Die Blume der Transformation blüht in Kurdistan

Die volle Entfaltung der Blume der Transformation wird schwierige, langfristige Kämpfe erfordern. Aber das, was die kurdische Gesellschaft zu erreichen versucht, kann als eine im Entstehen begriffene „Nowtopia“ bezeichnet werden. Und viele weitere sind am Horizont auf der ganzen Welt sichtbar, ein wahres Pluriversum von Praktiken und Weltanschauungen.

Stellt euch folgendes Szenario vor. Drohnen werfen Bomben auf euch ab, die zweitgrößte Armee der NATO rückt euch zu Leibe, mehrere hundert Jahre ethnischer Verfolgung haben versucht, eure Identität auszulöschen, eine militante und religiös faschistische Organisation tötet eure Männer und entführt eure Frauen und Kinder, um sie zu versklaven. Doch inmitten all dessen organisiert ihr Bildungscamps zu Frauenbefreiung, ökologischem Leben und Demokratie. Und ihr versucht eure Gemeinschaften zu mobilisieren um diese Ideale zu praktizieren. Klingt wie ein Fantasy-Film? In der Tat – nur ist es sehr real, sehr bodenständig, und es passiert genau jetzt.

Willkommen in einem der am wenigsten bekannten und verstandenen Kriegsgebiete der Welt, das auch eine der am wenigsten bekannten und geschätzten Initiativen für ein gerechtes, nachhaltiges und gleichberechtigtes Leben ist. Es handelt sich um Kurdistan, ein großes Gebiet, das von Kurd*innen zusammen mit vielen anderen ethnischen Gruppen (Armenier*innen, Yezid*innen, Araber*innen, Christ*innen) bewohnt wird und welches grenzübergreifend in den Gebieten der heutigen Türkei, des Irak, Syriens und des Iran liegt. Seit den 1970er Jahren haben sich die Kurd*innen der Verfolgung und den Massakern durch die Regime der Nationalstaaten, in denen sie leben, widersetzt und hunderte ihrer Siedlungen organisiert, um ihre eigene Version von Freiheit und Demokratie zu praktizieren.

Im März 2022 schrieb ich über die Blume der Transformation, die die folgenden fünf Blütenblätter umfasst und Teil eines Rahmenprogramms für radikale Alternativen ist, die sich aus Basisinitiativen in Indien und anderswo ergeben (siehe Abbildung unten):

  1. Ökologische Integrität und Widerstandsfähigkeit, einschließlich der Erhaltung der Natur und der natürlichen Vielfalt, der Aufrechterhaltung ökologischer Funktionen, der Achtung ökologischer Grenzen (lokal bis global) und einer ökologischen Ethik in allen menschlichen Handlungen.
  2. Soziales Wohlergehen und Gerechtigkeit, einschließlich eines erfüllten Lebens (physisch, sozial, kulturell und spirituell), Gleichheit zwischen Gemeinschaften und Individuen, gemeinschaftliche und ethnische Harmonie und Beseitigung von Hierarchien und Spaltungen aufgrund von Glaube, Geschlecht, Kaste, Klasse, ethnischer Zugehörigkeit, Befähigung und anderen derartigen Merkmalen.
  3. Direkte und delegierte Demokratie, mit Entscheidungsfindung beginnenden in Räumen, die jeder Person eine sinnvolle Beteiligung ermöglicht, und von dort aufbauend zu größeren Verwaltungsebenen führt, geprägt durch nach unten rechenschaftspflichtige Institutionen; und all dies unter Berücksichtigung der Bedürfnisse und Rechte der derzeit Ausgegrenzten.
  4. Wirtschaftsdemokratie, in der lokale Gemeinschaften und Einzelpersonen die Kontrolle über die Produktionsmittel, den Vertrieb, den Austausch und die Märkte haben, basierend auf dem Prinzip der Lokalisierung der Grundbedürfnisse und des darauf aufbauenden Handels; zentral hierfür ist die Ablösung des Privateigentums durch Commons.
  5. Kulturelle Vielfalt und Wissensdemokratie mit mehreren koexistierenden Wissenssystemen in den Commons, Respekt für eine Vielfalt von Lebensweisen, Ideen und Ideologien sowie Ermutigung zu Kreativität und Innovation.

