Ökologische Diskussionen und Praxis im kurdischen Freiheitskampf

Die Ökologie ist eine der drei Säulen des Paradigmas des Demokratischen Konföderalismus, des politisch-theoretischen Konzepts der kurdischen Freiheitsbewegung. Neben Demokratie und Geschlechterbefreiung wird die Ökologie seit 2005 explizit als eine Dimension in diesem Konzept genannt. Dennoch wird Ökologie bis heute weniger diskutiert und praktiziert als die beiden anderen Säulen.

Dieser Artikel gibt einen Einblick in die ökologischen Diskussionen und Praxis insbesondere in Nordkurdistan

Ökologische Zerstörung und Ausbeutung in Kurdistan

Mit der flächendeckenden Einführung des Kapitalismus in Kurdistan in den 1950er Jahren kam es zu einer systematischen und zerstörerischen Ausbeutung der Natur. Die vier kolonialistischen Staaten – Türkei, Iran, Irak und Syrien – begannen, große Energie-, Bergbau-, Landwirtschafts-, Infrastruktur- und andere Investitionsprojekte zu planen, deren Umsetzung zu einer äußerst gravierenden ökologischen Zerstörung und Ausbeutung führte1. Dies ist u.a. auf das kapitalistische Wirtschaftsmodell bzw. niedrige ökologische und soziale Standards bei der Umsetzung der vielen Projekte sowie auf die schlichte Tatsache zurückzuführen, dass Kurdistan de facto den Status einer geteilten Kolonie hat. Unter Beibehaltung dieses kolonialistischen Status haben die hegemonialen Staaten Schritt für Schritt mit wirtschaftlichen und militärischen Maßnahmen kapitalistische Verhältnisse in die Gesellschaften Kurdistans eingeführt. In den 1970er Jahren wurden durch die ausgeübte Hegemonialmacht der hoch zentralisierten Staaten in den vier Teilen Kurdistans unter dem Vorwand des Fortschritts zahlreiche Großprojekte – insbesondere Staudämme, Ölbohrungen und Bergbau – realisiert. Nach ersten Vorarbeiten in den 1960er Jahren begann in den 1970er Jahren die Industrialisierung der Landwirtschaft, insbesondere in Westkurdistan (Rojava) und Nordkurdistan (Bakur), später auch in Süd- (Başur) und Ostkurdistan (Rojhilat).

Ein Ergebnis dieser Politik war, dass die kommunalen und solidarischen Beziehungen in der Gesellschaft Kurdistans schwächer wurden. Die Infrastrukturprojekte und Investitionen wurden ohne jegliche Konsultation der lokalen Bevölkerung und mit einem autoritären Ansatz geplant und umgesetzt, lagen im Interesse der kolonialistischen Staaten und der kolonialistischen und kollaborierenden kurdischen Oberschicht und zielten auf eine Profitmaximierung durch kapitalistische Modernisierung, Unterdrückung und eine vertiefte Assimilation. Während diese Entwicklung in den 1950er und 1960er Jahren noch langsam verlief, nahm sie in den 1970er Jahren einen beschleunigten Charakter an. Infolge der Durchführung großer Infrastrukturprojekte in ländlichen Gebieten und der damit verbundenen Vertreibung von Hunderttausenden, der Industrialisierung der Landwirtschaft, der kontinuierlichen wirtschaftlich bedingten Migration der Landbevölkerung, der raschen Verstädterung, der Industrialisierung und der kolonialistischen Kriege gegen die Bevölkerung ab den 1980er Jahren hat die Gesellschaft ihre Merkmale der Solidarität und Kommunalität zu einem großen Teil verloren. Die Hauptmerkmale der vorkapitalistischen Gesellschaften waren kommunalistische Ansätze und Solidarität in den Bereichen Entscheidungsfindung, Wirtschaft, Soziales, Kultur und anderen Bereichen, aber auch feudale und konservative Formen waren in unterschiedlicher Intensität vorhanden. Seit den 1990er Jahren haben sich die Zahl der durchgeführten Großprojekte sowie die Lebensgrundlagen der Menschen und die wirtschaftlichen Beziehungen stark verändert. Die überlebenden Elemente der Subsistenzwirtschaft und der lokalen Wirtschaftskreise wurden an den Rand gedrängt, und Kurdistan wurde vollständig Teil des „nationalen Marktes“ des jeweiligen Staates und trat in den neoliberalen Weltmarkt ein.

Die früheren Zeiten waren sicherlich voller Hierarchie, Patriarchat und Diskriminierung, aber der Übergang zum Kapitalismus war ein brutaler Bruch in der sozialen und historischen Entwicklung und hat in einer gewissen Weise den gesellschaftlichen Sexismus und das Patriarchat noch vertieft. Um zu verstehen, was in diesen Jahrzehnten abgebaut wurde, sind die folgenden Ansätze und Merkmale von Kommunalität und Solidarität zwischen den 1950er und 1990er Jahren ausgehöhlt worden. Typischerweise:

  • Obwohl in der Regel nicht geschlechts- und altersübergreifend, gab es in vielen Dörfern in der Praxis eine Art Versammlung von meist älteren Männern und manchmal auch von einigen älteren Frauen, die bei Bedarf zusammenkamen und Entscheidungen trafen.
  • Solidarität in wirtschaftlichen Fragen war weit verbreitet. Wenn zum Beispiel eine Familie oder ein Haushalt ein neues Haus bauen wollte, beteiligte sich das ganze (oder der größte Teil) des Dorfes zumindest für einige Tage an den Bauarbeiten, was für einen guten Verlauf der Baufortschritte entscheidend war.
  • Es war üblich, dass die Tiere aller Haushalte gemeinsam an geeigneten Stellen geweidet wurden. Dies wurde abwechselnd von allen Haushalten durchgeführt.
  • Wenn ein Haushalt ein schlechtes Erntejahr hatte, unterstützten die anderen im Dorf die betroffene Familie, indem sie sie mit Grundnahrungsmitteln versorgten.
  • Wenn einem Haushalt die Hefe zum Brotbacken oder die Milch fehlte, teilten die Nachbarn sie ohne Zögern und ohne Diskussion. In den folgenden Tagen legte der unterstützte Haushalt die gleiche Menge vor das Haus, dessen Familie die Unterstützung gegeben hatte.
  • Wenn ein Haushalt eine große Ernte eines bestimmten Produkts hatte (z. B. Walnuss), war es oft üblich, einen Teil des Überschusses mit anderen im Dorf und in der Umgebung zu teilen.
  • Solidarität in sozialen Angelegenheiten war ebenfalls üblich. Wenn beispielsweise ein oder zwei Elternteile einer Familie starben oder gezwungen waren, auf der Suche nach Arbeit auszuwandern, kümmerten sich die anderen im Dorf um die Kinder, die sich nicht selbst versorgen konnten.
  • Es gab eine kulturelle Solidarität. Abends versammelte man sich oft in einem der Häuser und tauschte Geschichten, Mythen, Gedichte und Lieder untereinander aus.

Kurdistan gehört weltweit zu den Ländern, in denen die kapitalistische Moderne2 bis vor kurzem noch schwach ausgeprägt war und Solidarität und gemeinschaftliche Strukturen in den Gesellschaften noch in erheblichem Maße vorhanden waren. Die älteren Generationen Kurdistans erinnern sich heute noch recht gut daran, wie das Leben bis in die 1960er oder 1970er Jahre war.

Es ist nicht das Ziel, das Leben vor einigen Jahrzehnten zu romantisieren, aber dennoch gab es eine bedeutende Solidarität und Teilhabe in der Gesellschaft und nicht alles wurde monetär bewertet; das Leben und die Kommodifizierung3 waren nicht so ausgeprägt wie heute.

Beginn der Diskussion über Ökologie

Nach zwei Jahrzehnten des Freiheitskampfes in Nordkurdistan begann die Kurdische Freiheitsbewegung (KFM) in den 1990er Jahren, die ökologische Frage auf kurdischer und globaler Ebene zu diskutieren. Die Diskussion fand vor dem Hintergrund der systematischen Zerstörung in Bakur durch den Krieg des türkischen Staates gegen die Kurd:innen statt; mehr als 2,5 Millionen Vertriebene wurden auf brutale Weise mit dem städtischen und kapitalistischen Leben konfrontiert, während türkische Staatskräfte bis zu 4000 Dörfer zerstörten und riesige Waldgebiete in Bakur abbrannten. Die Mehrheit der Vertriebenen lebte zuvor in einer Subsistenzwirtschaft mit regionalem Warenverkehr und begrenzten ökologischen Schäden. Vor allem zwischen 1992 und 1995 wurden große Gebiete entvölkert, und viele Städte in Bakur verdoppelten oft ihre Einwohnerzahl, ohne in irgendeiner Weise darauf vorbereitet zu sein und ohne Unterstützung durch die türkische Regierung oder sonstige Stellen.

In den 1990er Jahren stellte vor allem der politische Führer der kurdischen Freiheitsbewegung (KFB), Abdullah Öcalan, das Aufkommen des neoliberalen Kapitalismus in Frage, mit allgemeinen neuen Analysen und vor allem in Bezug auf die Auswirkungen des Neoliberalismus auf die Natur. Insbesondere das Konzept des Wachstums und die zunehmende Entkopplung des Profits von der Produktion wurden in Öcalans Schriften und Reden kritisiert. In diesem Sinne spricht er sich gegen die wachsende Zahl großer Investitionsprojekte aus, weil sie eine massive und irreparable Zerstörung der Natur verursachen. Dazu zählte er auch den Klimawandel, den er unter anderem als eine Beschleunigung der ökologischen Zerstörung durch den Kapitalismus betrachtete. Die Zerstörung der Natur im Interesse der Zentralregierungen und des Profits der Unternehmen bedeutet in der Regel die Zerstörung der Lebensgrundlagen von Millionen. Die massive Umweltzerstörung hat gravierende Auswirkungen auf das menschliche Leben. Oft werden durch Großprojekte viele Menschen vertrieben und/oder das Land und die umliegenden Gebiete ausgebeutet, die sie verlassen müssen. Öcalan sprach auch über die Entfremdung der Menschen von der Natur und darüber, welche Auswirkungen dies auf die Psyche der Menschen und ihr Verhältnis zueinander haben kann. Grundsätzlich wurde die Entfremdung der Menschen mit der Trennung der Menschen von der Natur in Beziehung gesetzt. An diesem Punkt verbindet Öcalan die Diskussion über Ökologie mit der institutionalisierten Hierarchie, die ihre Wurzeln im Patriarchat hat.

