Demokratischer Konföderalismus als Alternative zum Kapitalismus

 

Ich grüße hochachtungsvoll die ehrenvollen Teilnehmer der Konferenz, die das Paradigma der Ideen des Vorsitzenden Apo [gemeint ist Abdullah Öcalan, der Ehrenvorsitzende der PKK und der kurdischen Freiheitsbewegung; Anm. d. Red.] diskutieren. Die auf dieser Konferenz diskutierten Ideen sind sehr wertvoll. Insbesondere zur jetzigen Zeit, da die Menschheit in ihrer tiefsten Krise und Depression steckt, die Gedanken des Vorsitzenden Apo zur Lösung dieses Chaos und dieser Krise zu diskutieren, wird vor allem für Europa und die restliche Welt wegweisend dafür sein, eine Lösung für die aus dem Kapitalismus erwachsenden Probleme zu finden. Ich weiß, dass dies eine wichtige Rolle spielen wird.

Ihr alle wisst, dass die derzeitigen grundlegenden Probleme der Menschheit ihren Ursprung im Kapitalismus und der kapitalistischen Moderne haben. Es ist heutzutage nicht nur die Krise der kapitalistischen Moderne oder des Nationalstaats, sondern die Krise des 5 000 Jahre alten etatistischen Systems. Das etatistische System schafft mit seiner Ausbeutung gesellschaftliche Probleme, die für die Menschheit nun nicht mehr tragbar sind. Die Menschen sehnen sich danach und freuen sich auf die Abschaffung dieser durch den Etatismus und den Nationalstaat geschaffenen Probleme. Um die kapitalistische Moderne aber bekämpfen zu können, ist von Beginn an ideologisch eine korrekte Herangehensweise erforderlich. Es ist nicht zu leugnen, dass jede historische Moderne oder alle neuen Ideen mit der Kraft neuer Gedanken und mit Organisierung gesiegt haben. Daher wird die demokratische Moderne auch die kapitalistische Moderne ideologisch besiegen. Dazu muss die Geschichte als Ganzes betrachtet werden. Denn die kapitalistische Moderne hat eine Geschichte: Staat, Klasse, Macht und Ausbeutung sind dauerhaft und weisen auch eine Dauerhaftigkeit auf. Der Kapitalismus ist das Ergebnis dieses Systems. Die kapitalistische Moderne beruht darauf. Sogar das hat eine Geschichte. Und auch die demokratische Moderne hat eine Geschichte. Sie wiederum beruht auf der demokratischen Kultur, seit Beginn der kommunalen Gesellschaft gegen den Etatismus zu kämpfen. Die Geschichte der kapitalistischen Moderne ist die Geschichte der demokratischen Zivilisation. Aus diesem Grunde ist es enorm wichtig, die Geschichte als Ganzes zu betrachten. Die demokratische Moderne muss im Gesamten wahrgenommen werden, um den Kampf im Gesamten gegen die kapitalistische Moderne zu führen.

Hier also lag in der Vergangenheit der Fehler des Realsozialismus. Er war nicht völlig gegen die kapitalistische Moderne, sondern gegen den Kapitalismus, aber nicht gegen die kapitalistische Moderne. Er hatte sogar selbst die Argumente für die grundlegenden Werte der Moderne, für den Nationalstaat und die Industrialisierung als Grundlage. Und dies sogar so weit, dass die zu Beginn der 17.-Oktober-Revolution erstarkten Sowjets durch den Staat ersetzt wurden. Die Elektrifizierungsindustrie wurde von ihnen regelrecht auf eine religiöse, heilige Ebene gehoben. Und dadurch die Natur zerstört. Die Zerstörung der Natur wiederum hat zu einer negativen Herangehensweise an die Gesellschaft geführt. Aus diesem Grund ist der Realsozialismus untergegangen. Sein Niedergang hat nichts mit dem mangelnden Kampf gegen den Kapitalismus zu tun, denn er war wirklich sein Gegner. Er stand dem Kapitalismus gegenüber, aber nicht der kapitalistischen Moderne. Es kann aber keinen Kampf gegen den Kapitalismus geben, ohne ihn nicht auch gegenüber seiner Moderne zu führen. Daher war der Realsozialismus zum Scheitern verurteilt. Unter diesem Gesichtspunkt muss die Grundlage des Kampfes der demokratischen Moderne gegen den Kapitalismus und seine Moderne als ideologische Gesamtheit der gesamte Kampf gegen die kapitalistische Moderne sein. Das ist von enormer Wichtigkeit.

