigma verbreiten und diskutieren!

Die gesellschaftliche Bildungsarbeit der Akademie der Demokratischen Moderne orientiert sich an dem Ziel: neu denken, neu untersuchen und neue Institutionen aufbauen! Damit die Sozialwissenschaften einen Beitrag zur Entwicklung und Umsetzung freiheitlicher gesellschaftlicher, politischer und ökonomischer Alternativen leisten können, müssen sie sich aus der materiellen und ideologischen Abhängigkeit vom System befreien und sich selbst als ein Teil des Widerstandes gegen die Kapitalistische Moderne begreifen. Für eine autonome Bildungsarbeit ist der Aufbau unabhängiger Akademien eine Voraussetzung. Ihre Aufgabe ist es, entsprechend der gesellschaftlichen Bedürfnisse zur Entwicklung einer Gesellschaft beizutragen, die sich auf radikale Demokratie, Ökologie und Frauenbefreiung stützt. Alle wissenschaftlichen Arbeiten müssen von und für die moralische und politische Gesellschaft durchgeführt werden. Wir wollen eine Plattform bieten, um Lösungsansätze für lokale Probleme als auch die grundlegenden Widersprüche des herrschenden Systems zu diskutieren. Ebenso wie eine grundlegende gesellschaftliche Veränderung nicht ohne den Aufbau der nötigen Organisation denkbar ist, so ist Organisation nichts ohne eine kohärente und solide theoretische Grundlage. Es gilt daher die Kritik am Bestehenden zu intensivieren, Alternativen zu denken, uns zu bilden und uns zu organisieren.

  1. Demokratische Kräfte verbinden – Netzwerke schaffen und voneinander lernen!

Ausgehend von der Lage der demokratischen Kräfte betrachten wir es als unsere strategische Aufgabe die bestehenden Kämpfe zu verbinden und globale Netzwerke des Austausches und der Solidarität zu schaffen. Durch Erfahrungsaustausch und Dialog soll gegenseitiges Verständnis und kollektives Bewusstsein geschaffen werden. Dabei geht es uns darum, ideologische Gräben zu überwinden und unsere geteilten Werte und Interessen in den Vordergrund zu stellen. Wir wollen ein Bewusstsein für die historische und globale Verbundenheit aller Kämpfe gegen Ausbeutung und Unterdrückung schaffen, um so unseren Kämpfen weltweit zu neuer Stärke zu verhelfen. Um die Ohnmacht zu durchbrechen, müssen wir lernen, gesellschaftlich zu denken und zu handeln und so die verschiedenen sozialen und ökologischen Kämpfe miteinander zu vereinen. Die Lösung der dringendsten Menschheitsprobleme verlangt heute mehr als je zu vor die Schaffung globaler Plattformen und Strukturen. Allein die ökologische Katastrophe macht deutlich, dass einzelne isolierte lokale Lösungsansätze zum Scheitern verurteilt sind. Erst die Verbindung der lokalen Arbeit mit einer globalen Perspektive, kann einen Ausweg aus der Krise eröffnen.

  1. Die Alternative konkretisieren – den Demokratischen Weltkonföderalismus aufbauen!

Zur Entfaltung der Demokratischen und Überwindung der Kapitalistischen Moderne bedarf es auch konkreter lokaler und globaler institutioneller Strukturen. In diesem Sinne betrachten wir unsere Aktivitäten als einen Beitrag zum Aufbau des Demokratischen Weltkonföderalismus. Mit der Verbreitung von Ideen, der Erarbeitung einer theoretischen Basis und der Mobilisierung und Vernetzung des bestehenden organisatorischen Potentials wollen wir den Weg bereiten, um mittels bleibender Strukturen die Demokratische Moderne aufzubauen. Wenn es gelingt, demokratische Politik im Alltag auszuweiten – durch Bündnisse, Räte, Kommunen, Kooperativen, Akademien –, wird sich die riesige politische Kraft der Gesellschaft entfalten und für die Lösung gesellschaftlicher Probleme zum Einsatz kommen. Durch die Ausweitung demokratischer Politik und dem Aufbau des Demokratischen Weltkonföderalismus wird die dringend notwendige Offensive des Paradigmas der Demokratischen Moderne gelingen.

Lasst uns zusammen daran arbeiten, unsere Visionen und Utopien zum Leben zu erwecken. Eine andere Welt ist nicht nur möglich – in Anbetracht der Weltlage ist sie bitter nötig. Beginnen wir gemeinsam in der Gegenwart mit dem Aufbau unserer künftigen Welt, denn noch zu warten wäre Wahnsinn.

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