Aber die Ökologie hatte in den 1990er Jahren noch keinen Platz im Zentrum der laufenden Diskussionen eingenommen. Das Thema war neu, theoretisch noch nicht stark entwickelt und stand im Schatten des anhaltenden brutalen Krieges des türkischen Staates. Die zentrale theoretische Diskussion konzentrierte sich zu dieser Zeit auf das äußerst wichtige Thema der Frauenbefreiung. Zu dieser Zeit war es für die Kurden am dringlichsten, die Befreiung der Frauen zu diskutieren, da sie das wichtigste Instrument zur Überwindung konservativer und hierarchischer Strukturen in der Gesellschaft war. Ein wichtiger Teil der Revolutionär:innen und politischen Aktivist:innen innerhalb der KFB nahm jedoch die ökologische Diskussion der 1990er Jahre zur Kenntnis. Sie beeinflusste in den folgenden Jahren die Köpfe Tausender politisch engagierter und interessierter Menschen. Öcalans Diskussion zeigte einen strategischen Ansatz, denn es war eine Diskussion, die im Vergleich zu allen anderen linksdemokratischen Gruppen und Bewegungen in Kurdistan und der Türkei der Zeit voraus war. Öcalan befand sich vielmehr auf der gleichen Ebene wie einige globale Diskussionen und Bewegungen, die begonnen hatten, den ökologischen Widerspruch zu diskutieren.

Gemeinden in Bakur – Die Herausforderung, eine ökologische Praxis zu entwickeln

Kurz nachdem Öcalan durch ein internationales Komplott unter der Koordination der USA entführt und 1999 an den türkischen Staat ausgeliefert worden war, wurde der bewaffnete Kampf der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) eingestellt und eine neue und breite Diskussion über Mittel und Perspektiven des Freiheitskampfes begonnen, wobei der politisch-zivile Kampf im Vordergrund stand. Das Ziel, einen „kurdischen Staat“ zu errichten, wurde endgültig aufgegeben. Im selben Jahr wurden bei den Kommunalwahlen mehrere wichtige Gemeinden von der HADEP, der Partei der Demokratie des Volkes, der damaligen legalen Partei der KFB, gewonnen. Die so gewonnenen Gemeinden – darunter Amed (Diyarbakir), Batman und Wan (Van) – wurden zu wesentlichen Elementen des Freiheitskampfes der Kurden. Dies ging einher mit einem Rückgang der repressiven Bedingungen, vor allem aufgrund der Einstellung des bewaffneten Kampfes. Dies erleichterte den Gemeinden, der HADEP und anderen Organisationen der KFB den Raum, ihre eigenen politischen Ideen zu verbreiten und besser mit neuen und nicht politisch organisierten Teilen der Gesellschaft in Kontakt zu treten. Was seit Jahren behauptet wird, nämlich dass die KFB bessere und viel demokratischere Konzepte hat, konnte auf lokaler Ebene durch die Gemeinden und andere politische Organisationen umgesetzt werden. Aber gleichzeitig war die Dynamik, die durch den bewaffneten Kampf entstanden war, nicht mehr vorhanden. Ein Umdenken und Handeln wurde notwendig.

Zwischen 1999 und 2004 verwaltete die HADEP 37 Gemeinden und stand vor der Herausforderung, der Bevölkerung zu beweisen, dass sie in der Lage ist, besser und sozialer zu regieren als alle anderen autoritären und korrumpierten politischen Parteien des hegemonialen Systems. Nach der Übernahme der Gemeinden hörte die staatliche Repression nie auf, aber sie war viel geringer als in den 1990er Jahren. Vielmehr bestand der Ansatz des Staates darin, den HADEP-Gemeinden (die 2002 durch DEHAP, 2004 durch DTP, 2009 durch BDP und 2014 durch HDP/DBP ersetzt wurden) einen gewissen Spielraum einzuräumen, sie aber mit bestimmten auferlegten Politiken, einschließlich der Infragestellung von Rahmenbedingungen wie Neoliberalismus und Verwaltungszentralismus, an einen Punkt zu bringen, an dem sie scheitern, die folgenden Kommunalwahlen verlieren und schließlich ihre Attraktivität verlieren würden.

Die HADEP-Gemeinden und im weiteren Sinne die kurdische Freiheitsbewegung hatten sich das politische Ziel gesetzt, bis zum Jahr 2000 eine demokratisch-ökologische Gesellschaft zu schaffen. Es wurde öffentlich zum Ausdruck gebracht, dass der Umgang mit der Natur respektvoll sein, dass die Natur in den Städten erhalten und entwickelt werden, dass die Umgebung sauberer und grüner werden soll und dass die Investitionsprojekte nicht auf Kosten der Natur durchgeführt werden sollen. Die Praxis musste sich deutlich von den von anderen Parteien regierten Gemeinden unterscheiden, die sich in Kurdistan in keiner Weise um das ökologische Leben kümmerten.

In diesen ersten Jahren begannen Tausende von politischen Aktivist:innen und anderen politisch interessierten Menschen in Kurdistan und der Türkei, Artikel und Bücher über Ökologie und insbesondere Sozialökologie zu lesen, darunter auch Murray Bookchin. Dies brachte die Diskussion darüber in Gang, wie ein ökologisches Leben entwickelt werden und was dies für die langfristige und kurzfristige Politik bedeuten könnte. Das betraf auch einige Angestellte und Politik:innen in den Gemeinden. Das war wichtig, da der Unterschied manchmal im Detail zu beobachten ist. Es ist zu bedenken, dass in der gesamten Türkei die Diskussionen über ein ökologischeres oder „nachhaltigeres“ Land recht neu waren und politische Kampagnen gegen zerstörerische und ausbeuterische Entwicklungen und Projekte selten durchgeführt wurden. Aber es war auch die Zeit, in der in mehreren Regionen Kämpfe gegen große Investitionsprojekte aufkamen. In Bakur wurden zwei Kämpfe sehr bekannt. Der eine richtete sich gegen den Ilisu-Damm am Tigris, der einen großen Teil des Tigris-Tals und die alte Stadt Hasankeyf überfluten soll. Der andere richtete sich gegen mehrere Staudämme am Munzur-Fluss in Dersim, wo vor allem Menschen alevitischen Glaubens leben. Beide Kämpfe fanden große Unterstützung unter den Kurd:innen. Die kurdische Gesellschaft begann zum ersten Mal, die Themen Flüsse, Staudämme, Energie, kulturelles und natürliches Erbe und Entwicklung in einem breiteren Rahmen zu diskutieren, was zu einer Stärkung des kritischen Bewusstseins für diese Themen beitrug.

Tatsächlich haben die gewonnenen Kommunen in ihrer ersten Periode (bis 2004) eine Praxis gezeigt, die aus ökologischer Sicht bei weitem besser war als die anderen. Die Städte wurden sauberer und gesünder durch die Verbesserung des Abfallsystems, auch in den ärmsten Vierteln, die jahrzehntelang vernachlässigt worden waren. Die Trinkwasserversorgung und das Abwassermanagement wurden in mehreren Städten innerhalb weniger Jahre erheblich verbessert. Auch die Grünfläche pro Person nahm zu. Die Stätten des kulturellen Erbes erhielten mehr Aufmerksamkeit und wurden für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Es wurden mehr öffentliche Räume wie Plätze oder Marktplätze geschaffen. Der öffentliche Nahverkehr wurde in allen Siedlungsgebieten ausgebaut, und zwar zu einem vergleichsweise niedrigen Preis. Einige geplante Großprojekte mit problematischen sozialen und ökologischen Auswirkungen wurden von den Kommunen gestrichen, geändert oder nicht weiterverfolgt. Die Lebensbedingungen in den armen Vierteln seien auch durch die Pflasterung von Straßen, den Bau von sozialer Infrastruktur wie Sozialzentren oder Waschzentren für Kleidung und die Vernachlässigung unbezahlter Wasserrechnungen verbessert worden. Die Bemühungen, zivilgesellschaftliche Gruppen in den Entscheidungsprozess vieler Projekte und sogar in die Stadtplanung einzubeziehen, wurden zur alltäglichen Realität. Wir können feststellen, dass es in der Anfangszeit viele dringende Arbeiten im Bereich der Grundversorgung gab, die in Angriff genommen werden mussten. Die Lebensqualität in den meisten Städten war stark bedroht – eine Belastung, die durch die Situation der durch den Konflikt in den 1990er Jahren vertriebenen Menschen noch verschärft wurde.

Trotz dieser positiven Entwicklungen fehlte es an einem allgemeinen Konsens darüber, wie eine weitere und künftige ökologische Politik entwickelt werden sollte, und der größere ökologische Zusammenhang konnte nicht gut erklärt werden. Fast alle Bürgermeister:innen und politischen Entscheidungsträger:innen in den Gemeinden und anderen Strukturen der KFB betrachteten die ökologische Perspektive nicht als einen der wichtigsten strategischen Ansätze, und sie blieb oft zweitrangig, wenn andere Aspekte überwogen. Das ökologische Bewusstsein dieser Menschen blieb durch den Pragmatismus des Parlamentarismus begrenzt. Dies war nicht sehr überraschend, da die allgemeine politische Bewegung auf dem Gebiet der Ökologie schwach blieb und die Diskussion für die Bewegung im Allgemeinen und insbesondere für die breitere Gesellschaft recht neu war. Es gab keine starken Akteure in der Gesellschaft, die eine stärkere ökologische Politik der Kommunen einforderten. In diesen Jahren konzentrierten sich die bereits erwähnten ökologischen Bewegungen gegen Staudammprojekte auf die Staudammprojekte; und die neuen „Umwelt“-Verbände und Bürger:innenorganisationen, die in den Städten entstanden, darunter Organisationen von Ingenieur:innen, Architekt:innen, Anwält:innen und Ärzt:innen, forderten noch nicht stark genug, dass ökologische Kriterien in die Stadtentwicklung einbezogen werden sollten.

Es gab noch zwei weitere Aspekte, die von Bedeutung waren. Der erste ist, dass sich die Gesellschaft gerade erst von einer langen Periode intensiven systematischen Staatsterrors erholte und sich noch in einer Phase der grundlegenden Erholung befand. Der politische Schwerpunkt der KFB lag vor allem auf den Menschenrechtsverletzungen der 1990er Jahre und der Forderung nach Anerkennung der kurdischen Identität in Bakur mit grundlegenden autonomen Rechten innerhalb der Republik Türkei. Zweitens ist der Kapitalismus in Kurdistan nach der Krise von 2001 sehr stark geworden. In den Jahren 2003-2004 erreichte die offizielle Wirtschaftswachstumsrate bis zu zehn Prozent, das Geld in der Wirtschaft häufte sich erheblich an und überall wurden neue und größere Investitionen getätigt. Immer mehr Menschen begannen, durch Handel und Investitionen große Summen zu verdienen. Dies erzeugte einen starken Druck auch auf die Städte in Bakur, und die Ansätze, Raum für private Investoren zu schaffen, betrafen fast alle Gemeinden, die unter strukturellen finanziellen Mindereinnahmen litten. Dies waren die Jahre, in denen der Neoliberalismus in Bakur Einzug hielt.