Anarchisten sind gegen den Staat und gegen den Kapitalismus, aber sie sind Individualisten. Dabei ist es der Kapitalismus, der gegen die Gesellschaft ist, der sie zersetzt. Er lebt, indem er die Gesellschaft spaltet. Die Anarchisten sind zwar gegen Staat und Kapitalismus, haben aber nicht seine heftigste Gegnerin, die Gesellschaft verteidigen können. Sie haben verloren, weil sie sich nicht vergesellschaften bzw. sozialistisch werden konnten. Ökologen haben geglaubt, die Natur verteidigen zu können, ohne gegen Staat und Kapitalismus zu sein. Dabei sind die Argumente verschiedener Umweltschutzgruppen in den kapitalistischen Zentren entstanden. Daher haben sie auch keinen starken Widerstand gegen die Industrialisierung leisten können und keinen Einfluss gewonnen. Sie sind nicht antikapitalistisch und antietatistisch. Ohne das ist jedoch der Schutz der Natur nicht möglich. Die Feministinnen sind gegen die Machthaber, sie stellen sich dem Patriarchat entgegen, weit weniger aber dem Kapitalismus und dessen erschaffenen Frauenbild, seiner Realität und Typologie. Da, wo sie sich entgegengestellt haben, konnten sie aber keine Ideologie, Organisierung und Strukturierung schaffen. Somit steckten sie dem Kapitalismus gegenüber in einer ausweglosen und kraftlosen Situation. Ja, sie sind gegen das Patriarchat und vielleicht auch gegen die Herrschenden, aber solange keine konsequente Opposition gegen den Kapitalismus und sein Frauenbild arbeitet, sind die Feministinnen wirkungslos.

Derzeit gibt es im Mittleren Osten religiöse Strömungen gegen den Westen, den Kapitalismus und den Imperialismus. Auch sie kämpfen nicht konsequent gegen den Kapitalismus und die kapitalistische Moderne. Sie verteidigen und akzeptieren sogar deren Werte mit den Worten, dass alles, was die Modernisten und ihre Wissenschaftler sagen, in ihren Quellen stände und sie die Ereignisse viel früher und viel besser vorausgesagt hätten. Letztendlich wollen sie religiös untermalt die Werte der kapitalistischen Moderne, den Nationalstaat und die Industrialisierung am Leben erhalten. Es handelt sich sozusagen um eine Version der kapitalistischen Moderne. Sie sind gegen eine Orientalisierung, betrachten aber den Ist-Zustand und die Vorkommnisse aus Sicht der Soziologen, die den Zentren der kapitalistischen Moderne entspringen. Sie sind also nicht wirklich Gegner der Modernisten. Es ist extrem wichtig, den Kampf gegen die kapitalistische Moderne als einen komplexen Kampf zu sehen. Es reicht nicht zu sagen, ich bin gegen Kapitalismus. Es muss von Anfang an eine Alternative bestehen, denn andernfalls löst es sich unausweichlich in der kapitalistischen Moderne auf. In dieser Hinsicht präsentiert die demokratische Moderne ihre Alternativen zur kapitalistischen Moderne. Das ist sehr wichtig. Denn es reicht nicht, gegen den Kapitalismus zu sein, wenn die ökologische Gesellschaft, die industrielle Gesellschaft, der demokratische Konföderalismus, die Ethik der politischen Gesellschaft nicht dargestellt werden und ihr struktureller Aufbau nicht herausgearbeitet wird.

Alle behaupten, gegen den Kapitalismus zu sein. Geht es jedoch darum, gegen seine Strukturen anzugehen und Strukturen in der demokratischen Moderne zu gestalten, kann sich niemand vom Kapitalismus lossagen. Daran sieht man die Abhängigkeit von ihm. Das ist seine Realität, denn das System der kapitalistischen Moderne hat mit dem Individualismus so viele Menschen an sich gebunden, dass es sogar seine Gegner bei sich hält. Daher muss die ihm entgegengestellte Alternative mächtig sein und als Gesamtes aufgestellt werden. Es reicht nicht aus, nur gegen den Kapitalismus zu sein, sondern die Alternative des demokratischen Konföderalismus muss dem Nationalstaat gegenüber aufgestellt werden. Eine ethisch-politische Gesellschaft muss geschaffen werden. Die Industrialisierung sollte nicht verherrlicht werden.

