Die kommunal-matriale Gesellschaft: Eine notwendige Rückbesinnung auf die Grundlage gesellschaftlichen Widerstands

Die demokratischen Kräfte, die ihren Kampf für Freiheit, Demokratie und Gleichheit auf das historische Erbe der kommunal-matrialen Gesellschaft stützen, werden schnell erkennen, dass sie durch eine angemessenere historisch-soziologische Analyse ihrer Gesellschaft Niederlagen in ihrer eigenen Widerstandsgeschichte besser selbstkritisch hinterfragen und dadurch erfolgsversprechendere Formen von Organisierung, Programm, Strategie und Taktik entwickeln können. Auf diese Weise werden sie der Verantwortung besser gerecht werden können, im 21. Jahrhundert erfolgreich Politik für ihre jeweilige Gesellschaft und die Menschheit zu machen.

In einem Interview mit dem Jacobin-Magazin dachte die US-amerikanische Philosophin Nancy Fraser jüngst laut darüber nach, welche Grundlagen unserer heutigen Lebensweise als Basis für eine freie Zukunft nützlich sein könnten. In Bezug auf die Arbeiten von Vertretern der Frankfurter Schule sagte sie in diesem Zusammenhang: „Man glaubte, dass es in der modernen europäischen Geschichte und Gesellschaft etwas gab, dass es wert war, zu erhalten, sei es nun individuelle Freiheit, die Wissenschaft, die Demokratie oder was auch immer. Und man glaubte ebenso, dass der Kapitalismus diese Errungenschaften verzerrte oder pervertierte. Und deswegen begann man darüber nachzudenken, wie das emanzipatorische Potenzial der Moderne in einer post-kapitalistischen Gesellschaft verwirklicht werden könnte. Und es war gut, dass man das tat, vorausgesetzt, man entging dem Eurozentrismus und anderen Fallstricken, die damals noch nicht wirklich thematisiert wurden.“ (1) Interessant an Frasers kurzer Andeutung, die Gegenwart trage emanzipatorisches Potential in sich, das für den Aufbau eines freien Lebens nützlich sein könne, ist vor allem das „was auch immer“. Denn mit der rasanten Beschleunigung der Krise der kapitalistischen Moderne im Zuge der Corona-Pandemie, dem Zusammenbruch des ökologischen Gleichgewichts und dem Krieg in der Ukraine wird die Frage nach einer nicht-kapitalistischen Lebensweise heute mit einer anderen Dringlichkeit diskutiert, als noch vor wenigen Jahren. Die dominanten Antworten, auf die man in den Debatten demokratischer Kräfte stößt, reichen von der Neubelebung von Ideen wie dem Marxismus-Leninismus in Form von neuen, schnell wachsenden kommunistischen Gruppen, über kleinteilige Kampagnenkämpfe z.B. in Bezug auf ökologische, demokratische oder feministische Fragen bis zu hoffnungsloser Träumerei. Wir wollen an dieser Stelle einen anderen Weg gehen; in der Überzeugung, dass das von dem kurdischen Vordenker Abdullah Öcalan entwickelte Paradigma der Demokratischen Moderne die notwendige historische Tiefe, soziologische Klarheit und mutige politische Widerstandskultur beinhaltet, die wir für die Überwindung der kapitalistischen Moderne benötigen. Denn mit seiner differenzierten Analyse vergangener und gegenwärtiger gesellschaftlicher Realität liefert uns das Paradigma der Demokratischen Moderne die notwendigen Werkzeuge, um in unserem jeweiligen gesellschaftlich-historischen Kontext die passende Organisierung, das Programm und die politische Strategie und Taktik für den Aufbau der Demokratischen Moderne als Alternative zum kapitalistisch-staatlichen System zu entwickeln. Wo Nancy Fraser also noch von einem „was auch immer“ spricht, sind wir bereits in der Lage das emanzipatorische Potential unser Gegenwart – und damit auch Vergangenheit – klarer zu benennen. Mit seiner Beobachtung, dass die ´matrial-kommunale Gesellschaft´ eine Art Stammzelle der heutigen Lebensweisen darstelle, hat uns Abdullah Öcalan bereits vor Jahren eine sehr hilfreiche historisch-soziologische Kategorie an die Hand gegeben. Mit ihrer Hilfe können wir besser verstehen woher gesellschaftlicher Widerstand seine Kraft schöpft und dementsprechend erfolgversprechende Formen für die heute notwendigen Kämpfe und Arbeiten der demokratischen Kräfte – Frauenbewegungen, Jugendorganisationen, ökologische Bewegungen, kulturelle Gemeinschaften, Parteien, Gewerkschaften etc. – entwickeln.