In Bakur und auch in Başur (mit der US-Besetzung im Jahr 2003) und Rojhilat wurde die Entwicklung der Rohstoffindustrie (Bergbau, Öl und Gas) in diesen Jahren sehr dramatisch. Investitionsprojekte in allen Bereichen waren weit verbreitet. In diesem Sinne wurden die ländlichen Gebiete mit folgenden Projekten konfrontiert: Alle Flüsse sollten durch Hunderte von Staudämmen in künstliche Seen umgewandelt oder durch Umleitungsdämme ausgetrocknet werden; Tausende von Lizenzen wurden an Unternehmen für Probebohrungen in Minen vergeben; alle Hauptstraßen wurden ausgebaut; in mehreren Provinzen wurden Mega-Kohlekraftwerke errichtet; eine der größten Zementfabriken der Welt wurde gebaut; Bakur wurde zu einem Hotspot für Fracking; und schließlich wurde die gesamte landwirtschaftliche Nutzfläche – selbst in den Bergregionen – einem schnellen Wandel nach den Regeln des kapitalistischen Marktes unterzogen. Die staatlichen Planer begannen, jeden Quadratmeter als finanziell verwertbares Land zu betrachten, und bereiteten Tausende von Projekten vor oder genehmigten sie. Die AKP-Regierung unter Erdoğan zog mit dieser Politik das Interesse des globalen Kapitals auf sich. Nur die von der KFB verwalteten Städte wehrten sich weitgehend gegen diese Entwicklung. Deshalb konnte die Regierung die meisten geplanten Maßnahmen in der Hälfte der Städte von Bakur nicht umsetzen.

In einer Zeit, in der die Gesellschaft von Bakur begann, schnell ein ökologisches Bewusstsein zu entwickeln, begann der neoliberalisierte Kapitalismus, die größte ökologische (und damit soziale) Zerstörung und Ausbeutung in Bakur vorzunehmen. Die Zerstörung der Natur und die Überwindung der meisten verbliebenen sozial-traditionellen Elemente in der Gesellschaft war viel intensiver als während des Krieges in den 1990er Jahren. Nur die für Menschen schwer zugänglichen Bergregionen konnten sich nach 2000 erholen.

Ökologie im Demokratischen Konföderalismus: das theoretische Konzept

Zu Newroz 2005 erklärte Abdullah Öcalan den „Demokratischen Konföderalismus“ zum neuen politisch-theoretischen Konzept der kurdischen Freiheitsbewegung. Damit konnten die Schriften und Diskussionen der vergangenen Jahre und die gesamte Erfahrung von 30 Jahren Kampf zusammengefasst und systematisch zueinander in Beziehung gesetzt werden. Zweifellos kann der Demokratische Konföderalismus nicht losgelöst von den Diskussionen und der Kritik nach dem Zusammenbruch des „staatlichen Realsozialismus“ um 1990 und den neuen linken und libertären sozialen und politischen Bewegungen auf der ganzen Welt betrachtet werden. Das Ergebnis war ein kritisches, integratives und radikales Denken mit neuen Perspektiven für die Kurd:innen im Verhältnis zu anderen Völkern im Nahen Osten. Das neue politische Konzept wird durch ein Paradigma ausgedrückt, das auf drei Säulen beruht. Ein ökologischer Ansatz für das Leben wurde ebenso betont wie eine radikale Demokratie, die über den Parlamentarismus hinausgeht, und die Befreiung der Geschlechter mit einem Schwerpunkt auf der Befreiung der Frauen. Um das Offensichtliche zu wiederholen: Die Säulen und das gesamte Konzept werden mit dem Ziel ausgedrückt, eine befreite, emanzipierte, gleichberechtigte und solidarische Gesellschaft im Einklang mit der Natur zu erreichen.

Radikaldemokratie und Frauenbefreiung wurden unter den Kurd:innen schon viele Jahre zuvor stark betont und entwickelt. Aber eigentlich kann jede der drei Säulen des Demokratischen Konföderalismus nicht gründlich entwickelt werden ohne Verbindungen zu den anderen beiden. Der erste Ausgangspunkt ist jedoch die Befreiung der Frauen.

Vor den 5000 Jahren der Unterdrückung und des Ausschlusses der Frauen entwickelte sich in der Jungsteinzeit eine vollständige gemeinschaftliche Gesellschaftsordnung um die Frau herum, die man auch als matrizentrische Gesellschaft bezeichnen kann. Öcalan betont, dass diese Gesellschaftsordnung ohne die Durchsetzungspraktiken der staatlichen Ordnung auskam und über Jahrtausende hinweg bestand. Sie zeichnete sich durch Gleichheit und Freiheit aus, war lebensfähig, weil die soziale Moral der matriarchalischen Ordnung keinen Besitz zuließ und sie stand im Einklang mit der Natur. Es ist diese langlebige Ordnung, die das kollektive soziale Bewusstsein der Menschheit geprägt hat; und es ist unsere unendliche Sehnsucht, diese soziale Ordnung der Gleichheit und Freiheit wiederzuerlangen und zu verewigen, die zu unserem Konstrukt des Paradieses geführt hat.

Öcalan stellt fest, dass mit der Überwindung der matrizentrischen Gesellschaft durch das Patriarchat institutionalisierte hierarchische Strukturen entstanden sind, die sich in den menschlichen Gesellschaften ausbreiteten und die aufstrebenden Staaten bis heute prägen. Lange bevor es explizite soziale Klassen gab, waren die Frauen die erste unterdrückte und ausgebeutete Klasse. Dem folgte in den folgenden Jahrhunderten und Jahrtausenden die Unterdrückung von Kindern und Menschen. Diese politisch-ideologische Formation führte auch zur Beherrschung und Zerstörung der Natur durch den Menschen in den verschiedenen Epochen der Menschheitsgeschichte. Die ökologische Ausbeutung und Zerstörung muss grundsätzlich von einem solchen Ansatz aus analysiert werden.

Die konservativen und reaktionären Ansätze bestehender Staaten werden heute von der Gesellschaft in erster Linie durch die Unterdrückung der Frauen erfahren. Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass Frauen als unterdrücktes Geschlecht eine stärkere Beziehung zur Natur haben als Männer; in allen patriarchalischen Gesellschaften sind Männer in der Regel stärker an die Macht gebunden und damit der Natur entfremdet. So bedeutet der Kampf für eine ökologische und befreite Gesellschaft letztlich auch den Kampf gegen das Patriarchat und die Befreiung der Frauen, oder anders ausgedrückt, ohne die Befreiung der Frauen kann es keine ökologische Gesellschaft geben.

Da die Unterdrückung der Gesellschaft mit dem Patriarchat beginnt, ist es logisch, dass die KFB begonnen hat, sich mehr und mehr auf die Befreiung der Frauen zu konzentrieren, was gleichzeitig die Befreiung aller Geschlechter und der gesamten Gesellschaft bedeutet. Innerhalb der KFB hat sich dieses Bewusstsein Anfang der 1990er Jahre herauskristallisiert, und so begann eine intensive und weit verbreitete Diskussion über die Befreiung der Frau, die nach der Beendigung des Krieges in Bakur 1999 und zusätzlich mit der Entwicklung des Demokratischen Konföderalismus an Tiefe und Systematik gewann.

Wenn man den Ansatz der KFB in Bezug auf die Natur genauer betrachtet, muss man zunächst feststellen, dass die KFB die Natur als den Körper aller Lebewesen, einschließlich des Menschen, betrachtet. Der Mensch ist Teil der Natur und steht nicht über ihr oder einer anderen Art. Wie in der Jungsteinzeit wird sie als lebendig und beseelt angesehen, nicht anders als der Mensch selbst. Alle Lebewesen sind Teil eines gemeinsamen großen Ökosystems, das genügend Lebensmöglichkeiten für alle bietet. Die Natur war allgegenwärtig, es gab für die große Mehrheit der Menschen im täglichen Leben immer eine starke Verbindung zur Natur. Öcalan beschreibt dies wie folgt: „Dieses frühere Naturbewusstsein förderte eine Mentalität, die in der Natur eine Vielzahl von Heiligkeiten und Gottheiten erkannte. Wir können das Wesen des kollektiven Lebens besser verstehen, wenn wir anerkennen, dass es auf der Metaphysik der Heiligkeit und Göttlichkeit beruhte, die sich aus der Verehrung der Mutter-Frau ergab.“ Auch heute noch gibt es einige Glaubensrichtungen, die in der Natur eine Vielzahl von Heiligkeiten und Gottheiten sehen, eine davon ist der alevitische Glaube. Folglich war und ist die Natur für die Spiritualität und Inspiration der Menschen die wichtigste Quelle.

Durch die Einhaltung ökologischer Prinzipien sollte die Natur respektvoll behandelt werden und nicht als Ressource für Profit. Die Natur war und ist die Quelle für Nahrung, Wohnraum und alle anderen materiellen Bedürfnisse des Lebens. In der kapitalistischen Moderne sind die Menschen, die in städtischen Zentren leben, in der Regel nur schwach mit der Natur verbunden und verstehen weniger die Beziehung und Verbindung zur Natur. Die Natur hatte und hat eine mehrdimensionale Bedeutung im Leben und ist wesentlich für die Entwicklung von Kultur und Identität sowie Spiritualität. Aufgrund der Entfremdung zwischen den Menschen, die wesentlich zur Entfremdung zwischen Natur und Mensch beiträgt, wird die Natur heutzutage übermäßig ausgebeutet. Obwohl jede:r die Auswirkungen der schweren ökologischen Zerstörung in den nächsten Jahrzehnten zu spüren bekommt, scheint die Zerstörung der Natur weiterzugehen. Der gegenwärtige Ansatz der vom Menschen getriebenen kapitalistischen Moderne ist ein Verrat des Menschen an der Natur, an ihrem Körper.

Wenn der Mensch nur seine Bedürfnisse befriedigen würde4, würde die Natur keine schwerwiegenden Zerstörungen erfahren, und die Ökosysteme hätten die Fähigkeit, sich zu erholen. An dieser Stelle ist die Frage, was die wirklichen Bedürfnisse der Menschen heute sind, nicht einfach zu beantworten und sollte nicht nur Biologen oder Ökonomen überlassen werden, sondern hat mit der Frage der Demokratie zu tun, d.h. ob eine Gesellschaft unter weitgehend demokratischen Bedingungen frei von einer aufgezwungenen ausbeuterisch-extraktivistischen Wirtschaftspolitik Entscheidungen treffen kann. Wir gehen davon aus, dass es in einer befreiten, solidarischen, radikaldemokratischen und ökologischen Gesellschaft keinen Druck zur übermäßigen Entnahme von „Elementen“5 aus der Natur geben wird.