Die Blume blüht in der kurdischen Erde

Jeder der oben genannten Bereiche kann durch Basisinitiativen in Kurdistan veranschaulicht werden. Ausführliche Informationen und mehr Dimensionen, als ich hier behandeln kann, finden sich auf verschiedenen Websites wie beispielsweise von der Akadmie der Demokratischen Moderne.

Radikale Demokratie

Die kurdische Freiheitsbewegung hat versucht, die vollständige regionale Autonomie von den Nationalstaaten, in denen sie gelegen sind, und die direkte, radikale Demokratie oder den demokratischen Konföderalismus für die Kommunen und Siedlungen, die in diesen Regionen verortet sind, durchzusetzen.

Mit Blick auf die Erfahrungen des russischen Staates und vieler anderer Länder, in denen revolutionäre Parteien an die Macht kamen, aber bei der Schaffung einer wirklich demokratischen Gesellschaft scheiterten, ging die kurdische Freiheitsbewegung rasch von einer Ideologie der Forderung nach einem sozialistischen kurdischen „Staat“ zu einer radikalen, in den Menschen und Kommunen verankerten Politik über. Diese Ideologie der radikalen Demokratie wurde vom primären Ideologen der Bewegung, Abdullah Öcalan, ein Gründungsmitglied und Vorsitzender der Arbeiterpartei Kurdistans (Partiya Karkêren Kurdistan, PKK) von 1978, propagiert. Als unersättlicher und scharfsinniger Leser der Geschichte von Bewegungen in der ganzen Welt kam Öcalan zu dem Schluss, dass wahre Freiheit darin besteht, dass die Menschen politische Akteure im wahrsten Sinne des Wortes sind und sich nicht von Politiker*innen und Bürokrat*innen beherrschen lassen. 1999 wurde Öcalan von NATO-Mächten in Absprache mit dem türkischen Staat entführt und ist seitdem unter schockierender Verletzung des Völkerrechts und der Menschenrechte auf einer Insel inhaftiert (meist in Einzelhaft). Dennoch ist es ihm gelungen, der kurdischen Gesellschaft einige der radikalsten Gedanken darüber zu vermitteln, was Freiheit bedeutet, insbesondere die Notwendigkeit der Frauenbefreiung (auf die ich weiter unten zurückkommen werde), und der Welt eine erstaunlich produktive Reihe revolutionärer Gedanken und Vorschläge zu unterbreiten.

Öcalans Vorstellungen von Politik, Macht und Demokratie können auf den ersten Blick verwirrend komplex sein. Er befürwortet die demokratische Moderne anstelle der kapitalistischen Moderne; letztere versklavt seiner Meinung nach weiterhin die Menschheit und den Rest der Natur, während erstere zu echter Freiheit für beide führen kann. Er ist sich bewusst, dass der Begriff „Moderne“ umstritten ist, da er seit einigen Jahrhunderten das kolonisierende Projekt der westlichen Industrienationen ist, das Tausende von traditionellen Lebens- und Wissensformen auslöscht. Aber er benutzt ihn, um zu verdeutlichen, dass die Bewegung für eine Politik, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt, sowohl zeitgenössisch als auch historisch ist. Sie wendet sich gegen die homogenisierenden Tendenzen der kapitalistischen Moderne und respektiert Prozesse, die „pluralistisch, nicht-deterministisch, offen für Alternativen, multikulturell, ökologisch und feministisch“ sind. Ausgehend von dieser grundlegenden Ideologie plädiert er für die Notwendigkeit einer demokratischen Nation, in der die Völker, die sich als Teil einer Nation (nicht gleichzusetzen mit dem Nationalstaat, sondern eher als ein gemeinsames demokratisches Bewusstsein auf der Grundlage des Prinzips „Einheit in Vielfalt“) verstehen, mit ihrem eigenen freien Willen und ihren eigenen ethnischen, religiösen und anderen Identitäten voll in die Entscheidungsfindung einbezogen sind. Solche Völker und Nationen können einen demokratischen Konföderalismus praktizieren, bei dem sich selbstverwaltete Kommunen zu größeren Regionen zusammenschließen, ohne die Autonomie jeder dieser Kommunen zu opfern. Auf diese Weise bewegt man sich auf eine demokratische Gesellschaft oder einen demokratischen Sozialismus zu (der sich, wie Öcalan zu betonen pflegt, stark vom Staatssozialismus unterscheidet, wie er in Russland, China und anderen Ländern umgesetzt wird, da diese sehr stark auf der Zentralisierung der Macht in den Händen des Nationalstaates beruhen).