Die Dynamik gesellschaftlicher Entwicklung

Wer seine Gesellschaft samt ihrer Mentalität, Gefühlswelt und praktischen Reflexen verstehen möchte, muss sich sowohl ihrer spezifischen Geschichte und Soziologie zuwenden, als auch mit der Geschichte der Gesellschaftswerdung des Menschen im Allgemeinen auseinander setzen. Wie vielversprechend dieser Ansatz ist, lässt sich aus dem seit über 50 Jahren andauernden Freiheitskampf Abdullah Öcalans und der Freiheitsbewegung Kurdistans ablesen. Ob in seiner Rede in der nordkurdischen Stadt Elazig im Jahr 1977 (2), die den damaligen ideologisch-organisatorischen Aufbruch der Freiheitsbewegung Kurdistans eindrucksvoll markierte, oder in seinen in den vergangenen Jahren erschienenen Verteidigungsschriften; Öcalan fragt nach dem, was den Mensch im Allgemeinen ausmacht, um sich dann ganz konkret der historisch-soziologischen Beschaffenheit der kurdischen Gesellschaft zuzuwenden.

Öcalans Ausgangsfragen sind stets die gleichen: Wie findet gesellschaftliche Entwicklung statt? Von welchen Dynamiken ist die stetige Veränderung gesellschaftlichen Lebens geprägt? Welche Grundprinzipien bestimmen gesellschaftliches Miteinander? In Form des Paradigmas der Demokratischen Moderne, das er in seinen fünf Verteidigungsschriften ausführlich darstellt, hat Abdullah Öcalan seine Erkenntnisse über das, was Gesellschaften friedlich, nachhaltig und gleichberechtigt zusammen leben lässt, auf eine ganzheitliche und stimmige Art und Weise allen Menschen dieser Welt zur Verfügung gestellt. Als einen grundlegenden Antrieb gesellschaftlicher Veränderung versteht Öcalan das Streben einer jeden Gesellschaft nach der Sicherung ihrer Existenz: „Ganz allgemein besteht das Hauptproblem einer Gesellschaft (die aus Tausenden Gemeinschaften bestehen kann) im Weiterbestehen, in der Selbsterhaltung, der Verteidigung ihrer Existenz gegen die Kräfte, die ihr Dasein als Gesellschaft beenden wollen. Diese Problematik stellt sich Gesellschaften immer und überall.“ (3) Daraus resultiert eine ständiges Suchen einer jeden menschlichen Gemeinschaft nach den besten Wegen, unter den zeitlich und räumlich gegebenen Bedingungen nicht nur ihr Überleben, sondern ein gutes, schönes und richtiges Leben zu sichern. Wer sich in Erinnerung ruft, dass allein der Homo Sapiens, also unser direktester Vorfahre, seit ca. 200.000 Jahren mit genau dieser Herausforderung konfrontiert ist, wird über die schier grenzenlose Vielfalt an konkreten gesellschaftlichen Antworten auf diese Frage wenig überrascht sein.

Insbesondere seit der Entstehung der modernen Geisteswissenschaften ist ein immenser Korpus an historischen Erklärungs- und Kategorisierungsversuchen gesellschaftlicher Entwicklung entstanden. Mit Blick auf diese Versuche und deren Übersetzung in politische Programme betont Öcalan die Notwendigkeit einer richtigen Analysemethode: „Die Gesellschaft als eine lineare Abfolge verschiedener Formen (Urgesellschaft, Sklavenhaltergesellschaft, Feudalgesellschaft, kapitalistische und sozialistische Gesellschaft) zu behandeln, ist viel zu dogmatisch. Anders ausgedrückt ist es idealistisch und fatalistisch. Wichtiger noch: die drei Gesellschaftsformen schreiten nicht linear vorwärts. Das ganze ist eher eine Rotationsbewegung, die sich ausweitet und vertieft. Ich gehe zwar von einer dialektischen Funktionsweise aus, gleichzeitig muss ich aber klar festhalten, dass ich die Interpretation einer gesellschaftlichen Entwicklung durch einander vernichtende Extreme ablehne. Betrachtungsweisen, die von These, Antithese und Synthese ausgehen, können ein produktives Logikwerkzeug darstellen, um die Grundlagen der Funktionsweise des Universums zu erklären. Doch eine äußerst reiche, Unterschiedlichkeit ermöglichende, gegenseitiges Nähren anerkennende Art der dialektischen Beziehungen und ein derartiges Verständnis kommen der dialektischen Funktionsweise der Natur näher und erklären sie besser.“ (4)