Vergessen wir nicht, dass der Mensch nicht nur ein physischer oder materieller Organismus ist, sondern dass er:sie auch starke und tiefe immaterielle Gefühle und metaphysische Bedürfnisse im Leben hat. Obwohl der Mensch sie nicht ausdrücken kann, denkt und handelt er:sie nicht nur rational. Seit Tausenden von Jahren suchen die Menschen auf unterschiedliche Weise nach Inspiration und Motivation, unter anderem durch Rückzug aus ihrer Umgebung in die Natur. Mit der exponentiellen Zunahme der Verstädterung, der Asphaltierung, der Kultivierung der Landschaft und der Investitionsprojekte in allen Gebieten sind immer weniger Flächen in diesem Sinne geeignet und so wird es immer schwieriger, sich von der Natur inspirieren zu lassen, in der kapitalistischen Moderne vor allem für ärmere Menschen aus den Städten, die weniger finanzielle Möglichkeiten haben, die Natur direkt zu erleben. Im Zusammenhang damit wirkt sich dies auch auf die physische Reproduktion und die Erholungsaktivitäten der Menschen aus den urbanen Zentren aus.

Gemeinschaften, die weit von den städtischen Zentren, der Industrie und den industriellen Landwirtschaftsgebieten entfernt sind, sind der Natur näher und haben eine stärkere spirituelle Verbindung zur Umwelt. Je weniger kapitalistische Modernität es gibt, desto natürlicher und spiritueller kann das Leben sein. Wenn solche Gemeinschaften in nicht-städtischen Gebieten zu unterdrückten Gruppen wie den indigenen Völkern Lateinamerikas, den Adivasi aus Indien und den alevitischen Kurden gehören, dann kann die Verbindung zur Natur eine zusätzliche Bedeutung haben, weil die unterdrückten Völker sich auch durch die Natur ausdrücken. In diesem Sinne ist die Natur ein ganz wesentlicher Teil ihrer unterdrückten Identität. Dementsprechend ist die Zerstörung oder Zweckentfremdung der Natur durch die kolonialistische Macht eine Beseitigung ihrer Identität. Dies wird von den Menschen in den kapitalistischen und großstädtischen Zentren, in denen das Leben keinen starken Bezug mehr zur Natur hat, oft nicht verstanden.

In der Ideologie der KFB wird die ökologische Perspektive als strategisch wichtig angesehen und als Werkzeug, um ein Bewusstsein für die gesamte menschliche Gesellschaft und alle mit dem Menschen verbundenen Aktivitäten und Prozesse aus einer naturschützenden, antikapitalistischen und ganzheitlichen Perspektive zu schaffen. Dabei wird der Ansatz verfolgt, dass die Dimensionen, die von der Geschlechterbefreiung oder der radikalen Demokratie nicht abgedeckt werden, mit der Ökologie zum Ausdruck gebracht werden. In diesem Sinne kann die Betonung der Ökologie im Demokratischen Konföderalismus auch als Ergänzung der beiden anderen Säulen verstanden werden.

Es ist jedoch zu betonen, dass der Naturschutz und sogar die Wiederherstellung der Natur durch den Menschen ein strategisches Ziel ist. Die KFB betonte von Anfang an, dass jedes Lebewesen aufgrund seines natürlichen Vorkommens ein Recht auf Existenz hat. Das Leben von Tieren und Pflanzen muss vom Menschen aktiv geschützt werden. In Bezug auf den Naturschutz ist das Ziel, den anthropogenen Klimawandel zu begrenzen und zu stoppen, ein entscheidendes Thema, da er sich in den nächsten Jahrzehnten in viel dramatischerer Weise auf alles auf unserem Planeten auswirken könnte – tatsächlich sind Kurdistan und der Nahe Osten bereits seit fast zwei Jahrzehnten von abnehmenden Niederschläge betroffen. Der Klimawandel ist nicht weniger wichtig als der „Naturschutz“ (gemeint sind hier Projekte/Politiken zum Erhalt von Arten, Lebensräumen und Gebieten mit hoher Biodiversität) und umgekehrt, wie manche Umweltorganisationen oder Politiker in ihren Diskussionen priorisieren, sie bedingen sich gegenseitig und sollten nicht unabhängig voneinander behandelt werden. Der Klimawandel kann ohne die Erhaltung und Wiederherstellung von Wäldern, Vegetation, Flüssen, Wasserkreislauf, Boden, Luft usw. nicht begrenzt werden. Für die KFB ist der Klimawandel ein Teil des Naturschutzes und ein Grund, warum der Klimawandel in diesem Papier nicht speziell erwähnt wird.

Daraus ergibt sich die Schlussfolgerung, dass jeder Kampf gegen die ökologische Zerstörung sehr wichtig und ein notwendiger Schritt ist, um die Beziehung zur Natur für viele Menschen wiederherzustellen, aber langfristig nicht ausreicht, um den umkämpften Naturraum und die damit verbundene menschliche Gesellschaft zu schützen. Nicht genug, denn das damit verbundene Investitionsprojekt wie auch alle anderen zerstörerischen Projekte werden durch das herrschende politisch-ökonomische System verursacht. Dieses herrschende System wird niemals zurücktreten, um alle geplanten Projekte zu verwirklichen.

Deshalb bedeutet ökologisch zu sein auch, alle Prozesse in der Gesellschaft zu kritisieren, insbesondere die Art und Weise des Produzierens und Konsumierens, der Ernährung, des Wohnens, der Mobilisierung, der Freizeitgestaltung usw. Die KFB lehnt die Art und Weise, wie diese Modelle von der kapitalistischen Moderne umgesetzt werden und die Richtung, die sie heute einschlagen, kategorisch ab – das Beharren der KFB auf dem gemeinschaftlichen Leben ist Ausdruck einer solchen Ablehnung. Das derzeitige Konsumniveau ist zweifellos zu viel für die Erde. Ein „Weiter so“ würde zu einer dramatischen Zerstörung oder deutlichen Verschlechterung aller bestehenden Ökosysteme und dem Verlust der größten Artenvielfalt führen. Wenn es kurzfristig keine Verlangsamung und mittelfristig einen signifikanten konzeptionellen Wandel gibt, werden die Zerstörung der Natur und der Klimawandel weitergehen und die Lebensgrundlagen deutlich schwächer werden, mit schwerwiegenden Folgen für die Ökosysteme, die Artenvielfalt, Tiere, Pflanzen und Milliarden von Menschen. Am stärksten betroffen wären vor allem Menschen, Gemeinden und Staaten mit schwachen sozioökonomischen Kapazitäten.

Um eine wesentliche Änderung dieser Modelle zu erreichen, muss der grundlegende Ansatz darin bestehen, den Energie- und Materialverbrauch in den Industriestaaten mittelfristig um mindestens 80 % zu reduzieren und ein neues Gleichgewicht zu finden, bei dem jedem Menschen die gleiche Menge an Energie und Material zur Verfügung steht; ein wichtiges Kriterium sollte sein, dass sich degradierte Ökosysteme und die biologische Vielfalt erholen können.

An dieser Stelle sollte betont werden, dass jede Zerstörung von Natur oder Ökosystemen schwerwiegende Auswirkungen auf den Menschen hat und somit eine soziale Zerstörung darstellt – mehrere Faktoren bestimmen das Ausmaß. Jedes Investitionsprojekt wie Staudämme und Bergbau hat das hohe Potenzial, sowohl die Natur zu zerstören als auch die Grundrechte der betroffenen Menschen zu verletzen. Ökologische Zerstörung muss also auch als Verletzung politischer, sozialer, kultureller und wirtschaftlicher Rechte der Menschen verstanden werden. Dieser Zusammenhang wird von vielen kritischen Aktivist:innen und Analyst:innen in unserer Welt noch nicht hergestellt.

Die KFB geht noch einen Schritt weiter und ist sich bewusst, dass mit dem Kapitalismus – auch ohne Neoliberalismus – die ökologische Zerstörung niemals gestoppt werden kann, ganz zu schweigen von der Umkehrung, d.h. der Renaturierung der Natur und der Wiederherstellung des Klimagleichgewichts. Wenn der Kapitalismus die Weltwirtschaft und die kapitalistische Moderne die politische Sphäre dominiert, entsteht ein starker Druck zu „Wachstum“ im kapitalistischen Sinne und (fast) kein Raum für die Entwicklung anderer Lebensformen, für demokratische Entscheidungsprozesse und eine gemeinschaftliche und demokratische Wirtschaft. Die kapitalistische Moderne hat über Jahrhunderte und Jahrzehnte die Gehirne und Verhaltensweisen von Milliarden von Menschen auf subtile Weise erobert. Sie kann nicht mit einem Konzept überwunden werden, das sich nur auf neue soziale und wirtschaftliche Ziele stützt, wie es der „real-staatliche Sozialismus“ beabsichtigte. Hierarchie, Staat und Kapitalismus sind zunächst einmal eine ideologische Entwicklung.

Die kapitalistische Moderne hat begonnen, die Entfremdung des Menschen vom Menschen und von der Natur in beschleunigtem Tempo zu vertiefen; und dies viel stärker als die früheren hierarchischen politischen Systeme. Besonders im Verlauf der letzten 200 Jahren wurde jede Region der Welt und jede Gemeinschaft von der kapitalistischen Moderne betroffen. Heute sind alle Menschen – außer den Reichen – durch den Neoliberalismus unter Druck gesetzt worden. Durch die Vertreibung der Menschen aus ihrer natürlichen Umgebung mit physischer oder wirtschaftlicher Gewalt in die Städte haben die Menschen ihre Kultur des Lebens in einer viel natürlicheren Umgebung verloren. Und wenn Territorien durch solche zerstörerischen Investitionen in Gebieten bedroht sind, in denen Menschen aufgrund ihrer Identität unterdrückt werden, trägt die Vertreibung von Menschen durch Nationalstaaten zur Assimilierung der bedrohten und unter Druck stehenden Kulturen bei. Kleine oder marginalisierte unterdrückte Kulturen sind von einer solchen Politik besonders betroffen. Die Kurd:innen sind ein wichtiges Beispiel dafür.