Die kurdische Gesellschaft ist in Rojava (dem Teil Kurdistans, der zu Syrien gehört) am weitesten fortgeschritten, und auch in der Region Bakur (die derzeit von der Türkei besetzt ist) wurden bedeutende Fortschritte erzielt, bis es in den letzten Jahren durch wiederholte Angriffe des türkischen Staates zu großen Rückschlägen kam.

Sowohl die demokratische Moderne als auch der Konföderalismus beruhen auf einem differenzierten Verständnis von Macht und Politik. In den von Öcalan verwendeten türkischen Originalwörtern gibt es eine klare Unterscheidung zwischen iktidarci yönetim (Macht über andere) und demokratik yönetim (demokratische Politik oder Macht, sich selbst zu regieren – oder was Hannah Arendt als „Macht mit“ bezeichnete). Politik ist die „Kunst der Freiheit“, und deshalb ist es notwendig, dass jede*r politisiert wird; und dass die Politik auf dem moralischen Leben basiert, d. h. auf den Bräuchen und Regeln, die die Gesellschaft für die Führung des täglichen Lebens aufstellt, sowie auf „Respekt und Engagement für die Gemeinschaft und das gemeinschaftliche Leben“.

In vielerlei Hinsicht ähneln die kurdischen Versuche, eine demokratische Gesellschaft zu schaffen, anderen Kämpfen um Autonomie und Selbstbestimmung, wie dem der Zapatistas in Mexiko und indigener Völker in verschiedenen Teilen der Welt.

Soziokulturelle Gerechtigkeit und Gleichheit

Im Mittelpunkt der kurdischen Bewegung steht die Befreiung der Frauen aus der jahrtausendelangen Versklavung durch verschiedene Formen von Patriarchat und Männlichkeit. Öcalan zufolge ist der Staat eine Manifestation des Patriarchats, und die Familie ist ein „kleiner Staat des Mannes“, so dass die Freiheit der Frauen von der kleinsten bis zur größten Einheit der Gesellschaft reichen muss.

Angesichts des starken patriarchalen Pfeilers innerhalb der kurdischen (und anderer benachbarter ethnischer) Gemeinschaften in der Region war dies einer der schwierigsten Kämpfe für die Bewegung. Angefangen mit kleinen rebellischen Handlungen von Einzelpersonen oder Gruppen von Frauen, angespornt durch ihre zunehmende Beteiligung an der Rebellion gegen den Nationalstaat, auch als bewaffnete Guerillas (mehr dazu weiter unten), und lautstark befürwortet von Öcalan, wurde die Säule des Patriarchats (oder der Männlichkeit) systematisch untergraben. Dazu beigetragen haben auch die von der Bewegung aufgestellten Regeln und Normen, wie z. B. die Besetzung jeder politisch-verwaltenden, wirtschaftlichen und soziokulturellen Einrichtung mit einer Frau und einem Mann als Ko-Vorsitzende. Am wichtigsten war vielleicht die Förderung von Jineoloji, der „Wissenschaft der Frauenbefreiung“, eine Idee, die ursprünglich von Öcalan vorgeschlagen wurde, dann aber von vielen anderen in der Frauenbewegung durch eine Reihe von Jineoloji-Akademien und andere Aktivitäten zu einer ausgefeilten, tiefgründigen Sozialwissenschaft und Lebens-/Verständnis-/Seinsweise entwickelt wurde.