Die drei grundlegenden Formen gesellschaftlichen Lebens

Drei Gesellschaftsformen? Hierbei handelt es sich um eine Unterscheidung, die zentral ist für Öcalans historische Analyse gesellschaftlichen Lebens und seine daraus abgeleiteten Vorschläge für die Befreiung der Gesellschaft: „Die Geschichte kennt drei Arten der Gesellschaft oder Gesellschaftsformen: Die Urgesellschaft oder Klangesellschaft, die Klassengesellschaft oder zivilisierte Gesellschaft und schließlich die demokratisch-plurale Gesellschaft.“ (5) In diesem Zusammenhang betont Öcalan, dass seine Feststellung nicht normativen Charakters ist, sondern eher eine Beobachtung historischer Entwicklungen darstellt: „Ich möchte noch einmal feststellen, dass ich keine neue Entdeckung mache, wenn ich von einer dreischrittigen Dynamik der gesellschaftlichen Realität spreche. Ich versuche lediglich, die universelle Dynamik des Entstehens auf die Gesellschaft anzuwenden.“ (6) Zugleich ist es ihm wichtig hervorzuheben, dass die Klangesellschaft als älteste Art und Weise des menschlichen Zusammenlebens von herausragender Bedeutung für alle darauf folgenden gesellschaftlichen Formen ist: „Es ist realistisch, den Klan als soliden Kern der Gesellschaft zu betrachten. Er ist die ursprünglichste Form der Gesellschaft.“ (7) Im weiteren Verlauf seiner 2. Verteidigungsschrift Die Kapitalistische Zivilisation: Unmaskierte Götter und nackte Könige schlägt Öcalan den Begriff der ´kommunal-matrialen Gesellschaft´ vor, um zu beschreiben, welche kulturellen und materiellen Werte das gesellschaftliche Leben des Menschen seit Jahrtausenden von Jahren prägen: „Schon oft haben wir erwähnt, dass nach einer langen Entwicklung der Übergang zur Stufe der neolithischen Gesellschaft erfolgte, und dass dieser Übergang durch die günstigen geographischen Umweltbedingungen hervorgebracht wurde, die das Taurus-Zagros-Gebirgssystem bot. Wir haben ebenfalls oft erklärt, dass wir diese Stufe auch als Höhepunkt der matrialen Gesellschaft betrachten können und dass die Möglichkeit eines Mehrprodukts auf dieser Stufe entstand. Diese gesellschaftliche Ordnung wird von Sozialwissenschaftlern meist als Urkommunismus, Alt- und Jungsteinzeit oder auch als Zeit der Wildheit bezeichnet. Meiner Meinung handelt es sich um eine Abfolge von Stufen, die ´kommunal-matriale Gesellschaft´ zu nennen vielleicht sinnvoller wäre. Es handelt sich um eine Stufe, die nahezu neunundneunzig Prozent der gesamten Dauer der menschlichen Gesellschaft umfasst. Wir dürfen sie daher nicht unterschätzen.“ (8)