Die Menschen in den Städten konsumieren nicht nur, sie sind auch von ihrem starken sozialen und kulturellen Erbe abgekoppelt und damit leicht zu fangende Fische im Meer. Das Abgekoppelt-Sein von ihrer kulturellen Vergangenheit bedeutet unter anderem, dass sie offen für extreme individualistische und isolierte Lebensweisen sind, bei denen ein gesundes Gleichgewicht zwischen Individuum und Gesellschaft nicht existiert. Menschen, die der Natur und den gemeinschaftlichen und solidarischen Beziehungen entfremdet sind, werden viel leichter zu Instrumenten der Ausbeutung in der industriellen Produktion, des Konsums, des reaktionären Denkens und der Errichtung autoritärer politischer Systeme. Stadtmenschen kennen in der Regel nicht mehr die Namen der meisten Pflanzen und Tiere und wissen nicht, wie die Prozesse in der Natur in der Praxis funktionieren oder wie der Mensch sie nachhaltig nutzen kann, so wie es unsere Vorfahren über Jahrtausende hinweg getan haben. Die Menschen in den Städten leben also nicht täglich in der Natur. Mit anderen Worten, die Menschen spüren den Boden, die Pflanzen, das Wasser, die Sonne und die Luft nicht und beginnen, ein tiefes Verständnis für sie und ihre Zusammenhänge zu verlieren; sie kennen sie vielleicht hauptsächlich auf der theoretischen Ebene wie Biolog:innen. In den Städten wird heute mehr denn je alles durch Geld organisiert, während die Dorfbewohner:innen noch einen Teil ihres Bedarfs selbst produzieren, Waren untereinander austauschen und sich gegenseitig mit selbst produzierten Gütern unterstützen können. Menschen in ländlichen Gebieten sind in der Regel weniger von der kapitalistischen Moderne betroffen und reproduzieren eine Denk- und Lebensweise, die weniger mit dem Kapitalismus und der staatlichen Hegemonie verbunden ist. In den Städten sind die Menschen im Durchschnitt mit mehr psychologischen und sozialen Traumata konfrontiert als in ländlichen Gemeinschaften; und diese Traumata werden auf ihre Kinder übertragen. Die Traumata von Vertriebenen aus ländlichen Gebieten sind vielleicht die schlimmsten. Tatsächlich lebt die Mehrheit unserer Gesellschaft heute unter schweren psychologischen Bedingungen.

Die kapitalistische Moderne bringt Menschen hervor, die ihre Arbeitskraft privaten Unternehmen oder öffentlichen Organisationen zur Verfügung stellen, ohne selbst etwas für ihre Bedürfnisse zu produzieren, wie es ihre Vorfahren in den Dörfern taten. So müssen sie von ihrem Lohn alles kaufen, was sie brauchen. Diese Menschen sind harten und stressigen Arbeitsbedingungen ausgesetzt. Die unter ständigem Druck stehenden Arbeiter:innen kümmerten sich in der ersten Phase der Industrialisierung, als die Arbeitsbedingungen und Löhne im Mittelpunkt ihres Interesses standen, wenig um die fortschreitende Umweltzerstörung. Auch starke Gewerkschaften haben erst in jüngster Zeit einen ökologischen Ansatz entwickelt. Doch nach Generationen haben immer mehr Menschen in fast allen Teilen der Welt begonnen, über Ökologie und Alternativen zur kapitalistischen Lebensweise nachzudenken. Während in den älteren Industriestaaten die meisten Menschen Fakten über die Natur und ein ökologisches Leben von Null an lernen, gibt es in den neu oder kaum industrialisierten Staaten viel mehr Merkmale und Reste von nicht-kapitalistischen Verhältnissen, Prozessen und Denkweisen, auf denen kritische Menschen aufbauen können. Der Aufschwung lässt sich leichter und schneller realisieren, da kritische Menschen z.B. von den Erfahrungen ihrer Großeltern oder sogar Eltern profitieren können. Kurdistan hat eine solche Geografie.

Während oben die Verbindung zwischen Ökologie und Frauenbefreiung vorgestellt wurde, ist noch die Verbindung zwischen Ökologie und Demokratie zu beschreiben. Um die Natur und die ökologischen Verhältnisse zu verteidigen, müssen zerstörerische und ausbeuterische Projekte gestoppt und die Modelle des Wohnens, der Produktion, des Konsums, der Mobilität usw. radikal verändert werden. All dies kann nur geschehen, wenn demokratische Entscheidungsstrukturen in der Gesellschaft vorherrschen, d.h. eine radikale Demokratie entwickelt wird, und nicht mehr kleine Kreise der Gesellschaft durch Lobbying die politische Entscheidung beeinflussen können. Nur wenn es eine solidarische und kommunale Wirtschaft gibt, kann die große ökologische Zerstörung langfristig verhindert werden. Zusammenfassend kann analysiert werden, dass der Zusammenhang zwischen Ökologie und Demokratie vor allem über die Sphäre der wirtschaftlichen Beziehungen realisiert wird.

Die KFB hat im Laufe der Jahre mit dem Konzept des Demokratischen Konföderalismus eine neue Terminologie entwickelt, die von Interesse sein könnte. Viele Bewegungen arbeiten an einer solcher, aber innerhalb des Demokratischen Konföderalismus wurden einige neue Begriffe geschaffen. Es beginnt mit dem Namen des Konzepts. Einige Definitionen sind eine Kombination aus Wörtern wie „Demokratie“ und „Autonomie“ oder „demokratisch“ und „Nation“, die weit verbreitet sind. Die Theorie des Demokratischen Konföderalismus folgt auch der Linie, bestehende zentrale Definitionen wie „Nation“ oder „Modernität“ zu besetzen und ihnen in einem bestimmten Rahmen auch einen positiven Inhalt zu geben. Aus ökologischer Sicht sind im Demokratischen Konföderalismus die Begriffe „ökologische Industrie“ und „kommunales Leben“ von großer Bedeutung. Ökologische Industrie mag umstritten sein, da industrielle Aktivitäten zu einem großen Teil zur Zerstörung und Verschmutzung der Natur geführt haben und kontinuierlich wirtschaftliche und politische Macht konzentrieren. Gleichzeitig haben die menschlichen Gesellschaften aber einen Lebens- und Wirtschaftsstand erreicht, der ohne Industrie nicht aufrechterhalten werden kann. Unter „Industrie“ versteht die KFB die Produktion von Gütern in systematischer und konzentrierter, d.h. durch mechanisierte Prozesse, geprägter Weise. Sie bedarf einiger Fachkenntnisse und höherer Technologien. Tatsächlich gibt es primitive Formen der Industrie seit langer Zeit in der Menschheitsgeschichte. Der heutige Stand der Industrie mit ihren negativen Auswirkungen war nicht unvermeidlich; die Geschichte hätte auch eine andere Wendung nehmen können. Heutzutage ist es jedoch äußerst schwierig (fast unmöglich), Gesellschaften zu deindustrialisieren, was mit unkalkulierbaren Risiken verbunden wäre. Es stellt sich also die Frage, wie die Industrie in Bezug auf Technologie, Kapazität und Management aus ökologischer Sicht umgestaltet werden kann und wie mit dem bestehenden Konzept des Wirtschaftswachstums gebrochen werden kann. Der Demokratische Konföderalismus hat zu diesem Thema noch keine ausgereiften Konzepte, sondern eher Grundideen.

Die Rolle der Guerilla im wachsenden ökologischen Bewusstsein

Das wachsende ökologische Bewusstsein hängt auch mit der Guerilla der PKK, den Volksverteidigungskräften HPG, zusammen, die seit den 1980er Jahren ununterbrochen in den Bergen Nord- und Südkurdistans existiert. Die HPG verfügt über Tausende von Guerillakämpfer:innen in riesigen Gebieten Nordkurdistans und in einem breiten Streifen von 250 km in Südkurdistan; sie muss daher als ein geografisch und politisch äußerst wichtiger Faktor betrachtet werden. Wenn sie nicht gegen die türkische Armee kämpfen, verbringen die Guerillas ihre Zeit mit einer Mischung aus militärischer und politischer Ausbildung. In Südkurdistan liegt der Schwerpunkt noch stärker auf der politischen Diskussion und Bildung.

Die Guerilla diskutiert in ihrem politischen Bildungsprogramm die gesamte Bandbreite sozialer und politischer Themen. Seit den 1990er Jahren, als Öcalan begann, die ökologische Krise zu diskutieren, hat die Guerilla die Ökologie in ihre Diskussionen einbezogen. Die Art und Weise, in der sie die Ökologie und alle anderen Themen diskutiert, unterscheidet sich von Menschen und Organisationen in der breiteren kurdischen Gesellschaft, was die Diskussion selbst unabhängiger macht. Die Guerilla ist nicht Teil des hegemonialen politischen Systems und hat keine engen individuellen Erwartungen an den Staat oder andere. Im Gegensatz dazu sind Menschen und Organisationen aus der „normalen“ Gesellschaft ständig von Sorgen und persönlichen Einschränkungen beeinflusst. Auch wenn sie intensiv darum kämpfen, sich von den Einflüssen des Kapitalismus und des Etatismus zu befreien, bleibt immer ein Teil übrig.

Der Unterschied zur Guerilla besteht darin, dass die Lebensbedingungen seit ihrer Entstehung Anfang der 1990er Jahre äußerst schwierig, aber völlig gemeinschaftlich, solidarisch und weit entfernt von der kapitalistischen Moderne sind. Es gibt so gut wie kein Privateigentum, Geld und materielle Interessen spielen in den Beziehungen zwischen den Menschen keine Rolle, Entscheidungen werden teilweise basisdemokratisch getroffen und ein System der Kritik und Selbstkritik wird systematisch umgesetzt.

Im Hinblick auf die Ökologie ist es auch sehr wichtig, dass die Guerilla im Einklang mit der Natur lebt. Es gibt so gut wie keine negativen Auswirkungen der Guerilla auf Pflanzen, Tiere und Ökosysteme; vielmehr hat sie sich in den letzten Jahren mehr denn je um dieses Thema gekümmert. Das Leben orientiert sich stark an ökologischen Kriterien. So kommt es, dass die Existenz der Guerilla in vielen Gebirgsregionen zur Verhinderung einer großflächigen Bejagung und zum Erhalt vieler Wälder führt, indem zahlreiche zerstörerische Infrastrukturprojekte des türkischen Staates oder der kurdischen Regionalregierung in Südkurdistan gestoppt oder verboten werden.

Die Diskussionen und Vorschläge zur Überwindung der ökologischen Krise werden in den Guerillagebieten oft im kleinen Rahmen und so weit wie möglich im Leben der einzelnen Guerillas und als Gemeinschaft praktiziert. Es gibt also nicht nur theoretische Ergebnisse, sondern auch eine Dimension der Praxis. Durch diese Praxis kann die Guerilla in einigen Fällen ihre ersten theoretischen Annahmen anpassen.

Die ökologische Praxis der Guerilla lässt sich an folgenden Beispielen erläutern. Es ist absolut verboten, Abfälle wie Plastik oder Metall in die Umwelt zu werfen; Bäume werden nur in Ausnahmefällen gefällt; Tiere werden nicht viel und nur so gejagt, dass keine Arten in einer bestimmten Region gefährdet werden – einige Arten konnten sich erholen; ein paar Dutzend kleine Umleitungsdämme für Elektrizität werden in Südkurdistan gebaut, die in der Regel ein Drittel des fließenden Wassers umleiten (die meisten Staaten leiten zwischen 2/3 und 90 Prozent um); so viel wie möglich werden Lebensmittel mit eigenen Mitteln der Guerilla in den Bergen produziert.