Die Geschichte der kurdischen Frauenbewegung und ihre zahlreichen Errungenschaften bieten faszinierende Lehren für die ganze Welt. Doch der Kampf ist noch lange nicht zu Ende; Frauen sehen sich immer wieder mit den Dimensionen der männlichen Vorherrschaft konfrontiert. Was hilft, sind Foren, in denen solche Verhaltensweisen in einer Atmosphäre des Lernens und nicht der Konfrontation zur Sprache gebracht werden können, wie z. B. beim Tekmil (ich komme weiter unten darauf zurück). Es wird Zeit brauchen einige tausend Jahre sexistischer Unterdrückung zu überwinden, um zu einer Situation zu gelangen, die Öcalan mit einer Formulierung, die die höfliche Gesellschaft schockieren dürfte, als „Tötung des dominanten Mannes“ bezeichnet. Dazu gehört auch ein Wandel in der Sichtweise der traditionellen Gesellschaft auf gleichgeschlechtliche Beziehungen oder auf mehrere Geschlechter und Sexualitäten sowie die Hinwendung zu Formen der Beziehung, die Hevjiyana azad (Zusammenleben in Freiheit) genannt werden.

Die Geschlechterfrage ist nicht die einzige Dimension des soziokulturellen Wandels in Kurdistan. Eines der schwierigsten Probleme, mit denen die radikale Demokratie überall konfrontiert ist, sind Spannungen zwischen verschiedenen ethnischen oder nationalen Identitäten. In Kurdistan sind die Kurd*innen nur eine von mehreren Ethnien und Glaubensgemeinschaften, zu denen Yezid*innen, Christ*innen, Armenier*innen und Araber*innen gehören. In einigen Gebieten sind die Kurd*innen in der Mehrheit, in anderen nicht. Aber selbst in den erstgenannten Gebieten hat die Bewegung versucht, allen Ethnien die gleiche Stimme und den gleichen Platz einzuräumen, z. B. in den relevanten Entscheidungsinstitutionen, bei der Verwendung von Sprachen in Versammlungen und Bildungseinrichtungen und sogar in den bewaffneten Guerillaeinheiten.

Ein einzigartiger Prozess, der dazu beigetragen hat, Konflikte und Spannungen oder als ungerecht empfundenes und ausbeuterisches Verhalten kontinuierlich und regelmäßig zur Sprache zu bringen, ist tekmil. Dabei handelt es sich um ein institutionalisiertes Forum für Kritik und Selbstkritik, das auf verschiedenen Ebenen der sozialen Mobilisierung, in der PKK und anderen politischen Institutionen sowie in den Guerilla-Einheiten stattfindet. Den Ton dafür gaben Öcalan und seine Genoss*innen wie Haki Karer, Kemal Pir, Sakine Cansiz in den Anfangsjahren des kurdischen Widerstands an; sie bestanden darauf, dass sich alle, auch sie selbst, diesem Prozess unterziehen. Als Beteiligter einer Organisation und einiger Vernetzungsinitiativen, in denen solche Prozesse des Feedbacks und der Offenheit versucht wurden, kann ich bezeugen, wie schwer es ist, einen Geist der Genossenschaftlichkeit zu gewährleisten, während man jemand anderen kritisiert, selbst offen für Kritik zu sein und selbstkritisch zu sein. Und doch scheint dies der kurdischen Bewegung gut gelungen zu sein. Sogar inmitten einer der brutalsten Kriegs- und Konfliktbedingungen, wie mehrere externe Beobachter*innen, die Zeit in Kurdistan verbracht haben, festgestellt haben.