Merkmale der ´kommunal-matrialen Gesellschaft´

Wie genau war bzw. ist die ´kommunal-matriale Gesellschaft´ beschaffen? Wenig überraschend wird sein, dass die Frau in dieser Form des gesellschaftlichen Lebens eine entscheidende Rolle spielt: „Diese Gesellschaftsform bildete oder gruppierte sich unter dem Einfluss der biologischen Gegebenheiten, noch mehr aber wegen ihrer gesellschaftlichen Praxis um die Mutter-Frau. Die Struktur der ersten Sprachen mit ihren weiblichen Affixen bestätigt diese Tatsache. Wir dürfen den matrialen Charakter der Gesellschaft nicht übersehen. Es ist wichtig die Mutter-Frau nicht als eine Chefin, als eine Autorität zu betrachten, sondern als ein natürliches ´administratives´ Kraftzentrum wegen ihrer Lebenserfahrung und der Aufzucht von Kindern. Sobald die Ordnung der Sesshaftigkeit in Behausungen begann, wuchs die Rolle und Attraktivität der Mutter-Frau als Zentrum noch weiter.“ (9) Öcalan beschreibt die kommunal-matriale Gesellschaft als eine Form des Zusammenlebens, die über spezifische sprachliche Eigenheiten, kulturelle Werte und materielle Begebenheiten verfügt. Das Teilen des gesellschaftlich erarbeiteten Mehrprodukts, die temporäre Natur von Markt, Stadt und Handel und ein eigenes Moralverständnis sind nur einige ihrer Besonderheiten. Daraus ergibt sich auch der gesellschaftliche Reflex der kommunal-matrialen Gesellschaft, beständig Maßnahmen gegen die Aufspaltung der Menschen in Klassen zu treffen. Eine große Offenheit für Veränderung und Transformation, sowie ein nachhaltiger Umgang mit allen ihr zur Verfügung stehen Ressourcen prägen das gesellschaftliche Leben. Öcalan fasst die grundlegenden Eigenschaften der kommunal-matrialen Gesellschaft als eine Lebensform zusammen, „in der das moralische und politische Prinzip die größte Rolle spielt, Klassen kaum Entstehungsmöglichkeiten finden, daher Macht- und Staatsapparate ihre Gewalt nicht aufzwingen können oder eine gegenseitige Anerkennung durch Konsens erfolgt und in der Einheit in Differenz, Gleichheit und Freiheit als Eigenschaften sowohl der Individualität (nicht des Individualismus) als auch der Gesellschaftlichkeit existieren.“ (10)

Dichotomie zwischen kommunal-matrialer und staatlich-patriarchaler Kultur

Auch heute lassen sich viele dieser Aspekte weiter im alltäglichen Leben unterschiedlichster Gesellschaften beobachten. Zugleich müssen wir häufig feststellen, dass vielerorts eine hierarchisch-staatliche Kultur die Werte und Praxis der kommunal-matrialen Gesellschaft stark verdrängt hat. Auch Öcalan macht diese Feststellung zu einem wichtigen Ausgangspunkt seiner Überlegungen: „Nun ist sicher niemandem entgangen, dass wir bei der Rede von der Zivilisation die gesellschaftliche Ethik nicht als ansteigende Entwicklung, sondern als ihren Verfall, und die Repression gegen sie als wesentliche Merkmal interpretieren. Gegenüber den frühen kommunal-matrialen Wertvorstellungen, also ihrem Moralverständnis, bedeutet die zivilisierte Gesellschaft einen großen Absturz.“ (11) Anhand sumerischer Epen wie dem Gilgamesch-Epos und Mythologien wie der von Inanna und Enki, aber auch sprachlicher Eigenschaften wie z.B. dem sumerischen Wort ´amargi´ versucht Öcalan nachzuvollziehen, wie es zu dieser Verdrängung kommen konnte: „Diese Legende ist älter als das Gilgamesh-Epos und erzählt vom Kampf zwischen der kommunal-matrialen Ordnung oder Gesellschaft und der hierarchisch-patriarchalen Gesellschaft (der Übergangsgesellschaft zur Zivilisation). Es wird ganz deutlich, dass dieser Prozess ungerecht und unter Kämpfen abgelaufen ist.“ (12) Aus diesem Jahrtausende andauernden Kampf, in dessen Rahmen die kommunal-matriale Gesellschaftsordnung immer schwereren, systematischeren und letztendlich erfolgreicheren Angriffe des hierarchisch-patriarchalen Systems ausgesetzt ist, entstehen zwei neue Gesellschaftsformen: zum einen die Klassengesellschaft bzw. zivilisierte Gesellschaft und zum anderen die demokratisch-plurale Gesellschaft, die Öcalan später konsistent nur noch ´moralisch-politische Gesellschaft´ nennt. Öcalan geht davon aus, dass diese spannungsgeladene Aufspaltung der gesellschaftlichen Realität seither ein wichtiger Grund für die Konflikte, aber auch Entwicklungen auf der Welt ist: „Wir können auch theoretisch fassen, dass der Übergang zur zivilisierten Gesellschaft gleichzeitig und verschränkt mit dem Übergang zur demokratischen Gesellschaft stattfand. In den heftigen Diskussionen der ersten Ältestenräte hören wir den Klang der demokratischen Gesellschaft, ihren ersten Widerhall. In sämtlichen Gesellschaften auf dieser Entwicklungsstufe werden wir Zeugen einer ähnlichen Dichotomie: der Dichotomie zwischen demokratischer Gesellschaft und zivilisierter Gesellschaft; einfacher und konkreter gesagt, die Dichotomie zwischen Staat und Demokratie.“ (13)