Die Ergebnisse und entwickelten Ansätze der Guerilla spiegeln die materiellen Bedingungen mit den starken Merkmalen der Solidarität, der Gemeinschaftlichkeit und der Ökologie wider; und sie fordern die anderen Teile der Gesellschaft heraus – insbesondere den Teil der Bevölkerung, der ihnen physisch und politisch nahe steht. Der Grund dafür ist, dass die Kritik viel tiefgreifender und ideologisch begründet ist, die Ansprüche höher sind und es weniger „realistische“ Elemente gibt, die das Denken einschränken könnten. Daher geht die Guerilla weniger Kompromisse ein und lässt dem Kapitalismus weniger Raum. Die Ansätze der Guerilla sind näher an der Harmonie mit der Natur und fordern stärkere und breitere gemeinschaftliche Strukturen.

Die entwickelten Ansätze und Vorschläge zur Ökologie lassen sich – wie auch in den anderen Bereichen – relativ leicht mit der breiteren Gesellschaft Kurdistans verbinden und übertragen, da die Guerilla eine starke Beziehung zur kurdischen Gesellschaft hat. Man bedenke, dass sich jedes Jahr Hunderttausende von Menschen mit der Guerilla treffen und diskutieren. Aus der kapitalistischen Moderne zu kommen und Revolutionäre zu treffen, die ein gemeinschaftliches Leben teilen, beeinflusst diese Menschen und darüber hinaus, besonders die jungen.

Doch in allen Bereichen prallen innerhalb der kurdischen Freiheitsbewegung zwei Grundansätze – der eine vor allem durch die geäußerten Ideen der Guerilla repräsentiert – oft stark aufeinander. Nicht alle Vorschläge werden von politischen Aktivisten oder politisch interessierten Menschen in der breiten Gesellschaft, die in unterschiedlichen materiellen Verhältnissen leben, eins zu eins übernommen. Es gibt Aspekte, die die Guerilla in ihren Diskussionen nicht berücksichtigt, da sie weit weg und unter anderen und außergewöhnlichen Bedingungen lebt. Im Wesentlichen sind die Ansätze der Guerilla näher an dem, was als demokratischer, gemeinschaftlicher, geschlechterbefreiter und ökologischer angesehen wird.

Die Synthese muss in den meisten Fällen der richtige Weg gewesen sein, da die KFB es geschafft hat, zu überleben und in den letzten Jahren stärker zu werden. Wir können sagen, dass die Berg-Stadt-Beziehungen der Kurd:innen im Laufe der Jahre eine spezifische Dynamik geschaffen haben, die für die gesamte KFB von Vorteil ist.

Wie der Widerspruch eine Dynamik erzeugt

Die kurdische Freiheitsbewegung hat seit 1999 in immer mehr Städten Nordkurdistans die Kommunalwahlen gewonnen und sich wichtiges Wissen darüber angeeignet, wie die lokalen Regierungen die Gesellschaft sozialer, geschlechtergerechter und ökologischer umgestalten können. Erst seit 2010/2011 wurden die Gründe für eine ökologische Umgestaltung des Lebens substanziell erfasst; vorher waren der Ansatz und der Diskurs der Ökologie wie oben beschrieben eher oberflächlich.

Dafür gibt es im Wesentlichen drei Gründe. Erstens schritten die kapitalistischen Verhältnisse in Nordkurdistan in der zweiten Hälfte der 2000er Jahre weiter schnell voran und die ökologische Zerstörung erreichte ein ernsthaft besorgniserregendes Ausmaß. Zweitens hat das Konzept des Demokratischen Konföderalismus die Ökolog:innen in Bakur ermutigt und gestärkt, ihren Kampf zu vertiefen und auszuweiten. Drittens hat die Kritik und der Widerstand gegen die ökologische Zerstörung und Ausbeutung in organisierter Form zugenommen, einige ernsthafte Erfahrungen und sogar kleine Erfolge gesammelt.

Die 2004 erschienenen Verteidigungsschriften von Öcalan und die Erklärung des Demokratischen Konföderalismus im März 2005 trugen entscheidend zur besseren Systematisierung der Ideen und der Diskussion über eine ökologische Gesellschaft in Bakur und anderen Teilen Kurdistans bei. In den ersten Monaten nach der Deklaration des Demokratischen Konföderalismus gab es unter vielen politischen Aktivist:innen innerhalb der KFB oder ihr nahestehenden Personen eine kontroverse Diskussion über die Säule Ökologie. Während die Aktivist:innen, die die Ökologie bereits in ihren Aktivismus und ihre Diskussionen einbezogen, dies als sehr ermutigend und unterstützend empfanden, nahmen die anderen dies entweder nicht ernst oder äußerten sich besorgt und hielten es für verfrüht, die Ökologie zu betonen, oder für „nicht passend zur Realität der kurdischen Gesellschaft“. Im Allgemeinen begrüßten die politischen Strukturen der KFB jedoch die Säule Ökologie und begannen, sie zu diskutieren – wenn auch nur oberflächlich. Zumindest öffnete es den Geist für ökologische Diskussionen, Kampagnen und Forderungen.

Gerade in dieser Zeit kam der Ilisu-Staudamm und das Wasserkraftwerk, das größte in Planung oder im Bau befindliche Staudammprojekt in Bakur und der Türkei, wieder auf die Tagesordnung, nachdem die türkische Regierung einen neuen Versuch gestartet hatte, es zu bauen – der erste Versuch war 2001/2002 gescheitert. Zwischen 2006 und 2010 stand der Kampf gegen dieses Staudammprojekt, das schwerwiegende Auswirkungen auf die sozialen Strukturen, das kulturelle Erbe und das Ökosystem des Tigris sowie zerstörerische Folgen für die lokale Gesellschaft haben würde, kontinuierlich auf der Tagesordnung der Kurd:innen und wurde von vielen kurdischen Organisationen, Aktivist:innen und Medien unterstützt. Die von der Initiative zum Erhalt von Hasankeyf koordinierte Kampagne war Ausdruck des gestiegenen ökologischen und kulturellen Bewusstseins der Kurd:innen. Sie trug auf einer neuen Ebene dazu bei, die Energie-, Wasser-, Landwirtschafts- und Entwicklungspolitik des türkischen Staates in Frage zu stellen und übertraf deutlich die Diskussionen während der ersten Runde des Kampfes um das Ilisu-Projekt zwischen 1999 und 2002.

In den folgenden Jahren wuchs die Zahl der Gruppen und Menschen, die sich mit Fragen des Naturschutzes, der Auswirkungen großer Infrastruktur- und Energieprojekte, der Nahrungsmittelproduktion und der sozialökologischen Theorie beschäftigten, stetig an. Vereinigungen und Initiativen, die sich gegen Staudämme, Bergbau, Kohlekraftwerke, Umweltverschmutzung, Stadtentwicklung, Kommerzialisierung des Lebens usw. wenden, wurden beispielsweise in Amed, Dersim, Çolemerg (Hakkari), Batman, Qoser (Kiziltepe), Wan und Riha (Urfa) ins Leben gerufen oder verstärkt. Obwohl sich in diesen Jahren die Vielfalt der umstrittenen Projekttypen vergrößerte, waren Staudämme immer noch die größte Herausforderung für die Ökologiebewegungen. Es waren die Jahre, in denen jeder Quadratkilometer von Bakur und dem gesamten türkischen Staatsgebiet von staatlichen Planern und großen Unternehmen als Profitquelle betrachtet wurde – international wurde dieser Ansatz als „Extraktivismus“ diskutiert. Der Kapitalismus breitete sich in allen Nischen der Gesellschaft von Bakur aus. Die kapitalistische Moderne entfaltete ihre maximalen zerstörerischen Kräfte, die AKP-Regierung tat alles, um Investitionen in der Region zu ermöglichen. Die Notwendigkeit, eine Koalition von Gruppen und Aktivist:innen mit einem starken ökologischen und kritischen Bewusstsein in Bakur zu bilden, ist in diesen Jahren wichtig geworden.

In Anbetracht dieser wachsenden Proteste und der Notwendigkeit, umfassend gegen das Vordringen des neoliberalen Kapitalismus vorzugehen, beschloss die Koordination des Mesopotamischen Sozialforums, das 2009 zum ersten Mal in Amed stattfand, ein Ökologieforum zu organisieren. Auf diesem Forum im Januar 2011, an dem Aktivist:innen aller Kämpfe in Bakur, Forschende, Vertreter:innen verschiedener ziviler Organisationen und Bewegungen sowie Aktivist:innen aus der Türkei und anderen Ländern teilnahmen, wurden zum ersten Mal in der Geschichte Kurdistans ökologische Kämpfe und Ansätze auf breiter und organisierter Basis diskutiert. Als Folge des Forums begannen „Ökologie-Aktivist:innen“ eine Diskussion zur Bildung eines Netzwerks von Gruppen in Bakur. Es dauerte mehr als anderthalb Jahre, bis die ersten Treffen von etwa zehn Gruppen stattfanden und der Beschluss gefasst wurde, die „Mesopotamische Ökologie-Bewegung“ zu gründen. Die theoretische Grundlage war von Anfang an die soziale Ökologie und der demokratische Konföderalismus. Obwohl der Name sie als Bewegung beschreibt, war es in den ersten Jahren eher ein Netzwerk.

In diesen Jahren hat der Kapitalismus begonnen, auch einige politische Strukturen und das Denken der Aktivist:innen in der KFB, einschließlich der Gemeinden und der Aktivist:innen in den Kleinstädten, stark zu beeinflussen. Aufgrund der Tatsache, dass es immer noch an Systematik und Tiefe in der Diskussion über Ökologie bei allen Entscheidungen und Aktionen innerhalb der KFB mangelte, ist es nicht überraschend, dass einige Personen und Strukturen konträr agierten. Die Auswirkungen in der Praxis waren u.a., dass sich das Verhalten und die Herangehensweisen der politischen Parteien und Organisationen des bestehenden hegemonialen Systems für viele Aktivist:innen der KFB nicht wesentlich änderten, Entscheidungen wie die Stadtplanung nicht wirklich mit kapitalistisch-staatlichen Vorgabepraktiken bremsten, einige Bürgermeister:innen von lokalen Unternehmern kooptiert wurden, um Ausschreibungen zu erhalten, und die Konkurrenz fernab von solidarischen Beziehungen zwischen Organisationen und Aktivist:innen teilweise zunahm. Diese Herausforderungen können immer wieder auftauchen und dominant werden, wenn die radikaldemokratische Struktur mit transparenten und inklusiven Entscheidungsprozessen noch nicht sehr gut entwickelt und akzeptiert ist. Die KFB hatte erst 2007 damit begonnen, eine völlig neue politische Struktur aufzubauen, die das Paradigma des Demokratischen Konföderalismus als Grundlage hat. Der Kongress der Demokratischen Gesellschaft (auf Kurdisch: KCD; auf Türkisch: DTK) als Dachstruktur der KFB für die neuen Volksräte aus den Stadtvierteln, zivilgesellschaftlichen Organisationen, sozialen Bewegungen, Berufsverbänden, Gemeinden und politischen Parteien war recht neu und befand sich noch im Prozess, angesichts der großen Vielfalt der oben genannten Strukturen einen Weg zu finden, richtig zu funktionieren.