Diese Beobachter*innen haben auch ein weiteres faszinierendes Experiment festgestellt: regelmäßige „Bildungs“-Sitzungen, an denen Mitglieder der Bewegung oder der Kommune teilnehmen. In diesen Bildungen, die einige Stunden bis mehrere Tage dauern, werden die Grundlagen der Revolution, wie die demokratische Moderne und der Konföderalismus, Jineoloji, die Geschichte der Kolonisierung und des religiösen Dogmatismus im Nahen Osten und anderswo, radikale Gedanken und Praktiken aus verschiedenen Teilen der Welt und andere derartige Themen vorgestellt und diskutiert. Auch die Leidenschaft des Lesen hat sich ausgebreitet, zum Teil durch regelmäßige Empfehlungen von Öcalan. Die Empfehlungen gab er sogar während seiner Haft, als er sich gelegentlich mit seinen Anwält*innen und seiner Familie treffen konnte (in den letzten fast zwei Jahren wurden die Besuche verboten). Die Bewegung führt solche „Bildungsveranstaltungen“ nun auch außerhalb Kurdistans durch; eine kürzlich gegründete Akademie der Demokratischen Moderne hat mehrere Veranstaltungen in Europa durchgeführt (ich hatte das Glück, im August 2022 an einer dieser Veranstaltungen teilzunehmen).

Soweit es möglich war, hat die Bewegung auch die Grundlagen der Geschichte und Kultur des Nahen Ostens, das Verständnis für die kurdische Bewegung und die Grundlagen der ökologischen Sensibilität in die Lehrpläne und die Pädagogik der formalen Bildungseinrichtungen eingebracht. Dies (und andere Aspekte wie kommunale Gesundheit) ist jedoch stark eingeschränkt, wo nationalstaatlich verordnete Bildungssysteme weiterhin vorherrschend sind; in vielen Fällen wird dabei die brutale Geschichte der Auferlegung von „nationalen“ Sprachen wie Türkisch fortgesetzt (wobei Kinder in den Schulen geschlagen und Erwachsene auf der Straße verhaftet wurden, wenn sie Kurdisch sprachen).

Wirtschaftliche Demokratie

Zu all den oben genannten Initiativen gehört auch die Fähigkeit, Rechte zur Verwaltung und Bewirtschaftung von Ressourcen zu beanspruchen, die für das wirtschaftliche Überleben und die Sicherheit wichtig sind.. Dabei kann es sich um kollektive Rechte auf Land- und Meeresgemeingüter, Wasser, Saatgut und Biodiversität, um die demokratische Kontrolle über industrielle oder handwerkliche Produktionsmittel oder um soziale, solidarische und gemeinschaftliche Ökonomien handeln. Da sich die kurdische Bewegung ausdrücklich sowohl gegen den Kapitalismus und auch gegen den Staat wendet, zielt sie darauf ab, die Wirtschaft in „demokratisch-kommunale“ Formen umzuwandeln. Dazu gehört die Etablierung von Unternehmen nach einem Kooperativen-Modell. Das bedeutet, dass die Arbeiter*innen und Produzent*innen die Kontrolle haben, und dass sich an „der Befriedigung der Grundbedürfnisse der Gesellschaft“ orientiert und nicht an der Erzielung eines maximalen Profits. Außerdem wird eine ökologisch nachhaltige Landwirtschaft und Produktion angestrebt; Öcalan nennt dies die Ersetzung des Industrialismus durch eine „Ökologische Industrie“. Auch hier ist die Feminisierung der Wirtschaft, die die Beziehungen der Fürsorge und des Teilens betont, entscheidend.