Lebendige Spuren der ´matrial-kommunalen Gesellschaft´

Entsprechend des zuvor erwähnten Dialektikverständnisses begreift Öcalan jedoch die kommunal-matriale Gesellschaft nicht als eine längst vergangene historische Begebenheit. Vielmehr erinnert er immer wieder daran, dass die Wurzeln dessen, was wir heute als schöne, gute und richtige Form des gesellschaftlichen Miteinanders verstehen, bis in die Anfänge der matrial-kommunalen Gesellschaft zurück reichen, also zehntausende, ja hunderttausende von Jahren alt sind: „Eine weitere wichtige Tatsache, die wir berücksichtigen müssen, ist, dass beide neuen Gesellschaften versuchen, auf der kommunalen Gesellschaft aufzusetzen. Die kommunale Gesellschaft, so wie wir sie definiert haben, existiert immer noch in allen Geweben der Gesellschaften, wenn auch nur als Überbleibsel. Da sie für die menschliche Spezies unverzichtbar ist, dürfen wir auch getrost annehmen, dass sie immer weiter existieren wird. Diese Gesellschaft besitzt die Qualität einer `Mutterzelle´. Wie Mutter- oder Stammzellen verschiedene Körpergewebe aufbauen und wenn nötig reparieren, so existiert die kommunal-matriale Gesellschaft in allen zwiegespaltenen Gesellschaften in ähnlicher Weise fort. Dass ich immer wieder betone, dass die kommunale Gesellschaft nicht verschwunden ist und nicht verschwinden wird, dass sie in den aus ihr geborenen demokratischen und zivilisierten Gesellschaften unter Konflikten, Spannungen und manchmal Kompromissen weiter besteht, hat bedeutende Ursachen und Konsequenzen.“ (14) Die matrial-kommunale Gesellschaft als lebendiges Erbe der Menschheit zu betrachten kann uns dabei helfen, ein realistischeres Bild von der Gefühls- und Gedankenwelt unserer jeweiligen Gesellschaft zu entwickeln. Auf dieser Grundlage können Niederlagen gesellschaftlichen Widerstandes besser verstanden und Entscheidungen bezüglich der richtigen Politik im 21. Jahrhundert für die Befreiung unser Gesellschaft getroffen werden.

Eine demokratische Politik für das 21. Jahrhundert auf der Grundlage kommunal-matrialer Gesellschaftlichkeit

Die demokratischen Kräfte dieser Welt stehen in ihrem jeweiligen gesellschaftlichen Kontext stets vor der Herausforderung, für die Befreiung ihrer Gesellschaft von Macht, Patriarchat und Staat die am besten geeigneten Formen des Kampfes zu entwickeln. Je nach den Begebenheiten, die sie vorfinden, finden sie unterschiedliche Antworten darauf, welche Form von Organisierung, Programm, Strategie und Taktik notwendig sind. Das Paradigma der Demokratischen Moderne kann hierbei als hilfreiche Grundlage dienen, doch dessen Übersetzung und Anwendung auf die konkreten Bedingungen einer jeden Gesellschaft ist und bleibt die Verantwortung der verschiedenen demokratischen Kräfte dieser Welt.