In der Anfangsphase stand die Mesopotamische Ökologie-Bewegung (MÖB) vor der Herausforderung, Wege zu finden, um die Mitgliedsgruppen in Bezug auf Themen, Kampagnen und Diskussionen zusammenzubringen und eine dauerhafte und zuverlässige Arbeitsstruktur zu schaffen. Wenn dies gelänge, könnte der Kampf gegen die zahlreichen zerstörerischen und ausbeuterischen Projekte und Politiken des Staates besser konfrontiert werden und innerhalb der KCD würde der Kampf für ökologische Diskussionen, Denkweisen und Ansätze mehr politisches Gewicht bekommen. In der Auseinandersetzung mit den Projekten und Zielen der Regierung begann eine stetig wachsende Zahl von Menschen, die staatliche Politik in anderen Bereichen in Frage zu stellen. Nicht nur die Politik der kurdischen Identität, der kollektiven Rechte, der Bildung, der Frauenrechte und der Militarisierung, sondern auch die der Wirtschaft, der Energie, der Landwirtschaft und damit zusammenhängender Themen in Bakur rückten immer mehr in den Fokus des politischen Kampfes. Jede wirtschaftliche Entscheidung und jedes Investitionsprojekt wurde zunehmend kritisch gesehen.

Gleichzeitig gerieten die von der legalen Partei der KFB regierten Gemeinden in den Fokus der Kritik der MÖB, weil Gemeinden, die gegen die politischen Ziele der Gesamtbewegung agierten, dem gesamten Kampf, auch der ökologischen Dimension, schaden würden. Die Forderung lautete, dass die Kommunalpolitik umfassend nach den von der MÖB entwickelten ökologischen Prinzipien und der Selbstverwaltung der Volksräte geändert werden müsse. Das Ziel des Staates ist klar: Er will die Gesellschaft in enger Zusammenarbeit mit Grossunternehmen, in Bakur auch mit mittleren Grossunternehmen, beherrschen, unterdrücken und ausbeuten. In diesem Kampf mussten die Gemeinden der KFB eine klare Haltung gegenüber der staatlichen Politik einnehmen. Da die Gemeinden nach türkischem Recht letztlich ein Organ der Zentralregierung sind, haben sie nur begrenzte Kapazitäten und Freiheiten, mit denen sie die staatliche Politik herausfordern können. Während sie einerseits gezwungen sind, im Einklang mit dem türkischen Recht zu handeln, sollten die Gemeinden andererseits alles in ihrer Macht Stehende tun, um radikaldemokratische Strukturen in der Gesellschaft zu unterstützen, d.h. insbesondere die Volksräte, die Selbstorganisation der Frauen und eine kommunale Wirtschaft, sowie gegen die Gentrifizierung der städtischen Gebiete Stellung zu beziehen und der gesamten Bevölkerung gerechte Dienstleistungen zukommen zu lassen. Doch die Realität sah in diesen Jahren oft nur zum Teil so aus. Der Kapitalismus hat die Gemeinden von Bakur unter den Druck gesetzt, den neoliberalen AKP-Gemeinden als Entwicklungsmodell zu folgen, indem er die Diskussionen über die Stadtentwicklung dominierte. Es war eine Zeit – bis 2011 – in der das Wirtschaftswachstum in der Türkei hoch war, die sozialen Widersprüche in der Türkei und in Bakur deutlich geringer waren und die AKP-Regierung noch nicht sehr repressiv war: Daher kam die Kritik der KFB an der kapitalistischen Moderne in der kurdischen Gesellschaft nicht gut an. Ein weiterer Druck war die systematische finanzielle Diskriminierung durch die türkische Regierung: Seit 1999 konnten die Gemeinden der KFB im Gegensatz zu anderen Gemeinden nicht von vielen staatlichen Geldern profitieren, und auch bei der Genehmigung von Großprojekten gab es oft Hindernisse (jedes Großprojekt muss normalerweise vom Gouverneur genehmigt werden, der direkt von der türkischen Regierung ernannt wird). Die letztgenannte Diskriminierung war nicht sehr überraschend, da die Kurd:innen seit der Gründung der Republik Türkei unterdrückt wurden. Dies ist ein Thema, für das ein Kampf notwendig ist.

Was die MÖB jedoch mehr beunruhigte, war die mangelnde Haltung der Gemeinden gegenüber der kapitalistischen Entwicklung. In dieser Hinsicht wurde ein Fall wichtig für den ökologischen Kampf in Kurdistan. Es handelt sich um den Hügel „Kırklar Dağı“ am Rande der Stadt Amed, wo 2009 ein Wohnbauprojekt angekündigt wurde. Als historisches und natürliches Gebiet am südlichen Rand der Stadt Amed ist Kırklar Dağı in der Bevölkerung sehr bekannt und daher ein sensibler Ort. Als 2011/2012 die physischen Vorbereitungen für die Wohnbauprojekte begannen, die eigentlich nicht mit dem 2006 genehmigten Masterplan übereinstimmten, forderten die MÖB und einige andere zivile Organisationen einen sofortigen Stopp und eine Annullierung: Nach langen Diskussionen und Verhandlungen lehnten die beiden beteiligten Gemeinden von Amed diese Forderung ab. Als die Bauarbeiten 2013 in vollem Umfang begannen, organisierte die MÖB eine Demonstration mit Tausenden von Menschen. Obwohl das Projekt nicht gestoppt wurde, war die Demonstration ein Novum für die KFB: Eine Bürgerorganisation kritisierte öffentlich in scharfer Weise eine Gemeinde aus der „eigenen politischen Bewegung“ wegen eines städtischen Projekts. Dies hatte jedoch einige langfristige Auswirkungen. In den folgenden Jahren begannen die Gemeinden der Partei der Demokratischen Regionen (DBP; die Partei der KFB und Mitglied der HDP), bei der Planung von Wohnungsbauprojekten oder größeren Vorhaben vorsichtiger zu sein. Dieser Fall zeigte, dass ökologisches Denken und Handeln von den Aktivist:innen verlangt, dass sie auch ihre eigene Seite berücksichtigen und nicht die andere Seite, den Staat und das Großkapital. Neben dem Fall von Kırklar Dağı gibt es noch viele andere Projekte in den Städten, die Gegenstand der kapitalistischen Transformation sind und die viel kritischer betrachtet werden müssen.

Ein weiterer Kritikpunkt der MÖB sind die großen Einkaufszentren, die in den letzten Jahren in jeder Stadt gebaut wurden. Es handelt sich dabei um private Projekte, die natürlich von der AKP-Regierung unterstützt werden, aber es gab einige Fälle, in denen die DBP-Gemeinden nicht interveniert haben und in einigen wenigen Fällen diese sogar begrüßten. Einige der Einkaufszentren hätten verhindert oder zumindest verzögert werden können. Das türkische Gesetz erlaubt es der Zentralregierung, die Stadtplanung zu übernehmen, wann immer sie es für notwendig hält. Die Frage ist also, wie man sich gegen diese rechtliche Ungerechtigkeit wehren kann; selbst wenn es nicht möglich ist, die unerwünschten Projekte langfristig zu verhindern, sollten sie zumindest verzögert und einer öffentlichen Debatte unterzogen werden. Nach intensiver Kritik durch die MÖB und andere Bewegungen wie die Frauenbewegung im Jahr 2014 wurde von den DBP-Gemeinden ein wesentlich kritischerer Ansatz verfolgt.

Diese beiden Fälle zeigen, dass sich der ökologische Kampf in Bakur nicht nur auf ländliche Gebiete, sondern auch auf städtische Gebiete konzentrieren muss, denn der Kapitalismus hat schon vor vielen Jahren damit begonnen, überall nach profitablen Investitionsprojekten zu suchen. 2013 war das Jahr, in dem sich ein ökologisches Bewusstsein und eine ökologische Kritik viel offener zu äußern begannen, begleitet von öffentlichen Aktionen und dies nicht nur durch die MÖB. Die Jugendbewegung, die Frauenbewegung, die Berufsverbände (vor allem Architekt:innen, Ingenieur:innen, Ärzt:innen) und die Gewerkschaften erreichten ein qualitativ neues Niveau in ihrer Herangehensweise an die Frage, wie die Gesellschaft aus einer ökologischen Perspektive gestaltet werden könnte.

An dieser Stelle muss festgestellt werden, dass innerhalb des Konzepts des Demokratischen Konföderalismus ein Bereich – in Bakur ist die Gesellschaft durch den Kongress der Demokratischen Gesellschaft (DTK/KCD) in 14 Bereiche (auch Zweige oder Sektoren) gegliedert, wie z.B. Frauen, Justiz, Gesundheit, Bildung, Diplomatie, Glaube, Ökologie, Gemeinden, Jugend, Selbstverteidigung – in der Regel von einer Bewegung oder Organisation vorangetrieben wird, aber es ist nicht nur auf diese Organisation beschränkt. Es ist sogar erwünscht, dass Aktivist:innen aus anderen Bereichen auch tiefgreifend über Ökologie, Frauenbefreiung oder kommunal-demokratische Wirtschaft diskutieren. Dabei werden die Verbindungen zwischen den Feldern wichtig. In parlamentarischen Systemen agieren ökologische/umweltpolitische NGOs und Bewegungen in der Regel allein mit dem Ziel, bestimmte Projekte zu stoppen und/oder die Gesetze oder die Gesellschaft im ökologischen Sinne zu verändern. Im neuen System von Bakur – und Rojava – kämpfen die sozialen Bewegungen für ihre Ziele, aber sie tun dies innerhalb eines demokratischen und integrativen Systems. Dies entspringt der Erkenntnis, dass die Gesellschaft ein Ganzes ist und durch die kapitalistische Moderne so sehr gespalten wurde, dass die verschiedenen sozialen und politischen Gruppen und Geschlechter nicht im Gleichgewicht miteinander agieren: eine Gruppe versucht immer, die andere zu dominieren. In der kapitalistischen Moderne dominieren in der Regel die Gruppen mit großen finanziellen Kapazitäten oder Waffen über die anderen. Dies ist ein bedeutender Unterschied, den der demokratische Konföderalismus mit sich gebracht hat.

Ein Beispiel dafür, wie die verschiedenen Bewegungen erfolgreich zusammenarbeiten können und wie sehr die verschiedenen Bereiche miteinander verknüpft sind, sind die Beziehungen zwischen der MÖB und der Ökonomie-Bewegung. Letztere wurde 2013 nach breiten Diskussionen von Dutzenden von Aktivist:innen aus verschiedenen Kämpfen und kritischen Ökonom:innen aus Bakur und der Türkei gegründet. Darunter waren auch mehrere Aktivist:innen aus der MÖB. Seitdem gibt es eine gute Verbindung und einen guten Austausch zwischen den beiden Zweigen. Die gute Beziehung hat dazu geführt, dass die beiden Zweige bei bestimmten Projekten zusammenarbeiten; Projekte, die mit beiden Bereichen, Ökologie und Ökonomie, zu tun haben. Ein Beispiel ist der seit langem diskutierte Aufbau einer Bank für lokales Bio-Saatgut. Eine dynamische, kooperative und kritische Beziehung mit der neuen aufstrebenden Wirtschaftsbewegung, die eine kommunale und demokratische Wirtschaft in Bakur entwickeln will, ist entscheidend für das Ziel, eine ökologische Gesellschaft zu entwickeln. Alles, was in der MÖB diskutiert und entwickelt wird, soll in Zusammenarbeit mit der Wirtschaft und den Gemeinden umgesetzt werden. Ohne die Berücksichtigung der kommunalen Wirtschaft ist eine ökologische Gesellschaft, wie oben beschrieben, nicht möglich.