Die Geschichte der Kolonisierung von Gemeinschaftsgütern und -land, die gewaltsame Vertreibung von 2,5 Millionen Menschen von ihrem traditionellen Land, die anhaltenden Angriffe und die Beherrschung durch die Nationalstaaten, in denen Kurdistan liegt, das Erbe der Privatisierung der Landwirtschaft und des Bodens, die männliche Vorherrschaft in wirtschaftlichen Tätigkeiten und andere Faktoren sind große Hindernisse für die Demokratisierung der Wirtschaft. Aber die Bewegung macht weiter. Zu den beeindruckenden Initiativen gehören die Gründung von Hunderten von Kooperativen, die verschiedene Arten von Betrieben und Unternehmen führen, und ein einzigartiges Frauendorf, Jinwar, in dem nachhaltige Daseinsmöglichkeiten gefördert werden. Die Bewegung ist auch sehr daran interessiert, von erfolgreichen Initiativen der sozialen, solidarischen und gemeinschaftlichen Wirtschaft in anderen Teilen der Welt zu lernen.

Ökologische Weisheit und Widerstandsfähigkeit

Die Freiheit der Frau und Demokratie sind zwei der wichtigsten Säulen der kurdischen Bewegung, die dritte ist die ökologische Sensibilität; und alle sind untrennbar miteinander verbunden. Mit der Erkenntnis, dass die kapitalistische Moderne und der Nationalstaat die Erde verwüstet und die Menschen vom Rest der Natur entfremdet haben, begann Öcalan schon früh diesen Aspekt zu betonen. Dabei stützte er sich auch auf die spirituelle und ethische Verbundenheit der traditionellen mittelöstlichen Gesellschaft mit dem Rest der Natur, indem er beispielsweise feststellte, dass „es bemerkenswert ist, dass das sumerische Wort für Freiheit, ‚Amargi‘, die Rückkehr zur Mutter-Natur bedeutet. Zwischen Mensch und Natur besteht quasi eine Liebesbeziehung“; und weiter, dass „dieses frühere Naturbewusstsein eine Mentalität förderte, die eine Vielzahl von Heiligkeiten und Gottheiten in der Natur anerkannte. Wir können das Wesen des kollektiven Lebens besser verstehen, wenn wir anerkennen, dass es auf einer Metaphysik der Heiligkeit und Göttlichkeit beruhte, die aus der Verehrung der Mutter-Frau hervorging.“ Für die kurdische Bewegung sind die Rechte der Natur genauso zu respektieren wie die der Menschen. Die Menschen und der Planet, nicht Macht und Profit, sind der Dreh- und Angelpunkt der Revolution. Die Philosophie von Hevjiyana azad sollte nicht nur auf die Beziehungen zwischen Menschen, sondern auch auf die Beziehungen zwischen Menschen und anderen Lebewesen ausgedehnt werden.

Doch wie die Bewegung einräumt, gehört dies zu den am wenigsten entwickelten Aspekten der Revolution, deren praktische Anwendung erst in den 1990er Jahren ernsthaft begann. Die Geschichte der Umweltzerstörung durch koloniale und nationalstaatliche Mächte in der Region, die anhaltende Belagerung Kurdistans, die Auferlegung zerstörerischer Infrastrukturprojekte, die Industrialisierung der Landwirtschaft und die fortgesetzte Abhängigkeit von Einnahmequellen wie Öl machen die Ziele der Regeneration und Nachhaltigkeit sehr schwer erreichbar. Zu den ersten ökologischen Bewegungen der letzten Zeit in der Region gehören Kampagnen gegen Mega-Wasserbauprojekte wie Ilisu am Tigris und Dämme am Munzur-Fluss in Dersim. Kampagnen wie „Make Rojava Green Again“ umfassen groß angelegte Baumpflanzungen, die Reinigung von Wasserquellen, Gemeinschaftsgärten und andere Aktivitäten dieser Art. Das oben erwähnte „Frauendorf“ Jinwar mit dem Ziel der nachhaltigen Selbstversorgung ist ein weiteres Experiment, von dem die Bewegung hofft, für andere ähnliche Initiativen zu lernen. In vielen Gemeinden, in denen von der kurdischen Bewegung unterstützte Parteien wie die HDP regieren, wurden ernsthafte Versuche bei der städtische Wiederbegrünung, im öffentlichen Nahverkehr, bei der Säuberung von Gewässer, hinsichtlich angemessenen Wohnraums für die Armen und anderer Maßnahmen unternommen. Eine breite Plattform, die Mesopotamia Ecology Movement, hat sowohl den Widerstand als auch die Diskussionen und Maßnahmen zum Thema Umwelt durch regionale und thematische Kommissionen unterstützt.