Die Industrialisierung wird ebenso verherrlicht wie die Technik. Ja, die Revolution wissenschaftlicher Technik ist gut, aber die Industrialisierung nicht. Industrie und Technik haben eine Bedeutung, wenn die Natur dadurch zerstört wird. Natur und Gesellschaft sind eine Einheit. Die Natur ist die erste ihrer Art und die Gesellschaft die zweite. Daher ist im Kampf gegen den Kapitalismus die Verteidigung der Gesellschaft enorm wichtig. Die Gesellschaft muss den Kern bilden. Beispielsweise haben viele Kapitalismusgegner verschiedene Analysen über die gesellschaftlichen Klassen. Zweifellos gib es Klassen, aber wie sind sie entstanden? Sie sind entstanden, indem die Gesellschaft zersprengt wurde. Dieser Staat und die Gruppe der Machtprofiteure haben sich nicht am Anfang gegen die Klassen aufgelehnt und sind damit nicht an die Staatsmacht gekommen. Indem die Gesellschaft gesprengt und in Klassen geteilt wurde, sind sie zu Macht und Staat geworden. In dieser Hinsicht ist die Gesellschaft das im Kern Wertvolle und das zu Verteidigende. Die demokratische Moderne kann nicht verteidigt werden, ohne die Gesellschaft zu verteidigen. Das muss erkannt werden. Ich wiederhole, die Verteidigung der Gesellschaft ist der Kern. Erst wenn wir die Gesellschaft und ihre Werte verteidigen, dann stellen wir uns der kapitalistischen Moderne entgegen.

Ich möchte vor allem betonen: Demokratie kann nur mit einer demokratischen Gesellschaft bestehen und der Kapitalismus ist ein Gegner der Demokratie. Die Bedingungen des Kapitalismus stehen einer Demokratie entgegen, da er die Gesellschaft auflöst. Und das Auflösen der Gesellschaft bedeutet einen Widerspruch zur Demokratie. Tatsache ist, dass Demokratie und Gesellschaft miteinander verbunden sind. Wahre Demokratie ist nur mit einer demokratischen Gesellschaft möglich. Daher bedeutet die Verteidigung der demokratischen Gesellschaft die Verteidigung der Demokratie und ist der wichtigste Kampf gegen den Kapitalismus. Ich möchte hier auch hervorheben: Eine demokratische Gesellschaft ist mit Sozialismus gleichzusetzen. Sozialismus und demokratische Gesellschaft bzw. Demokratie sollten nicht als zweierlei Angelegenheiten betrachtet werden. Wirkliche Demokratie bzw. eine auf der demokratischen Gesellschaft beruhende Demokratie ist gleich Sozialismus und Sozialismus ist gleich wirklicher Demokratie. Sozialismus bedeutet Vergesellschaftung. Daher sollte der Zusammenhang zwischen Demokratie und Sozialismus erkannt und beides als gleichwertig betrachtet werden. Demokratische Voraussetzungen sind für die Kommune notwendig, denn ohne Demokratie ist der Schutz der Kommune nicht möglich. Die Kommune wird nur von Demokratie geschützt. Es ist undenkbar, Sozialismus und Kommune ohne Demokratie zu schaffen. In dieser Hinsicht sind die demokratische Moderne, Demokratie und demokratische Vergesellschaftung mit dem Sozialismus gleichzusetzen. Das ist von großer Wichtigkeit.

Die wesentlichsten Unterschiede bestehen zwischen Kapitalismus und demokratischer Moderne. Kapitalismus und kapitalistische Moderne bedeuten Zivilisation. Das heißt, dass das gesamte Immaterialgut ausradiert wird. Diese immateriellen Güter sind jedoch Werte der Gesellschaft und somit vergesellschaftet. Gesellschaft und Immaterialgut sind miteinander verwoben. Es sind die ideellen Werte der Gesellschaft. Ein Materialist hat keine ideellen Werte. In den alten Gesellschaften der alten Welt vor Hunderten von Jahren wurden Materialisten aus der Gesellschaft ausgestoßen. Die demokratische Moderne muss das Immaterialgut wieder hervorheben. Ideelle Werte müssen betont werden. Das ist nur zu schaffen, wenn sich die Vergesellschaftung angeeignet wird, wenn sich also die gesellschaftlichen Werte angeeignet werden. Ohne die gesellschaftlichen Werte, also ohne die höhere Stellung der Gesellschaft, in der das Individuum die Gesellschaft als vorrangig betrachtet, sich mit der Einstellung »erst die Gesellschaft, dann ich« bzw. »ich existiere mit der Gesellschaft« dieser opfert, ohne all dies kann die demokratische Moderne nicht aufgebaut werden. Sie kann nicht mit materialistischer Mentalität geschaffen werden. Es ist nicht möglich, die demokratische Moderne mit den materiellen Gütern des Kapitalismus und den materialistischen Gütern des Westens zu erschaffen. Daher ist es notwendig, sich von materialistischen Gütern zu lösen und sich an die ideelle Kultur zu binden. Werte wie Gerechtigkeit, Gewissen, Ethik, Gleichheit, Nachbarschaft, Freundschaft, Genossenschaft müssen sich angeeignet werden. Ohne diese Werte ist eine demokratische Moderne unmöglich. Sie ist mit der heutigen Kultur des Individualismus nicht zu realisieren. Idealismus und Sozialismus sind dafür unerlässlich.