Öcalans Hinweis, dass die Wurzeln grundlegendster gesellschaftlicher Werte wie Demokratie, Freiheit und Gleichheit viele tausende Jahre alt sind und in Form der kommunal-matrialen Gesellschaft ihren Anfang nahmen, stellt in Zeiten der drängenden Suche nach Antworten auf die Krise der kapitalistischen Moderne eine sehr wichtige Hilfestellung dar. Denn die Rückbesinnung auf die Werte, Kultur und Praxis dieser Gesellschaftsform kann uns dabei helfen, das Ziel, die Werkzeuge und Wege unseres heutigen Kampfes richtig zu bestimmen. Wer sich bewusst auf die gesellschaftliche Tradition von Kommunalismus und Matriarchat bezieht, wird sich für spezifische Formen des Kampfes entscheiden. Diese Perspektive fordert zu einer deutlich ganzheitlicheren, sensibleren und nachhaltigeren Art des gesellschaftlichen Kampfes heraus, als etwa die Orientierung an reinen Klassenkämpfen oder kleinteiligen anarchistischen Widerständen. Denn wenn die Kraft gesellschaftlichen Lebens seit ca. 200.000 Jahren in der kommunalen und matrialen Organisierung des menschlichen Miteinanders verborgen liegt, gilt es für die demokratischen Kräfte genau diese Prinzipien überall in ihrer jeweiligen Gesellschaft erneut zu stärken und selbstbewusst der staatlichen Kultur aus Individualismus, Profitstreben, und Machtmonopolisierung entgegen zu stellen. Immer und überall werden wir uns fragen müssen, wie sich die kommunal-matriale Kultur unter den konkreten Bedingungen unserer Gesellschaft umsetzen und zu einer starken Alternative entwickeln lässt. Wie kann dies am besten auf dem Land gelingen und wie in den riesigen urbanen Räumen des 21. Jahrhunderts? Welche Spuren kommunal-matrialen Lebens finden wir in den verschiedenen Regionen und Kulturen unserer Gesellschaft und wie lassen sich diese verteidigen bzw. stärken? Welche Voraussetzung bringen die vorherrschenden Persönlichkeitseigenschaften unserer Gesellschaft für ein kommunal-matriales Leben mit? Die demokratischen Kräfte, die ihren Kampf für Freiheit, Demokratie und Gleichheit auf das historische Erbe der kommunal-matrialen Gesellschaft stützen, werden schnell erkennen, dass sie durch eine angemessenere historisch-soziologische Analyse ihrer Gesellschaft Niederlagen in ihrer eigenen Widerstandsgeschichte besser selbstkritisch hinterfragen und dadurch erfolgsversprechendere Formen von Organisierung, Programm, Strategie und Taktik entwickeln können. Auf diese Weise werden sie der Verantwortung besser gerecht werden können, im 21. Jahrhundert erfolgreich Politik für ihre jeweilige Gesellschaft und die Menschheit zu machen.

  1. https://jacobin.de/artikel/nancy-fraser-intersektionalitat-beschreibt-etwas-aber-erklart-nichts-kapitalismus-feminismus-ausbeutung/
  2. In der besagten Rede analysierte Abdullah Öcalan auf der Grundlage des marxistisch-leninistischen Paradigmas die globalen kapitalistischen Herrschaftsverhältnisse, die daraus resultierenden kolonialistischen Verhältnisse in Kurdistan, die Geschichte und damalige gesellschaftliche Gegenwart Kurdistans, die Frage des nationalen Befreiungskampfes in Kurdistan und den Aufbaus einer revolutionären Bewegung. Dies stellte einen wichtigen Schritt für die damals noch in der Entstehung begriffene Freiheitsbewegung Kurdistans dar.
  3. Abdullah Öcalan, Die Kapitalistische Zivilisation: Unmaskierte Götter und nackte Könige. Manifest der demokratischen Zivilisation. Band II, Unrast Verlag, S. 121 [Kapitel E – Historisch-gesellschaftliche Zivilisation und der Kapitalismus]
  4. Ebd., S. 118 [Kapitel E – Historisch-gesellschaftliche Zivilisation und der Kapitalismus]
  5. Ebd., S. 118 [Kapitel E – Historisch-gesellschaftliche Zivilisation und der Kapitalismus]
  6. Ebd., S. 119 [Kapitel E – Historisch-gesellschaftliche Zivilisation und der Kapitalismus]
  7. Ebd., S. 122 [Kapitel E – Historisch-gesellschaftliche Zivilisation und der Kapitalismus]
  8. Ebd., S. 122-123 [Kapitel E – Historisch-gesellschaftliche Zivilisation und der Kapitalismus]
  9. Ebd., S. 122 [Kapitel E – Historisch-gesellschaftliche Zivilisation und der Kapitalismus]
  10. Abdullah Öcalan, Soziologie der Freiheit. Manifest der demokratischen Zivilisation. Band III, Unrast Verlag, S. 322 [Kapitel E – Dimensionen der demokratischen Moderne; Abschnitt: 1. Die Dimensionen der moralischen und politischen Gesellschaft (demokratische Gesellschaft)]
  11. Abdullah Öcalan, Die Kapitalistische Zivilisation: Unmaskierte Götter und nackte Könige. Manifest der demokratischen Zivilisation. Band II, Unrast Verlag, S. 124 [Kapitel E – Historisch-gesellschaftliche Zivilisation und der Kapitalismus]
  12. Ebd., S. 124 [Kapitel E – Historisch-gesellschaftliche Zivilisation und der Kapitalismus]
  13. Ebd., S. 125 [Kapitel E – Historisch-gesellschaftliche Zivilisation und der Kapitalismus]
  14. Ebd., S. 127-128 [Kapitel E – Historisch-gesellschaftliche Zivilisation und der Kapitalismus]
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