Die Mesopotamische Ökologie-Bewegung

Im Jahr 2014 begann eine neue Diskussion unter den Aktivist:innen der MÖB über deren Umstrukturierung mit dem Ziel, eine echte und breite soziale Bewegung zu werden. Nach vielen Diskussionen kam es zur Bildung von Räten in jeder Provinz von Bakur, die Raum für politische Aktivisten, die im Bereich Ökologie arbeiten, und für Neueinsteiger:innen bieten. Eingeladen waren alle bisherigen und neuen Initiativen und Verbände sowie ökologisch arbeitende Aktivist:innen, aber auch andere zivilgesellschaftliche Organisationen, Berufsverbände, Gewerkschaften, Kommunen und die Volksräte der KCD in den Stadtteilen und ländlichen Regionen. Diese Form der Vertretung soll möglichst viele gesellschaftliche Akteure einbeziehen und etwas schaffen, das kurz- und mittelfristig eine ökologischere und damit gerechtere und demokratischere Gesellschaft aufbauen soll.

Die Hauptarbeit der MÖB wird in den verschiedenen Kommissionen geleistet, die je nach den von den Provinzräten festgelegten Bedürfnissen und Schwerpunkten eingerichtet werden. Jede:r Aktivist:in der MÖB arbeitet in mindestens einer Kommission der jeweiligen Provinz mit. Neben den Kommissionen, die es in fast allen Provinzen gibt, gibt es einige spezifische Kommissionen. So gibt es zum Beispiel in der Provinz Dersim eine Kommission für Wälder und im Großraum Amed eine für Tierrechte. Auch auf der Ebene von Bakur gibt es einige Kommissionen, wie die für Diplomatie, Recht und Organisation. Die Koordinierung auf Provinzebene erfolgt durch die beiden Ko-Sprecher:innen – eine Frau und ein Mann. Die Ko-Sprecher:innen werden in regelmäßigen Abständen (drei oder sechs Monate) von der Provinzversammlung gewählt, die mindestens zweimal im Jahr (manchmal viermal im Jahr) zusammentritt. Jede Provinzversammlung wählt jährlich mehrere (etwa sechs) Delegierte auf der Grundlage der Geschlechterquote für die Versammlung auf Bakur-Ebene, die zweimal im Jahr tagt. Die Koordinationsstellen auf Provinzebene wählen zwei Delegierte, eine Frau und einen Mann, für die Bakur-Koordination, die häufiger als die Bakur-Versammlung tagt. Wie innerhalb der MÖB festgestellt werden kann, hat jede Struktur eine Geschlechterquote von mindestens 40 % für ihre Delegierten. Für die MÖB gilt eine Quote von 50%.

Seit dieser Umstrukturierung ist die MÖB durch die Aktionen, Projekte und Kampagnen, die es durchführt, stärker im KCD vertreten. Die MÖB kann ihre Inhalte und Forderungen besser in die Koordinierungen der KCD auf Provinz- und Bakur-Ebene und in die KCD-Generalversammlung einbringen. Je stärker die MÖB ist, desto mehr kann es auf den KCD als Ganzes und auf seine Aktivist:innen einwirken. Zum Beispiel ist es wichtig, auf die Gemeinden einzuwirken, die keine guten Praktiken im Bereich der Ökologie und in anderen Bereichen haben.

Die MÖB ist mit vielen ökologischen Bewegungen und NGOs außerhalb von Bakur innerhalb des türkischen Staates recht gut vernetzt. Seit 2015 gab es mehrfach gemeinsame Aktionen, Delegationen (z.B. zu Waldbränden) und Diskussionen. In diesem Sinne ist sie Teil des Ökologierates des Demokratischen Volksrates (HDK). Der HDK ist die türkeiweite Suprastruktur aller Strukturen der direkten Demokratie, also auch der HDP. Mit anderen Worten: Der HDK ist der KCD gleichwertig, wenn auch nicht vergleichbar stark wie dieser.

Seit ihrer Gründung hatte die MÖB mit einem geringen Bewusstsein für Ökologie in der Gesellschaft zu kämpfen, was sich auch in den verschiedenen Organisationen des KCD auswirkt. Obwohl sich in den letzten Jahren ein deutlicher Wandel vollzogen hat, wird Ökologie von einem großen Teil der Gesellschaft immer noch als etwas Elitäres und weit weg vom wirklichen Leben angesehen und mit der Konzentration auf die Erhaltung einiger Arten oder wichtiger Naturgebiete oder mit gesunden, aber teuren Bio-Lebensmitteln in Verbindung gebracht. Außerdem macht die verwendete Terminologie noch immer nicht deutlich, worum es den Aktivist:innen geht. Aus diesem Grund ist die Praxis so wichtig geworden, um mehr Menschen für die Bewegung zu gewinnen. Wenn man bedenkt, dass selbst viele Menschen mit akademischem Hintergrund weniger an der Theorie und mehr an der Praxis interessiert sind, können Projekte vor Ort viele motivieren und aktivieren und besser verständlich machen, was mit einer ökologischen Gesellschaft angestrebt wird. Projekte wie gemeinsames Gärtnern und traditionelles Bauen, an denen sich alle Interessierten beteiligen können, haben auch den Effekt, dass die MÖB ihren theoretischen Ansatz anhand der Ergebnisse solcher Projekte validieren und weiterentwickeln kann. Dies ist auch vor dem Hintergrund zu sehen, dass die KFB in den meisten gesellschaftlichen Bereichen von einem gesamtheitlichen Ansatz ausgeht und diesen in einem langwierigen Praxis- und Diskussionsprozess konkretisiert. Die Projekte vor Ort bieten kollektive Arbeit und geben den Menschen, insbesondere in den Städten, das Gefühl von Gemeinschaft und Solidarität zurück. Ein erfolgreiches Projekt war die Sammlung von lokalem und biologischem Saatgut aus verschiedenen Gebieten Bakurs im Winter 2015/2016 und deren Vermehrung 2016 in sieben Provinzen. Die Vermehrung erfolgte hauptsächlich in Zusammenarbeit mit den Nachbarschaftsräten der Menschen vor Ort, was ein gutes Beispiel dafür ist, wie die verschiedenen Bereiche des KCD zusammenarbeiten können. Diese Saatgutkampagne stieß in vielen Teilen der Gesellschaft auf Interesse. Wenn man bedenkt, dass der Mensch sowohl ein rationales als auch ein emotionales Wesen ist, kann die Berührung von Erde, Wasser, Schlamm, Pflanzen und Holz eine große Synergie schaffen. Ein weiteres Ergebnis, das ein solcher praktischer Ansatz haben kann: In Zeiten der Repression und des Krieges kann er die Menschen zusammenhalten und es ihnen ermöglichen, politisch schwierige Zeiten zu überstehen, wie die, die mit dem Krieg im Sommer 2015 begannen und sich mit dem Ausnahmezustand im Sommer 2016 noch verschlimmerten.

Im Herbst 2015 führte die MÖB eine halbjährige Diskussion zu den acht wichtigsten Politikfeldern (Landwirtschaft, Energie, Wasser, Gesundheit, kommunale Wirtschaft, Wälder/Biodiversität, ökologische Städte, Ökotechnologie), für die Arbeitsgruppen auf Bakur-Ebene gebildet worden waren. Am Ende dieser Prozesse wurden Papiere erstellt, die später auf der ersten MÖB-Konferenz im April 2016 in Wan verabschiedet wurden. Diese Grundsatzpapiere sind zu Leitlinien für die künftige Arbeit geworden, die ein breites Spektrum abdecken und mit anderen Politikfeldern wie Frauenbefreiung, Wirtschaft und Gesundheit verknüpft sind. Diese herausfordernde Arbeit kann dazu beitragen, erste Antworten auf die Frage zu finden, welche Richtung die MÖB einschlagen soll, das Engagement im Kampf zweifelsohne stärken und Werkzeuge für einen erfolgreichen Kampf gegen Staat und Unternehmen sowie innerhalb der KFB bereitstellen.

Anmerkungen:

  1. Es muss festgestellt werden, dass die schwere politische Repression in Bakur auf allen Ebenen des politischen Engagements, die im Sommer 2015 begann und mit dem im Juli 2016 verhängten Ausnahmezustand ein extremes Niveau erreichte, auch die MÖB stark beeinträchtigt hat. Seitdem sind die meisten Aktivitäten der MÖB eingeschränkt, gestoppt oder verändert worden. Allerdings haben die Aktivitäten einige wichtige Veränderungen erfahren. In diesem Papier wird die Zeit nach dem Ausnahmezustand nicht berücksichtigt. Vielmehr geht es darum, die Entwicklung des Bewusstseins, der Diskussion und des Kampfes für die Ökologie in Bakur vor der aktuellen Repression zu beschreiben.
  2. Die Diskussionen und die Praxis in Rojava wurden in diesem Papier nicht berücksichtigt, da dort ganz andere Rahmenbedingungen herrschen (weniger Staat, viel weniger Kapitalismus usw.), obwohl das politische Konzept das gleiche ist.

1 In neueren Diskussionen auch als „Extraktivismus“ bezeichnet.

2Die KFB verwendet die Definition der kapitalistischen Moderne, um das gegenwärtige hegemoniale politisch-ökonomische System zu beschreiben. Demnach umfasst der Kapitalismus vor allem wirtschaftliche Aktivitäten, während die kapitalistische Moderne ein System ist, das die politische und ideologische (gemeint sind z.B.: Mentalität, menschliche Beziehungen, soziales Verhalten) Dimension des entwickelten hegemonialen Systems einschließt.

3Wechsel vom Gebrauchswert zum Tauschwert

4 Häufig wird in solchen Diskussionen der Begriff „Grundbedürfnisse“ verwendet. Da es aber schwierig ist, zwischen „Bedürfnissen“ und „Grundbedürfnissen“ zu unterscheiden, wird hier auf die Verwendung von „Grund“ verzichtet.

5Anstelle des heute weit verbreiteten Begriffs „Ressourcen“ wird hier der Begriff „Elemente“ bevorzugt. „Ressourcen“ setzt voraus, dass sie existieren oder darauf warten, von der kapitalistischen Wirtschaft abgebaut und ausgebeutet zu werden.

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