Damit verbunden ist zur Errichtung der demokratischen Moderne die freiheitliche Linie der Frauen. Die Freiheit der Frau ist das Leben selbst. Frau und Leben gehören zusammen. Ohne den Bezug zwischen der Wertstellung des Lebens und der Freiheit der Frau ist die demokratische Moderne nicht möglich. Das Paradigma des Vorsitzenden Apo sind die Frau, freiheitliche Demokratie und ökologische Gesellschaft, an seiner Spitze steht die Freiheit der Frau. Denn die Geschichte der demokratischen Moderne ist einerseits auch die Geschichte der freiheitlichen Frau bzw. des demokratischen Charakters der Frau. Im Gegensatz dazu ist jedoch die Geschichte der kapitalistischen Moderne eine der Beherrschung der Frau, der Entartung ihres Lebens und der Zerstreuung ihres Lebens. Also der Sinnlosigkeit ihres Lebens. Die von unserem Vorsitzenden Apo aufgezeigte freiheitliche Linie der Frau wird überall als wertvoll erachtet, aber nicht, weil es nur die Frauen betrifft, sondern weil es die Kernbedeutung des Lebens und der demokratischen Moderne ist.

Als eine Alternative muss die demokratische Moderne also den ideellen, ethischen, gesellschaftlichen und moralischen Werten eine sehr große Bedeutung beimessen. Der Vorsitzende Apo hat hierzu einen sehr wichtigen Begriff in den Raum gestellt, der beachtet werden und an Bedeutung gewinnen muss. Er nennt es die ethisch-politische Gesellschaft. Die Gesellschaft ist in ihrem Kern ethisch und politisch, erklärt er, es gibt keine Gesellschaft, die es nicht ist. Der Kapitalismus hat die ethisch-politische Gesellschaft zerstört. An die Stelle der Ethik ist die Wertlosigkeit und an die Stelle der Politik die Macht gesetzt worden. Die Ethik ist wie ihre Theorie, es handelt sich um Werte. Alle Werte der Gesellschaft sind ethisch. Die Politik wiederum ist dessen praktische Umsetzung im gesellschaftlichen Leben. In dieser Hinsicht muss die demokratische Moderne als wirkliche Alternative zur kapitalistischen Moderne eine entsprechende Bedeutung gewinnen und ethisch-politische Werte schaffen, um die Menschen zu mobilisieren. Das ist mit trockener Theorie und Ideologie nicht möglich. Es geht nicht dadurch, dass man nur gegen Kapitalismus ist oder eine solche Gesellschaft schaffen will. Die Menschheit, die Gesellschaft muss Erregung verspüren. Das wiederum funktioniert nur damit, dass ethisch-politische Werte gelebt werden. Mit dem Aufbau einer organisierten Gesellschaft organisieren wir diese und den demokratischen Konföderalismus, die Frauen, die Jugend, die Werktätigen. Mit ihrer Organisierung probieren sie von den ethisch-politischen Werten. Diese Gesellschaft muss sich selbst und ihre Organisierung zu einer ethisch-politischen Gesellschaft hinbewegen. Wenn es geschafft ist, dann sind diese Gesellschaft und all diese Werte Grundlage für das demokratische Modell. Und sie ist eine Gesellschaft, die der kapitalistischen Moderne als Alternative gegenübersteht.

Daher muss die demokratische Moderne in der Zukunft die Gesellschaft als Kern enthalten. Zudem muss mit der ethisch-politischen Gesellschaft der demokratische Konföderalismus als Alternative zum Staat geschaffen werden. Ethisch-politische Gesellschaft und demokratischer Konföderalismus sind miteinander verbunden, denn ohne ethisch-politischen Charakter ist ein demokratischer Konföderalismus nicht umsetzbar bzw. der Aufbau eines demokratischen Konföderalismus ist ohne eine ethisch-politische Gesellschaft ohne Bedeutung. Sie wird nicht zu einer wirklichen Alternative werden, weshalb ich diese Parameter als äußerst wichtig betrachte. Ich betone daher, dass die Verteidiger der demokratischen Moderne und deren Gründer in Zukunft auf diese grundlegenden Punkte achten müssen. In diesem Sinne grüße ich Euch alle und wünsche Euch eine erfolgreiche Arbeit.

 

Videoansprache von Mustafa Karasu, Mitglied des Exekutivrats der Gemeinschaft der Gesellschaften Kurdistans (KCK) an die Konferenz »Die kapitalistische Moderne herausfordern III«.

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