Interessanterweise haben die Guerilla-Einheiten der kurdischen Bewegung in den letzten drei Jahrzehnten auch Wert auf eine ökologische Lebensweise gelegt. Dazu gehört die minimale Belastung der Natur in den Bergen, in denen sie leben, die Beschränkung des Fällens von Bäumen und des Jagens auf das absolut Notwendige, kein Wegwerfen von Plastik- oder Metallabfälle, die Unterstützung zur Wiederherstellung von Ökosystemen, die in der Vergangenheit geschädigt wurden, und das ständige Sprechen über Ökologie im Rahmen ihrer „Bildungen“.

Intersektionalität und Werte

Diskriminierung und Marginalisierung können intersektional sein, z. B. sind ökologisch schlechte Arbeits- und Lebensbedingungen für diejenigen am stärksten ausgeprägt, die aufgrund von Ethnie, Kaste oder Klasse marginalisiert sind, oder ein unzureichender Zugang zu nahrhaften Lebensmitteln kann auf anderen Diskriminierungen gegenüber Frauen aufbauen. Und so sind die Antworten auf diese Probleme in vielen der oben genannten Initiativen auch intersektional oder berücksichtigen überschneidend die fünf Bereichen.

In der kurdischen Bewegung gibt es eine klare und oft vorbestimmte Intersektionalität. Am deutlichsten wird dies im Hinblick auf die Geschlechterdimension in jedem Aspekt der Transformation, dem politischen, sozialen, kulturellen und ökologischen. Für die Kurd*innen liegt die Revolution nicht in der Zukunft, sondern in der Gegenwart. Und sie ist nicht stückweise, sondern ganzheitlich. Das bedeutet, sie in all ihren Dimensionen so weit wie möglich gleichzeitig zu leben. Sie wollen die Fehler vergangener revolutionärer Bewegungen nicht wiederholen, bei denen das Vorleben der angestrebten Lebensweisen im Hier und Heute fehlte oder die gleichzeitige Veränderungen in den äußeren und inneren Dimensionen versäumt wurde. Das hat zu einem mehrfachen Scheitern geführte, selbst nachdem die Bewegung die Kontrolle übernommen hatte.

Indem sie versuchen, die Radikalisierung der politischen Entscheidungsfindung mit soziokulturellem Wandel, wirtschaftlicher Demokratie und ökologischer Vernunft zu verbinden, veranschaulichen Bewegungen wie die kurdische eine radikale ökologische Demokratie oder (um einen aus dem indischen Kontext stammenden Begriff zu verwenden) ecoswaraj. Sie setzen sich für die lokale Entscheidungsfindung ein und übernehmen gleichzeitig Verantwortung für andere Menschen und den Rest der Natur. Und sie beruhen auf einer Reihe von Werten und Normen, von denen viele seit Jahrhunderten überliefert sind, wie z. B. gemeinschaftliches Leben, Solidarität, wechselseitiger Zusammenhang und Vielfalt; viele sind jüngeren Datums, wie z. B. radikale Demokratie, Frauenbefreiung und die Gleichstellung der Geschlechter. Die Ansätze der demokratischen Gesellschaft und der Jineoloji umfassen diese und andere Werte in einer Weise, die jeden Tag gelebt wird und nicht nur ein theoretisches Konstrukt bleibt. Nichts davon ist perfekt erreicht, wie kurdische Aktivist*innen und Intellektuelle selbst in der Tradition ständiger Selbstkritik betonen. Aber zumindest werden ständig aufrichtige Versuche unternommen, und viele sind in den oben beschriebenen politischen, soziokulturellen und wirtschaftlichen Aktivitäten sichtbar.

Einer der vielleicht schwierigsten Kompromisse, die die Bewegung eingehen musste, ist die Entscheidung für den bewaffneten Widerstand. Gewalt ist im Grunde genommen gegen ihre Philosophie. In den ersten Jahren hat sie versucht, mit dem türkischen Staat zu verhandeln und eine autonome Region anzustreben. Doch als die militärische Aggression sowie die gewaltsame kulturelle und wirtschaftliche Vorherrschaft der Türkei anhielten und die Kurd*innen hier wie auch anderswo in Kurdistan fast ausgerottet wurden, veranlasste die Dringlichkeit nach Selbstverteidigung die Bewegung dazu, sich zu bewaffnen. Sie hat jedoch ausdrücklich erklärt, dass Gewalt nur zur Selbstverteidigung und niemals als Angriff eingesetzt wird und dass sie sich weiterhin um eine friedliche Lösung bemühen wird. Sie hat wiederholt einseitige Waffenstillstände angekündigt, um eine solche Lösung zu versuchen, aber die Türkei hat diese nicht erwidert oder eingehalten. Die schamlose Inhaftierung von Öcalan seit nunmehr 23 Jahren ist ebenfalls ein Hindernis für einen bedeutungsvollen Friedensprozess.

Die volle Entfaltung der Blume der Transformation wird schwierige, langfristige Kämpfe erfordern. Aber das, was die kurdische Gesellschaft zu erreichen versucht, kann als eine im Entstehen begriffene „Nowtopia“ bezeichnet werden. Und viele weitere sind am Horizont auf der ganzen Welt sichtbar, ein wahres Pluriversum von Praktiken und Weltanschauungen. Ohne in irgendeiner Weise die enormen Herausforderungen zu verharmlosen, die das herrschende militärisch-industrielle-kapitalistisch-staatliche System und die fortbestehenden Formen des Patriarchats, des Rassismus und des Anthropozentrismus mit sich bringen, geben diese inspirierenden Nadelstiche in der Dunkelheit Hoffnung auf eine gesündere, gerechtere Welt.

Um es noch einmal zu wiederholen, wie die Kurd*innen sagen: Die Revolution ist jetzt. Und sie steht auf dem Fundament von jin-jiyan-azadi – Frauen, Leben, Freiheit!

Der Artikel erschien zuerst auf meer.com.

Ashish Kothari ist einer der Gründer der indischen Umweltgruppe Kalpavriksh. Ashish war in einer Reihe von gesellschaftlichen Bewegungen aktiv, darunter Narmada Bachao Andolan (Rettet die Narmada-Bewegung) und Beej Bachao Andolan (Rettet das Saatgut). Er hilft bei der Koordinierung des Vikalp Sangam (Alternatives Confluence, www.vikalpsangam.org) Prozesses in Indien und des Global Tapestry of Alternatives weltweit (https://globaltapestryofalternatives.org). Er hilft beim Betrieb der Website und der dazugehörigen Liste der Radical Ecological Democracy (www.radicalecologicaldemocracy.org). Er ist Autor oder Herausgeber von über 30 Büchern (darunter Churning the Earth: Making of Global India; Alternative Futures: India Unshackled; und Pluriverse: A Post-Development Dictionary) und über 400 Artikel.

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